Die Hebammen von Adelsberg (1)

Was bedeutete es, dass Karolina Maier geb. Keller, die Mutter von Ernst und meine Ur-Ur-Großmutter, Hebamme in Adelsberg war? Welchen Stand hatte sie damit inne, welche Verpflichtungen und welche Rechte? Und wie sah ihr Alltag aus?

Zunächst einmal ist es wichtig, den sozialen Rahmen zu verstehen, in dem Karolina tätig war.

Im Normalfall fand die Geburt zuhause statt, auch in ärmlichen Verhältnissen. Anwesend war höchstens eine Hebamme, und gerade sie war nach Ansicht vieler Ärzte schuld daran, daß die Stillhäufigkeit immer mehr zurückging. Hebammen, hieß es, bestärkten die Frauen in ihrer Abneigung gegen das Stillen und waren nur allzu rasch bereit Stillunfähigkeit zu attestieren und künstliche Ernährungsformen zu empfehlen. Auch hier tat gründliche Information und staatliche Intervention not: So bestimmte ein Regierungserlaß von 1905, daß die Medizinalbeamten die ihnen unterstellten Hebammen darauf verpflichten mußten, die Wöchnerinnen zum Stillen anzuhalten. (Frevert, Ute: „Fürsorgliche Belagerung“- Hygienebewegung und Arbeiterfrauen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985), 4, S. 420- 446, hier S.439.)

Dabei nahmen Hebammen nicht nur dort, aber insbesondere in Dörfern seit Jahrhunderten eine wichtige Position, auch als Ausdruck eines durch die Gruppe der Frauen kontrollierten Bereich des gemeinschaftlichen Lebens ein. (Kinzelbach, Annemarie: Women and healthcare in early modern German towns, in: Renaissance Studies (28), 2014, S. 619-638.)

Die Bezeichnung „Hebamme“ stand allein der besten, vor allem aber der von den Dorffrauen als solche anerkannten, Geburtshelferin zu. […] überall im deutschsprachigen Raum wurde die Dorfhebamme zumindest bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts, von den verheirateten Dorffrauen gewählt. Dieses einzige öffentliche Recht der Frauen, das Recht zur Wahl ihrer Hebemutter, das sich bereits im Mittelalter und wahrscheinlich auch davor feststellen läßt, bildete ein festgefügtes Ritual der Frauengemeinschaft. Sie versammelte sich […] entweder alljährlich zu einem bestimmten Termin, um die alte Hebamme in ihrem Amt zu bestätigen, oder sie trat dann zusammen, wenn es galt, die Hebammenstelle neu zu besetzen […]. (Labouvie, Eva: Selbstverwaltete Geburt – Landhebammen zwischen Macht und Reglementierung (17.-19. Jahrhundert), in: Geschichte und Gesellschaft (18), 1992, 4, S. 477-506, hier S.485.)

Diese selbstbestimmte Wahl wurde im Laufe der Zeit durch die unterschiedlichen Obrigkeiten, denen die (Dorf)Frauen unterworfen waren, immer weiter eingeschränkt: Das Wahlrecht der verheirateten Frauen, welches sie auch dort immer wieder durchzusetzen versuchten, wo es von der Landesherrschaft seit dem 17. und 18. Jahrhundert den Pfarrern oder Ortsbediensteten übertragen worden war, blieb ein steter Zankapfel. (Labouvie S.486)

 Der Weg von der freien Hebamme des Mittelalters, die Geburtshelferin und Gynäkologin zugleich sein konnte, führte von kontrollierenden Pflichtfestschreibungen durch Hebammenordnungen und Vereidigungen, über Hierarchisierung, Verschulung und Professionalisierung schließlich Ende des 19. und im 20. Jahrhundert zu ärztlich geleiteten Gebäranstalten, Hospitälern und Krankenhäusern. In diesen durften die Hebammen nun unter Anweisung von Medizinern tätig sein oder sich als ausgebildete Kreis- und Bezirkshebammen mit Niederlassungsgenehmigung betätigen, eine Entwicklung, die bis heute allgemein noch Gültigkeit hat. (Labouvie S.478) 

Und doch lag in der staatlichen Kontrolle über das Hebammenwesen auch eine Chance für die Einzelne, die nun, ausgestattet mit einer zertifizierten Ausbildung, ein geregeltes Einkommen einfordern konnte und damit eine gewisse Selbstständigkeit und Unabhängigkeit in einer Gesellschaft, die weibliche Erwerbsarbeit gewöhnlich nicht schätzte, erhielt:

Bezahlte Frauenarbeit galt während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im öffentlichen Bewußtsein weithin als notwendiges Übel für Minderbemittelte, wenn nicht als Schande. Bis 1900 unterstanden alle verheirateten Frauen nach den Bestimmungen des Allgemeinen Preußischen Landrechts männlicher Vormundschaft, ohne deren Einwilligung sie keinen Arbeits- oder Mietvertrag eingehen durften. (Nienhaus, Ursula: Von Töchtern und Schwestern – Zur vergessenen Geschichte der weiblichen Angestellten im deutschen Kaiserreich, in: Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft (7), 1981, S.309-330, hier S.312.)

Wenn Frauen in dieser Zeit doch arbeiteten bzw. arbeiten mussten, unterlagen sie standardmäßiger Diskriminierung:

Frauen wurden nicht nur aufgrund ihrer Benachteiligung im Bildungssystem am Qualifikationserwerb gehindert, sondern im Wege der Arbeitsplatz-, Bewertungs- und z.T. auch offenen Diskriminierung am Arbeitsmarkt schloß man sie zudem aus beruflichen Lernprozessen aus und verwehrte ihnen die leistungsgerechte Verwertung ihrer Qualifikationen. (Knapp, Ulla: Frauenarbeit in Deutschland zwischen 1850 und 1933 Teil II, in Historical Social Research / Historische Sozialforschung (29), 1984, S. 3-42, hier S.20.)

Während eine Diskriminierung der Hebammen hinsichtlich ihrer Entlohnung nicht ausgeschlossen werden kann, scheint mir doch zumindest eine Einschränkung, der die meisten weiblichen Erwerbstätigen ca. 1900 unterlagen, auf sie nicht zuzutreffen – Hebammen erhielten dank der Regulierungsbestrebungen im Gesundheitssystem eine Fach-Ausbildung. (Huerkamp, Claudia: Ärzte und Professionalisierung in Deutschland – Überlegungen zum Wandel des Arztberufs im 19. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft (6), 1980 S. 349-382). 

