Die Hebammen von Adelsberg (3)

Nachdem Karolina Anfang Dezember zur Hebammen-Ausbildung vorgeschlagen („gewählt“) wurde, ging alles sehr schnell. Bereits am 7. Januar 1898 teilt das Bürgermeisteramt Adelsberg dem Bezirksamt in Schönau mit, dass Frau Maier seit dem 1. Januar d.J. beim Hebammenkurs in Freiburg sich befindet und ist dieselbe im 22. Lebensjahr somit Altersgenehmigung nicht erforderlich.

Was es mit dieser „Altersgenehmigung“ auf sich hat, konnte ich bisher nicht feststellen. Die Vermutung liegt nahe, dass Frauen, die über 30 Jahre alt waren, was bei gewählten Hebammen sicher häufiger der Fall war, nur unter bestimmten Umständen zum Kurs zugelassen wurden. Eine Ausbildung mag angesichts ihres fortgeschrittenen Alters unter Umständen als eine unnötige Investition betrachtet worden sein. Andererseits wurden eben häufig erfahrene Geburtshelferinnen für das offizielle Amt vorgeschlagen, da sie den Frauen des Ortes bekannt waren und man ihnen aufgrund ihrer bisherigen Arbeit vertraute.

Eva Labouvie schreibt dazu:

Die meisten Hebammen hatten bis ins 18. Jahrhundert nie von Hebammenbüchern, anatomischen Kursen oder einer speziellen Ausbildung gehört und besaßen auch keine über ihre Erfahrungen hinausgehenden Kenntnisse. Dennoch bestanden diese Frauen vielfach die ab der Mitte des 18. Jahrhunderts obrigkeitlich angeordneten und von den ortsansässigen Ärzten und Chirurgen durchzuführenden Examina ohne vorherigen Unterricht. […] Eine gewisse Änderung setzte mit der herrschaftlich angeordneten Entlohnung des Hebammenwesens Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein, als bestimmt wurde, nur den unterrichteten und examinierten Landhebammen ein festes Einkommen zuzubilligen und die Ausbildungskosten zu übernehmen. (Labouvie, Eva: Selbstverwaltete Geburt – Landhebammen zwischen Macht und Reglementierung (17.-19. Jahrhundert), in: Geschichte und Gesellschaft (18), 1992, 4, S. 477-506, hier S. 491f)

Karolina jedenfalls war im Januar 1898 nicht im 22. Lebensjahr, wie der Bürgermeister schreibt, sondern sollte am 12.02. erst 21 Jahre alt werden. Sie war seit noch nicht ganz vier Jahren verheiratet und hatte bereits zwei Kinder, Anna Augusta, geboren am 25.02. 1895 und Karl August, geboren am 11.08.1896. Und Karolina war wieder schwanger. Kind Nummer 3, Rosina, würde am 15. Mai geboren werden, sie befand sich also bereits im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft, als sie mitten im Winter die Reise nach Freiburg unternahm, um einen vier Monate dauernden Kurs anzutreten!

Dass der Kurs vier Monate dauerte erfahren wir aus einem weiteren Schreiben des Bürgermeisteramts Adelsberg vom 03.05.1898:

Wohldemselben beehre ich mich Ergebnis anzuzeigen, daß die unterm 1. Januar d.J. Als Gemeindehebamme zum 4 monatlichen Kurs von hiesiger Gemeinde gesandte Frau Maier daher nach erfolgter Prüfung und Zeugnis als Hebamme ausgebildet ist und nunmehr wieder hier sich befindet. 

Staatsarchiv Freiburg B 719–1_2514

Zum Ablauf des Kurses in Freiburg gibt es keine weiteren Informationen, jedoch dürfte der folgende Ablauf eines Kurses in Würzburg aus dem Jahre 1893 ein gutes Bild davon geben, was die Hebammen-Schülerinnen auch in Freiburg lernten:

Der theoretische Unterricht fand zwei Stunden vormittags durch den Professor und zwei Stunden nachmittags durch den Repetitor statt. Der Inhalt des Unterrichts, der im freien Vortrag gehalten wurde, bestand aus dem allgemeinen Körperbau des Menschen, den Körperfunktionen, der Physiologie und „Diectetik“ der Schwangerschaft, der Geburt, dem Wochenbett, der Pathologie und der Theorie. Tägliche Repetition, Demonstrationen an Wachspräparaten, Abbildungen der geburtshilflichen Atlanten und Wandtafeln, Übungen am Phantom, z.B. Extraktion bei Steißlagen, gehörten dazu. Auch wurde auf eine gute praktische Ausbildung Wert gelegt. So fand täglich in den frühen Morgenstunden eine Untersuchung von Schwangeren statt, es wurden Manipulationen und Hilfeleistungen, wie Ausspülen, Kleptieren und Kathetisieren geübt. Der Schröpfunterricht261 wurde von der Oberhebamme geleitet. In Gruppen von fünf bis sechs Schülerinnen wurde Geburten beigewohnt, dabei untersuchten die Hebammenschülerinnen abwechselnd äußerlich und innerlich unter Aufsicht. Somit wurden die theoretischen und praktischen Grundregeln der Antisepsis und Reinlichkeit eingeprägt. (Fahnemann, Martina: Die Entwicklung des Hebammenberufs zwischen 1870 und 1945: Ein Vergleich zwischen Bayern und Württemberg, Würzburg 2006, S.52, aufgerufen über https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/1884/file/fahnemann.pdf am 20.09.2021)

Die Schülerinnen waren in der Klinik untergebracht. Um 5.30 Uhr mussten