Ganz anders sah dies für viele Arbeiterinnen aus:

Faktisch stellten weibliche Lehren bessere Anlernausbildungen dar, die sich auf die güterwirtschaftlich sekundären Bereiche (Textil, Bekleidung) konzentrierten. Häufig, insbesondere in der Bekleidungsindustrie, implizierte dies aber nicht, daß die Frauen tatsächlich weniger qualifiziert waren als Arbeiter, die ein ordentliches Lehrverhältnis in einer anderen Branche absolviert hatten: gerade in der Konfektion rechneten die Arbeitgeber mit den hauswirtschaftlich erworbenen Qualifikationen der Frauen und eigneten sich diese unentgeltlich an. (Knapp S.22)

Die Beschäftigung mit dem Thema „Weibliche Erwerbsarbeit“ allgemein bzw. der Hebammen als Beispiel für eine schon früh für Frauen akzeptierte Profession deutet darauf hin, dass Karolina Maier innerhalb der Gemeinde Adelsberg eine besondere Position einnahm. 

Zur Erinnerung:

Adelsberg hatte im Jahre 1890 255 Einwohner, die überwiegend von Landwirtschaft und Viehzucht [lebten], sofern sie nicht als Köhler und Weber tätig waren. (Fräulin, Hans: Neue Geschichte der Stadt Zell im Wiesental, Zell 1999, S.264.) Nimmt man an, dass unter den Einwohnern ein paar Handwerker (quasi als „Dienstleister“ für die Bauern) und vermutlich ein Lehrer waren, so muss man die Hebamme zu den wenigen – vielleicht nur eine Handvoll – Einwohnern zählen, die einen „echten“ Beruf hatten. Damit stach Karolina nicht nur innerhalb der Gemeinde hervor, sondern sie hob sich auch in entschiedenem Maße von den anderen Frauen ab:

Zwei Drittel aller erwerbstätigen verheirateten Frauen arbeiteten zwischen 1907 und 1933 als mithelfende Familienangehörige, vor wiegend in der Landwirtschaft; stärker als männliche mithelfende Familienangehörige konzentrierten sie sich auf die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe. (Knapp S.7f)

Im Staatsarchiv Freiburg bin ich auf eine Akte gestoßen, deren Kurzbeschreibung mich neugierig gemacht hat: Regelung des Hebammendienstes in Adelsberg / 1878-1949. Ein echter Glücksfall! 

Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg B 719/1 Nr. 2514. Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg.

Ich habe mir die Akte als Reproduktion zusenden lassen und kann jetzt das Berufsleben von Karolina Maier ab dem Jahre 1897, als sie – noch nicht 21 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und schwanger mit dem dritten – dazu bestimmt / erwählt wurde, zukünftig als Hebamme der Gemeinde zu dienen.

Karolina Maier, geb. Keller

Karolina Keller, geboren am 12.02.1877 in Adelsberg, Dienstmagd, heiratete am 09.04.1894, mit also knapp 17 Jahren, in Adelsberg den 13 Jahre älteren Landwirt Augustin Maier (geb. 15.09.1864 in Adelsberg).

Karolinas Eltern, Johann Keller, ein Fabrikarbeiter und Katharina Keller, geb. Eckert lebten im Gegensatz zu den Eltern ihres Bräutigams zu diesem Zeitpunkt beide noch. Johann Keller starb 1911, seine Frau Katharina 1921, beide in Zell im Wiesental.

Karolina war später als Hebamme tätig und bekam selbst innerhalb von etwa 20 Jahren 15 Kinder. Sie starb am 20.03.1958, mit immerhin 81 Jahren, ebenfalls in Zell, wohin sie mit ihrer Familie vermutlich kurz vor dem 1. Weltkrieg gezogen war. Diese Information ergibt sich aus einer Auswertung des Geburtenregisters von Adelsberg, in dem am 04.10.1914 die Geburt eines Mädchens, durch die Hebamme und nicht – wie üblich – durch den Vater erfolgte:

Interessant ist hier, dass das, obwohl schon Oktober, erst die dritte Geburt des Jahres war. Das war in anderen Jahren und obwohl Adelsberg sehr klein war und ist, anders.

1914 lebte Karolina also bereits in Zell, war aber weiterhin als Hebamme in Adelsberg tätig.

Ich habe einen weiteren, interessanten Eintrag, dieses Mal aus dem Jahr 1917 gefunden:

Eine unverheiratete Frau hatte ein Kind bekommen und so blieb es Aufgabe der Hebamme, diese Geburt anzuzeigen und in diesem Fall auch zu bezeugen. Auch 1917 wurde Karolina weiterhin als Hebamme zu Geburten nach Adelsberg gerufen.

Zur Hebamme auf dem Land, wenn auch mit einem zeitlich etwas früheren Fokus, schreibt Eva Labouvie folgendes zur Arbeit der Hebammen auf dem Land:

Erst ab den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts existierten auf dem Land zwei unterschiedliche Hebammentypen: traditionelle Hebammen, die die Geburtshilfe aufgrund ihrer praktischen Ausbildung bei ihrer Vorgängerin gegen Naturallohn und als Ehrenamt ausübten, und solche, die gegen eine feste Geldtaxe dem Beruf der von Medizinern oder Chirurgen unterrichteten und examinierten Hebamme nachgingen. (Eva Labouvie: Hebammen in der Frühen Neuzeit – Zur weiblichen Kultur auf dem Lande, in Frauengeschichte(n) – Vorträge im Rahmen der Bronnbacher Gespräche 2001, Stuttgart 2002, S.35-56, hier S.35.)

Dadurch, dass sie als Hebamme tätig war, hat Karolina Maier eigene Spuren hinterlassen. Die meisten Frauen ihrer Generation, genauso wie Jahrhunderte davor und auch noch bis vor nicht allzu langer Zeit, treten in überlieferten Dokumenten lediglich durch ihre Geburt, die Hochzeit und den Tod in Erscheinung.

Sterbeurkunde Hermann Gustav Pitsch

Auf der Suche nach weiteren Anhaltspunkten zum Leben und Wirken Dr. Pitschs in Grenzach, konnte ich die Sterbeurkunde seines Vaters im Kreisarchiv in Lörrach ausfindig machen:

Dr. Pitsch hat den Tod seines Vaters selbst gemeldet und wohl auch die entsprechenden medizinischen Angaben gemacht. Hierzu gab es – so die sehr schwer zu entziffernden Randbemerkungen – eine Untersuchung, in der schließlich festgestellt wurde, dass Dr. Pitsch qua seiner Ausbildung dazu befähigt war.

Neues zu Dr. Pitsch

Diese Recherche umfasst nicht nur das Leben von Ernst Maier, sondern von Anfang an auch all die Personen, die mir dabei über den Weg laufen. Einerseits aus den Akten, andererseits aus der Literatur und dann diejenigen, von denen ich mir mehr Einblick in die Zeit allgemein und im Wiesental und Grenzach speziell verspreche.

Mein Interesse für Dr. Friedrich Wilhelm „Fritz“ Pitsch entstand zunächst dadurch, dass es ihn „nicht mehr gibt“. Obwohl er etwas mehr als 20 Jahre als Arzt in Grenzach tätig war, hat er nur wenige Spuren hinterlassen. Umso spannender für mich war es, dass die wenigen Spuren, die es gibt, eine vielschichtige Person zeigen.

Wie bereits geschildert, bin ich über Google auf den Beitrag bei ancestry.com gestoßen, in dem neben diversen Fotos der Nachruf auf Dr. Pitsch hochgeladen wurde.

Ich habe den Nutzer bereits letztes Jahr kontaktiert, jedoch keine Antwort erhalten. In einem zweiten Versuch habe ich dann vor einigen Wochen den Sohn von Dr. Pitsch, Hansjörg, gegoogelt und tatsächlich gefunden: In einer Datenbank von Einwohnern Ohios!

Ich habe also einen Brief nach Cleveland geschickt und Antwort erhalten. Seit einiger Zeit stehe ich jetzt im Austausch mit Hans Pitsch, der mir dankenswerter Weise von seinem Vater erzählt hat – auch wenn mein Ansinnen erst einmal komisch wirkte.

Hier nun ein aktualisierter Überblick auf das Leben und Wirken Dr. Pitschs:

Friedrich Wilhelm, genannt Fritz, Pitsch, geboren am 06.02.1894, wuchs in Basel auf und kam, gemeinsam mit seinen Eltern, erst 1919 nach Grenzach. Das erklärt, warum sich im Ortssippenbuch auch ein Eintrag für seine Eltern findet. Er hatte zwei ältere Schwestern, neben der im Ortssippenbuch aufgeführten Katharina (Käthe), eine weitere Schwester namens Maria (geb. 1879).

Hermann Gustav Pitsch starb 1926 und seine Witwe zog anschließend nach Hamburg, wo ihre beiden Töchter bereits lebten. Sie starb dort 1933.

Fritz Pitsch nahm am Ersten Weltkrieg teil, wurde jedoch bereits nach wenigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen entlassen und nahm dann ein Medizinstudium in Basel auf. Wie damals üblich, studierte er an mehreren Universitäten (Freiburg, Tübingen, Heidelberg) und absolvierte anschließend seine Facharztausbildung zum Dermatologen in Basel am Bürgerspital, wo er auch seine erste Frau, eine Schweizer Krankenschwester aus dem Thurgau, Lily Roth, traf.

Fritz und Lily heirateten 1924 in der evangelischen Kirche in Grenzach und im gleichen Jahr ließ sich Dr. Pitsch als Arzt in Grenzach nieder. Er war zu diesem Zeitpunkt der einzige Arzt und damit weniger als Dermatologe, sondern als Hausarzt tätig. 1926 wurde die Tochter Ruth geboren und 1930 dann Hans(jörg).

Neben seiner Tätigkeit als Hausarzt war Dr. Pitsch auch als Schularzt (ab 1925 oder 1928) und als Werksarzt (ab 1938) bei den Firmen Geigy und Salubra tätig.

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Seine Praxis befand sich ab 1931 im Eckhaus Bertlingen / Jacob-Burckhardt-Straße. Die Praxis-Adresse „Rheinstraße 5a“, die sich auf Katharina Winters Fragebogen findet, scheint sich auf dasselbe Haus zu beziehen.

Wie schon aus seinem Nachruf und den Archivunterlagen deutlich wurde, befasste sich Dr. Pitsch nicht nur mit Medizin: Er war Freimaurer und in der Friedensbewegung aktiv, mit Albert Schweitzer bekannt und ein Student bei C.G. Jung in Zürich. Schweitzer traf er vermutlich 1923, als dieser auf Spendentour ein Orgelkonzert in der Evangelischen Kirche in Grenzach gab.

Von Hans Pitsch habe ich jetzt erfahren, dass sein Vater auch literarisch tätig war und u.a. Theaterstücke verfasste, die allerdings soweit bekannt, nicht aufgeführt wurden, und Mitglied im Stahlhelm war.

1939 wurde Dr. Pitsch, obwohl mittlerweile bereits 45 Jahre alt, direkt eingezogen und ab September 1939 bis Januar 1942 als Unterarzt in Donaueschingen stationiert. Er war also tatsächlich abwesend aus Grenzach und wurde in dieser Zeit durch einen Dr. Oskar Wack vertreten. Entlassen wurde er, wie auch bereits im Ersten Weltkrieg, aufgrund gesundheitlicher Probleme. Zurück in Grenzach übernahm Dr. Pitsch wiederum seine Tätigkeit als Werksarzt und war in dieser Kapazität auch für die in den Grenzacher Firmen eingesetzten Kriegsgefangenen zuständig.

Nach Kriegsende wechselte Dr. Pitsch aus der Hausarztpraxis in die Verwaltung. Wie es zu diesem Schritt kam, dazu konnte mir auch Hans Pitsch nichts genaueres sagen. Die Französische Besatzungsmacht war auf „unbelastetes“ Personal angewiesen und in diesem Sinne mag man auf Dr. Pitsch zugekommen sein:

My father had treated many of the French soldiers occupying Grenzach and he also supervised a young French physician who was assigned to him. The French were looking out for people who had not been tainted.  That my father spoke French fluently may also have helped. 

Dr. Pitsch war ab Januar 1946 als Regierungsmedizinaldirektor im Ministerium für Gesundheit von Südbaden, in Freiburg, angestellt. Dazu muss man sagen, dass bis zur Vereinigung 1952, drei separate Staaten – Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern bestanden. Dr. Pitsch war also quasi auf Landesebene und in der Landeshauptstadt beschäftigt, während die Region heute als Bezirk verwaltet wird. In seiner Position fielen Dr. Pitsch unterschiedliche Aufgaben zu:

My father’s responsibilities included supervision of all district and local health departments, oversight of the public institutions for the mentally ill and retarded, licensing of physicians and other medical personnel and programs to combat epidemics and various infectious diseases. Because of wide-spread malnutrition, tuberculosis was a major health problem after the war. I believe my father’s greatest achievement was in planning and implementing effective services for TB patients.

In diese Zeit fällt ein weiteres spannendes Detail aus dem Nachruf; Dr. Pitsch war als deutscher Vertreter bei der Aufnahme der Bundesrepublik in die WHO 1951 in Genf dabei. Obwohl er in diesem Kontext nicht mehr weiter involviert war, scheint Dr. Pitsch in den Jahren nach dem Krieg und vor seinem Tod 1952 ein verhältnismäßig internationales Leben geführt zu haben:

In 1949, my father traveled to the United States with the support of the Action Committee For Combatting Tuberculosis in Europe. I do not have the details of his itinerary, but I know that he was in New York and in Philadelphia where I think he was seeking financial support from Quakers and other groups in the fight against TB. He was also made an honorary member of the Edward Livingston Trudeau Society (later known as the American Thoracic Society).

Wie das Ortssippenbuch mitteilt, wurden Lily und Fritz Pitsch 1951 geschieden. Dr. Pitsch hatte in seiner Zeit in Freiburg seine spätere zweite Frau, Marianne, geb. Schaffer kennen gelernt, mit der er eine weitere Tochter hatte.

Dr. Pitsch starb unerwartet am 3. Mai 1952 in Freiburg. Zu seiner Beerdigung kam u.a. auch Leo Wohleb, Staatspräsident des kurzlebigen Landes Baden (1947-1952) und der Innenminister des Landes, Alfred Schühly, hielt die Trauerrede.

Nachtrag zu Schlageter

Bei Hansjörg Noe, Gleichgeschaltet – Maulburg im Nationalsozialismus und die Rolle von Hermann Burte im Dritten Reich, Lörrach 2016, findet sich zum Umgang mit Schlageter im Wiesental folgendes:

In den Anfängen der nationalsozialistischen Propaganda ist eine Groß-Veranstaltung für das Wiesental […] von besonderer Bedeutung: Die Schlageter-Feier in Schönau. (S.36)

Noe zitiert aus dem Oberbadischen Volksblatt vom Mai 1933:

Am Pfingstsonntag wird an heiliger Stätte, am Grabe und Denkmal Albert Leo Schlageters eine gewaltige Kundgebung stattfinden, die dem dankbaren Gedenken des großen Sohnes der Stadt Schönau im Schwarzwald dient. Die ganze Welt ehrt Albert Leo Schlageter den heldenhaften Vorkämpfer für ein neues und freies Deutschland. Die Heimat will darin nicht nachstehen und ruft deshalb für Pfingsten zur Fahrt und Teilnahme an der Gedenkfeier in Schönau auf. Nicht ein rauschendes Fest soll es sein, sondern eine ernste Weihestunde für den Mann, der als letzter Soldat des großen Krieges und als erstes des Dritten Reiches sein Leben opferte. (26.05.1933)

Noe berichtet von zwei weiteren lokalen „Helden“, die den Nationalsozialisten als „Blutzeugen der Bewegung“ dienten, Dr. Karl Winter und Albert Schöni, beide aus Steinen.

Zu eben diesem Dr. Karl Winter veröffentlichte Hermann Burte, dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist, 1939 ein Gedicht, abgedruckt im Markgräfler Jahrbuch:

http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/mgjb-1939/0043?sid=971e951f062f26d872492af8d184722a

Albert Schöni, den die Landesbibliographie Baden-Württemberg als Begründer der SA im Wiesental führt, war sicher ein Bekannte von Ernst.

Rüdiger von der Goltz

Die Frage, wie Ernst zu den Freikorps kam und was er dort tat, gilt es zu verfolgen. Zunächst einmal soll allerdings eine Person kurz vorgestellt werden, die bereits angesprochen wurde: Graf Rüdiger von der Goltz.

Generalmajor Graf Rüdiger von der Golz, der zuvor in Finnland gekämpft hatte, wurde Anfang des Jahres 1919 damit beauftragt, die Grenzen Deutschlands gegenüber der Sowjetunion zu verteidigen. Er führte als Oberkommandierender die Truppen, die allgemein unter der Bezeichnung „Freikorps“ geführt werden, auch wenn es sich dabei um eine Mischung aus (ehemals) regulären Truppen und den neu zusammen gestellten Freikorps handelte.

Zur Durchführung dieser Aufgabe wurde ihm von der Obersten Heeresleitung die 1. Garde-Reserve-Division zur Verfügung gestellt, die durch Freiwilligenwerbungen vor allem in der Umgebung Berlins neu aufgestellt wurde. Zu den bedeutendsten Formationen der 1. Garde-Reserve-Division gehörten die Abteilung des Grafen York von Wartenburg sowie die Freikorps des Hauptmann Cordt v. Brandis und des Grafen Eulenburg. Führer der Maschinengewehr-Kompanie des Freikorps v. Brandis war der bereits erwähnte Oberleutnant Friedrich Wilhelm v. Oertzen, einer der wichtigsten Chronisten der Freikorpsbewegung. Dem Freikorps v. Brandis gehörte ferner der Feldwebel Friedrich Hildebrandt an, der spätere Reichsstatthalter der NSDAP für Mecklenburg und Lübeck. Kommandeur des ersten Bataillons des Freikorps des Grafen Eulenburg war Major Ernst Buchrucker. Diesem Bataillon gehörte auch Paul Schulz an. Beide wurden später die Führer der sogenannten Schwarzen Reichswehr, die im Berliner Raum den Küstriner Putsch organisierte. (Sauer, Bernhard: Vom „Mythos eines ewigen Soldatentums“ – Der Feldzug deutscher Freikorps im Baltikum im Jahre 1919, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43 (1995), Heft 10, S. 869–902, hier S.876.)

Eben dieser Friedrich Wilhelm von Oertzen schildert den Beginn der Aktivitäten im Baltikum so:

Graf Goltz traf am 5. Februar 1919 in Libau ein. Die Oberste Heeresleitung hatte ihm zur Durchführung der militärischen Grenzschutzaufgaben die neu formierte erste Garde-Reserve-Division zur Verfügung gestellt. Aber vorläufig stand für Wochen hinaus auch diese Division nur auf dem Papier. Sie mußte erst in Westpreußen auf Freikorpsart durch Freiwilligenwerbung zu einer verwendungsfähigen Kampftruppe aufgefüllt werden. (Oertzen, Friedrich Wilhelm von: Die deutschen Freikorps 1918-1923, München 1936, S.40)

Ende Februar traf dann die für die weiteren militärischen Pläne des Grafen Goltz dringend  benötigte 1. Garde-Reserve-Division im Baltikum ein. Auch sie war ihrem Wesen nach eine Zusammenfassung von Freikorps, wenngleich alte Regimentsbezeichnungen weitergeführt wurden. Die Führung der Division hatte Generalmajor Tiede, 1. Generalstabsoffizier war der vielfach bewährte Hauptmann von Rabenau. Teile dieser Division wurden nun vorübergehend auf dem nördlichen Frontabschnitt der Baltischen Landeswehr eingesetzt, um Windau zu erobern. (Oertzen S.52)

Von der Golz selbst betrachtete seine Aufgabe etwas umfassender, als zunächst vorgesehen, wie er später schreibt: Ursprünglich nur zum Schutze Ostpreußens bestimmt, faßte ich meine Aufgabe immer mehr in einer großen Idee zusammen, dem Zukunftsgedanken des schwer bedrohten Deutschtums. (Goltz, Rüdiger von der: Meine Sendung in Finnland und im Baltikum, Leipzig 1920, S.126)

Goltz 1920

Zu einem abschließenden und unparteiischen Urteil wird vielleicht erst eine spätere Zeit gelangen, soweit Menschen dazu überhaupt fähig sind. Möge dann die von uns bekämpfte bolschewistische Weltanschauung asiatischer Unfreiheit nicht die allein geduldete sein! Das wäre dann wirklich „der Untergang des Abendlandes“. Ihn zu verhindern war unser Ziel. (Goltz, S.145).

Albert Leo Schlageter

Kannte Ernst, der 1901 in Adelsberg geboren wurde, den 7 Jahre älteren Albert Leo Schlageter aus Schönau?

Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht.

Schlageter besuchte das Gymnasium in Freiburg, war also laut DHM ab 1909, als Ernst erst 8 Jahre alt war, nicht mehr im Wiesental wohnhaft. 1914 zog er von Freiburg aus in den Krieg und kehrte von da an, zumindest nach allem, was ich bisher gelesen habe, nur noch einige wenige Male in seine Heimat zurück.

Trotzdem ist nicht abwegig, dass Ernst Schlageter zumindest kannte, also wusste wer er war, auch bevor er zu nationalem Ruhm kam. Denn bis jetzt konnte ich noch nicht heraus finden, wie Ernst auf die Idee kam, sich zu den Freikorps zu melden. Und Schlageter wäre hier eine heiße Spur.

Zu Ernst Freikorps-Historie wissen wir nur, was er selbst Jahre später dazu schreibt:

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution u von Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res.division Grenzschutz (Ost) Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf. Reg. 115 überwiesen wurde. Um meine Alten in der Heimat besser unterstützen zu können lies ich mich auf Wunsch meiner Alten am 18. Febr. vom Reichsw. Inf. Reg. 115 in die Heimat entlassen. 

Man kann annehmen, dass Ernst, wenn er mit, unter oder in der Nähe von Schlageter gedient hätte oder eingesetzt worden wäre, dies erwähnt hätte. Ein genauerer Blick lohnt sich trotzdem.

Der Literatur zufolge war Schlageter Angehöriger des Freikorps Medem, das zur Eisernen Division zählte,während Ernst als Mitglied der 1. Garde Reservedivision aus den regulären Truppen hervor ging:

Nach Kriegsende und Rückkehr in die Heimat wurde die Division Ende Januar 1919 in Berlin aus Freiwilligen neu aufgestellt und dem VI. Reserve-Korps unter Rüdiger von der Goltz im Baltikum zugeteilt. Im Frühling 1919 war sie der stärkste Verband der sogenannten Baltikumer, welche 1919 im Auftrag der Obersten Heeresleitung Grenzschutzoperationen an der Nordostgrenze Deutschlands übernahmen und ab März 1919 im Lettischen Unabhängigkeitskrieg eingesetzt wurden. (Wikipedia)

Zum Freikorps Medem findet sich bei Stefan Zwicker folgende Information:

… in Waldkirch, wo der Hauptmann Walter Eberhard v. Medem ein Freikorps um sich sammelte. Medem, damals 30 Jahre alt, gehörte wie fast alle Freikorpsführer zur Generation der jungen Weltkriegsoffiziere. Er schrieb später, Ziel seiner etwa 400 Mann starken Truppe sei vom Tag der Gründung an „die Befreiung des von den Bolschewisten besetzten Riga“ gewesen. Am 17. April erfolgte der Abtransport nach Kurland, Schlageter war als Batterieführer dabei. (Zwicker, Stefan: „Nationale Märtyrer“ – Albert Leo Schlageter und Julius Fucik Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur, Paderborn 2006, S.36.)

Beide Einheiten, also sowohl die 1. Garde Reservedivision als auch das Freikorps Medem unterstanden in dem Zeitraum, in dem Ernst sich im Baltikum befand (März-Oktober 1919) Rüdiger von der Goltz:

Anfang Februar 1919 übernahm das VI. Reserve-Korps die Befehlsführung in Kurland. Dem Kommandierenden General, Generalmajor Rüdiger von der Goltz, unterstanden das Gouvernement Libau, die Baltische Landeswehr, die Eiserne Division, die eintreffende 1. Garde-Reserve-Division und verschiedene kleinere Freikorps.  (Wikipedia)

Für Ernst war das Abenteuer Freikorps nach knapp 11 Monaten wieder beendet, während Schlageter bis zu seinem Tod 1923 noch an so gut wie allen Brennpunkten dieser Jahre anzutreffen war (Kapp-Putsch, Oberschlesien, Ruhrgebiet). Leider konzentriert sich die Forschung zu Schlageter in der Regel auf seine Funktion als Symbol des deutschen Nationalismus, inklusive seiner Verehrung. Für die für mich spannenden Fragen konnte ich bisher nur vereinzelt Hinweise finden:

Wie wurde Schlageter in seiner Heimat wahrgenommen und vereinnahmt, war er bereits vor seinem Tod dort bekannt und aktiv?

Wenn man annimmt, dass Ernst wusste, wer Schlageter war, dann gab es für beide soweit bekannt, lediglich noch eine Möglichkeit, sich nach Ernsts Zeit im Baltikum in der Heimat über den weg zu laufen und zwar 1921, als Schlageter zwischenzeitlich kurz dort zu Besuch war. (Zwicker, Stefan: Albert Leo Schlageter – eine Symbolfigur der deutschen Nationalismus zwischen den Weltkriegen, in: Linek, Bernard (Hg.): Nacjonalizm a tożsamość narodowa w Europie Środkowo-Wschodniej w XiX i XX w. Opole 2000, S. 199–214, S.211)

Diese Episode 1921 schildert bspw. Friedrich Georg Jünger (der Bruder Ernst Jüngers):

Als das Deutschtum gesiegt hatte […], hielt sich Schlageter im Schwarzwalde auf. Als polnische Insurgenten, mit aktiven polnischen Truppen gemischt, von den Franzosen begünstigt, die deutsche Grenze überschritten, kehrte er zurück. (Jünger, Friedrich Georg: Albert Leo Schlageter, in: Jünger, Ernst (Hg.): Die Unvergessenen, Leipzig 1928, S.302-311, hier S.305.

Nach seiner Hinrichtung durch die Franzosen 1923 war Schlageter dann sehr schnell überall in Deutschland ein Begriff und man kann zum Beispiel annehmen, dass Ernst die Überführung seines Sarges aus Düsseldorf nach Schönau Anfang Juni 1923 miterlebte. Bei der Beisetzung am 10.06. in Schönau waren u.a. auch Freikorps-Vertreter anwesend – und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Ernst:

Am Sonntag, 10. Juni 1923, wurde Schlageter auf dem Schönauer Friedhof der Heimaterde übergeben. Die ganze Gemeinde beteiligte sich. (Rothmund)

Die Eisenbahn brachte den Sarg über Hagen, Gießen, Frankfurt, Mannheim,
Karlsruhe, Freiburg und Basel nach Schönau. Auf den genannten deutschen Bahnhöfen und an der Strecke versammelten sich Menschen, um Schlageter die letzte Ehre zu erweisen […]. Am 10. Juni 1923, einem Sonntag, folgte die Beisetzung in einem Ehrengrab auf dem Schönauer Friedhof, Sonderzüge wurden eingesetzt, um dem Andrang Herr zu werden. Anwesend waren neben den ehemaligen Freikorpsführern Hubertus v. Aulock und Walter Eberhard Frhr. v. Medem auch Vertreter der badischen Regierung. Die Bedeutung, die man dem Geschehen beimaß, zeigt sich auch darin, dass Überführung und Beerdigung gefilmt wurden.
(Zwicker, Nationale Märtyrer)

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=gbj-002:2000:7::250#190

Spätestens als der Schlageter-Kult nach 1933 maßlos gesteigert wurde, war Ernst – in offizieller Funktion – ganz sicher bei den Gedenkveranstaltungen in Schönau dabei:

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=gbj-002:2000:7::250#190

An der Gedenkfeier [am 4. Juni 1933] nahmen 16—18 000 Menschen teil, darunter insgesamt über 7000 Mann aus SA, SS, Motorsturm, Reservesturm, Hitlerjugend, Stahlhelm, Jungdeutscher Orden, Arbeitsdienst und Kriegervereine. (Fuhrmeister)

Weitere Informationen zu Dr. Pitsch

In der Zwischenzeit habe ich weitere Informationen zu Dr. Pitsch aus dem Staatsarchiv Freiburg erhalten.

Im März 1947 musste Dr. Pitsch einen Fragebogen der französischen Besatzungsverwaltung ausfüllen. Es handelt sich dabei um einen sog. „Entnazifizierungsfragebogen“, in dem neben Angaben zur Affiliation au parti Nazi (Mitgliedschaft in der NSDAP) u.a. auch Informationen zu Auslandsreisen ab 1933 und zum jährlichen Einkommen abgefragt wurden.

Dr. Pitch ist zu diesem Zeitpunkt bereits Obermedizinalrat, also verbeamteter Arzt, und lebte in Freiburg. Diese Stelle hatte er laut den Unterlagen mindestens auch schon im Juli 1946 inne.

Bis Kriegsende war Dr. Pitsch definitiv in Grenzach, danach scheint er aber beinahe sofort seine Praxis aufgegeben zu haben, um die Stelle in Freiburg anzunehmen.

Aus den Unterlagen erfährt man, dass Dr. Pitsch seit 1928 und bis 1934 Schularzt der Gemeinde Grenzach war. 1934 kündigte das Gesundheitsamt diesen Vertrag. Weiterhin war Dr. Pitsch ab 1938 bis zum Ende des Krieges Betriebsarzt in zwei der großen Industrieunternehmen am Ort: Salubra und Geigy.

In diese Zeit fällt auch eine Auszeichnung, die Dr. Pitsch 1938 durch das Deutsche Rote Kreuz erhalten hat. Dort war er seit 1923 als Bezirks-Kolonnenführer und DRK-Feldführer tätig und machte sich bei zwei größeren lokalen Vorfällen verdient: beim Bergwerksunglück in Buggingen (1934) und bei der „Massenkohlenoxyd-Vergiftung“ in der Kirche in Tegernau (1935).

Weiterhin lernen wir aus dem Fragebogen, dass Dr. Pitsch eine Zeit lang (1939 – November 1942) als Unterarzt in der Sanitätsabteilung in Donaueschingen diente, krankheitsbedingt aber entlassen wurde. Aus seinen Ausführungen geht nicht hervor, ob er tatsächlich in Donaueschingen eingesetzt war, oder in einem der zugehörigen Lazarette, etwa in Lörrach.

Faktisch war er also 1938/39 Betriebsarzt, dann 1939-1942 bei der Wehrmacht und anschließend ab 1942 wieder in Grenzach, u.a. als Betriebsarzt.

Dem Fragebogen liegen Begleitschreiben sowie ein selbst verfasster Lebenslauf bei. Aus diesen Unterlagen können folgende Angaben in seiner Biografie ergänzt werden:

Dr. Pitsch ging in Basel zur Schule, nahm als Freiwilliger (20-jährig) ein Jahr lang (1914-1915) am 1. Weltkrieg teil, studierte anschließend bis 1919 Medizin. 1924 heiratete er Lily Roth, eine Schweizer Krankenschwester, mit der er zwei Kinder hatte. Seit 1924 war Dr. Pitch als Praktischer Arzt in Grenzach tätig.

Von der Machtübernahme an war ich wegen meiner pazifistischen Einstellung, meiner Zugehörigkeit zu einer Loge und meinen internationalen Beziehungen verschiedensten Verfolgungen und Demütigungen ausgesetzt, besonders, da ich 1932 auf einer internationalen Kundgebung in Basel für Abrüstung und gegen Rassen- und Klassenhass gesprochen hatte.

Ich stand der Paneuopa-Bewegung nahe.

Seit 1934 gehöre ich dem Kreise C.G. Jungs in Zürich an, wo ich mich in Psychotherapie ausbildete.

Ich bin ein Freund Albert Schweitzers.

Der Vorgang wird abgerundet durch eine Reihe von Empfehlungsschreiben / Bescheinigungen. Demzufolge war Dr. Pitsch vier Jahre lang (1941-1945?) als betreuender Arzt in einem Lager für slowenische Kriegsgefangene in Herten eingesetzt:

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Auch als Betriebsarzt in Grenzach kam Dr. Pitsch offenbar mit Zwangsarbeitern in Kontakt und auch hier scheint er einen positiven Eindruck hinterlassen zu haben. Dies bestätigt ihm sein Freund, der Grenzacher Bürgermeister (siehe vorangegangenen Beitrag zu deren Verhältnis):

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Dr. Pitsch fügt seinen Unterlagen darüber hinaus eine Stellungnahme zu einem innerhalb der Ortsgeschichte Grenzach durchaus kontroversen Fall und seiner Rolle darin bei. Der durch den Gauleiter Badens, Wagner, 1933 eingesetzte Bürgermeister, Dr. Ebbecke, war beschuldigt worden, mehrere Jungen sexuell belästigt zu haben. Trotz dieses Vorwurfs konnte er sich jedoch noch einige Zeit im Amt halten. Laut eigener, durch den aktuellen Bürgermeister und weitere Zeugen bestätigten Aussage, hatte Dr. Pitsch eine entsprechende Meldung bei der Staatsanwaltschaft gemacht und wurde anschließend aufgrund dieser Anzeige bedroht:

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Grenzacher Ärzte 2: Friedrich Pitsch

Im Rahmen von Katharinas medizinischer Untersuchung sind wir auf Dr. Friedrich Pitsch gestoßen. Die Recherche nach ihm hat mich immer wieder beschäftigt und ist noch nicht abgeschlossen.

Dr. Friedrich Pitsch muss ein sehr interessanter Mensch gewesen sein. Den Angaben nach, die ich auf diversen Wegen finden konnte, verdiente er sich zwar als Arzt in Grenzach seinen Lebensunterhalt, war aber vermutlich vielmehr an anderen Dingen interessiert.

Zunächst einmal ist da der Eintrag im Grenzacher Ortssippenbuch:

Familie Pitsch, das sind demnach der aus Pommern stammende Gustav und seine Frau Hedwig und deren Kinder Katharina (* 1881, evtl. noch in Pommern) und der 13 Jahre jüngere Friedrich (* 1894), ein Nachzügler, bei dessen Geburt die Eltern bereits 45 und 39 Jahre alt sind.

Weiterhin erfahren wir, dass Friedrich mit der gleichalterigst Lilly Roth verheiratet war, einen Sohn, Hansjörg, hatte und in Freiburg verstarb. Hansjörg wiederum, geboren 1930, ist mit Frau und Tochter, ebenso wie seine Mutter, Lilly, nach Amerika ausgewandert.

Ein Eintrag, der viele Fragen aufwirft.

Auf ancestry.com hat ein Hans Pitsch aus Ohio, höchstwahrscheinlich der im Ortssippenbuch genannte Sohn, oder evtl. dessen Sohn, also der Enkel von Friedrich, eine Reihe von Dokumenten hinterlegt. Ich habe Hans Pitsch kontaktiert, bisher aber leider (noch) keine Antwort erhalten.

Das interessanteste Dokument ist der Nachruf auf Friedrich Pitsch, laut Angabe aus den Basler Nachrichten :

Dr. Pitsch war, als er starb nicht mehr länger Hausarzt, sondern mittlerweile Leiter der Gesundheitsabteilung im badischen Innenministerium und Regierungsmedizinaldirektor!

Sein Vater, der aus Pommern stammende Oberregierungsrat, war Vorsteher des Badischen Bahnhofs in Basel.

Dr. Pitsch war Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Das stellt seine Diagnose bei Katharina (Cervixkatarrh) wieder in einem anderen Licht dar.

In Basel machte Pitsch nicht nur seinen Facharzt, sondern anschließend bei C.G. Jung auch ein zusätzliches psychologisches Studium. Und auch mit Albert Schweizer war er bekannt!

Nach 1945 baute Dr. Pitsch das badische Gesundheitswesen (neu) auf und nahm als Funktionär auch an der Zeremonie zur Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die WHO teil.

Hans Pitch hat auch die Todesanzeige hochgeladen:

Dr. Pitsch war demnach wieder verheiratet, nachdem seine erste Frau Lilly (s.o.), nach Amerika ausgewandert war.

Im Gemeindearchiv Grenzach habe ich weitere Unterlagen gefunden. In den Dokumenten des Bürgermeisters (1952 war das laut Wikipedia Jakob Ewelshäuser) ist ebenfalls die Todesanzeige überliefert:

Bürgermeister Ewelshäuser und Dr. Pitsch waren offenbar alte Freunde – nicht nur ist sein Kondolenzbrief im Gemeindearchiv überliefert, sondern auch Neujahrsgrüße zum Jahreswechsel 1950/51 (Dr. Pitsch sandte ein Gedicht auf Alemannisch).

Weiterhin gibt es im Landesarchiv Baden-Württemberg Unterlagen zu Friedrich Pitsch, die ich angefordert habe. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.

Grenzacher Ärzte 1: Arthur Friedrich Bergmann

Arthur Friedrich Bergmann ist der Zahnarzt, der Ernst ad hoc eine Bescheinigung über eine Behandlung ausstellt:

Arthur Friedrich Bergmann – Dentist, staatlich geprüft

Laut Wikipedia handelte es sich bei Dentisten um Zahntechniker, die nach erfolgreichem Besuch einer Dentistenschule Patienten behandeln durften.

1910 umfasste die Ausbildung zum Dentisten in Deutschland mindestens sechs Jahre. Davon waren drei Jahre bei einem Dentisten zu absolvieren, ein Jahr Ausbildung in Prothetik, vorwiegend bei einem Zahnarzt. Anschließend erfolgte eine viersemestrige Ausbildung an einem Lehrinstitut für Dentisten mit abschließender Prüfung. Ausbildungsbefugt an den Lehrinstituten für Dentisten waren approbierte Medizinalpersonen.

1920 wurde die dentistische Ausbildung staatlich anerkannt. Nach Abschluss der dentistischen Staatsprüfung waren die Absolventen „Staatlich geprüfte Dentisten“. Sie erhielten keine Approbation.

Im Bundesarchiv bin ich bei der Recherche nach dem Zoll in Grenzach erneut auf Herrn Bergmann gestoßen. Im Sommer 1943 schreibt Oberregierungsrat Karrasch vom Oberfinanzpräsidium in Karlsruhe an das Reichsfinanzministerium in Berlin:

(Schlechter Scan)

Arthur Friedrich (Bergmann) hatte seine Praxis also in der Baslerstraße 49 (vermutlich auch schon 1935):

Die Praxis liegt damit nur etwa 100m vom Elternhaus Katharinas im Bäumleweg entfernt. Ob Herr Bergmann ein persönlicher Bekannter oder Bekannter der Familie Winter war, oder ob es einfach am schnellsten war – jedenfalls liegt nahe, wieso Ernst zu ihm ging, um schnell eine Bescheinigung zu erhalten. Ich glaube irgendwie nicht, dass er tatsächlich schon länger dort in Behandlung war.

Im Juni 1943 jedenfalls, also einige Jahre später, möchte Herr Bergmann in die Schweiz übersiedeln und sein zwanzig Jahre altes Haus schnellstmöglich verkaufen. Er ist auch bereit, unter Wert zu verkaufen, wenn es nur schnell geht.

Die Situation des Bezirkszollkommissariats scheint besorgniserregend: „Die bisherige Unterbringung ist völlig unzureichend. Der BZKom hat eine Notwohnung inne, die Diensträume sind in dunklen Räumen eines Privathauses untergebracht.“ Das ist erstmal seltsam, denn 1935 existierte ein Zollhaus (s. Ernsts Bemühungen um eine Wohnung dort) und aus weiteren Akten weiß ich, dass weitere Zollhäuser geplant waren.

Der Erwerb des Hauses ist daher dringend zu empfehlen.“

Doch bereits einen Tag später muss Karlsruhe eine Korrektur nach Berlin schicken: Der Kaufpreis soll doch höher sein, ein Missverständis:

Herr Bergmann will zwar wirklich verkaufen – es taucht jetzt noch ein weiterer Interessent auf – doch zu einem anständigen Preis.

Auf welchem Wege gingen die Meldungen nach Berlin? Per Post? Jedenfalls kommt das zweite Schreiben kurz nach dem ersten dort an. Ob die Bestätigung per Telegram, datiert vom 25.06. jedoch VOR oder NACH der ergänzenden Information versandt wurde, kann nicht eindeutig festgestellt werden:

Vor Ort nahm man nun eine Schätzung des tatsächlichen Wertes vor und machte ein Gegenangebot: 35.000 RM.

Herr Bergmann (jetzt richtig benannt), will „in die Schweiz zurück kehren“. Er scheint Schweizer zu sein, oder anderweitig ein Aufenthaltsrecht dort zu besitzen. Außerdem will er „über den Kaufpreis verfügen könne[n], d.h., daß ihm der Transfer in die Schweiz gestattet werde.“

Dies war tatsächlich nicht unproblematisch, denn das Deutsche Reich erhob eine Sondersteuer für Auswanderer (vgl. hierzu den Bericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg Flüchtlingen, Link, hierzu ab S.185).

Bei Arthur Friedrich Bergmann handelte es sich offenbar um einen Schweizer, der als Rückwanderer von den strengen Gesetzen, insb. jüdische Flüchtlinge betreffend, ausgenommen war, trotzdem war es – wie auch im Schreiben bereits ersichtlich wird – nicht einfach, Vermögenswerte „mitzunehmen“:

[…] am 19. August 1937 vereinbarten die beiden Staaten, dass die emigrierenden Schweizer Staatsbürger Kapitalbeträge von maximal 50 000 Reichsmark (rund 87 000 Franken) in die Schweiz transferieren durften.
Die schweizerische Gesandtschaft in Berlin übernahm diese Gelder und
bestritt damit unter anderem Unterstützungszahlungen an in Deutschland lebende bedürftige Schweizerinnen und Schweizer. Die Rückwanderer erhielten in der Schweiz den Betrag in Franken wieder ausbezahlt; sie hatten dabei jedoch einen empfindlichen Verlust hinzunehmen, weil der angewandte Wechselkurs fast 50% unter dem offiziellen Clearingkurs lag. […] Da die Gesandtschaft für die übernommenen Kapitalien nicht genügend Verwendung fand, waren die Transfermöglichkeiten bereits 1938 «sehr beschränkt» und reichten «lange nicht aus, um allen Rückwandererwünschen entgegenzukommen». Auch erfolgten die Auszahlungen in der Schweiz erst nach langen Wartefristen und in Teilbeträgen.
Zwischen 1937 und 1943 konnten Rückwandererguthaben von 4 Millionen Franken in die Schweiz zurückgeschafft werden (hinzu kamen 3 Millionen im Kapital-Härtefall-Verfahren) , während vor dem Krieg allein die jüdischen Schweizer 16 Millionen Franken im Reich besassen.
(Bericht der Unabhängigen Expertenkommission S.190f)

Unabhängig von dieser Frage, mit der sich das Reichsfinanzministerium nicht weiter aufhält, wird die Zustimmung zum Kauf (erneut) gegeben:

In dieser Akte ist der Vorgang damit abgeschlossen. Jedoch findet sich an anderer Stelle noch eine Art Schlusswort:

Der Kaufvertrag ist nicht zustandekommen, da der von dem Verkäufer zur Bedingung gemachte Rückwanderer-Transfer nicht durchgeführt werden konnte. Das Grundstück ist inzwischen andererweit verkauft worden und steht vor der Auflassung.

An wen das Haus verkauft wurde und ob es ihm gelungen ist, sein Vermögen zu transferieren, dazu weiß ich aktuell noch nichts. Arthur Friedrich Bergmann ist nicht im Sippenbuch Grenzach (von 1974) zu finden, d.h. er lebte zumindest zum Zeitpunkt von dessen Zusammenstellung nicht mehr im Ort (und war auch zuvor „nur“ eingewandert). Auch online konnte ich bisher keine weiteren Informationen zu ihm finden. Der einzige irgendwie passende Treffer auf einer Ahnenforschungsseite führt nach Amerika – nicht unwahrscheinlich aber es liegen auch keine Indizien dafür vor, dass es sich dabei um die gleiche Person handelt:

Was bleibt, ist bei einem weiteren Archiv-Besuch in Grenzach heraus zu finden, ob dort noch Informationen liegen.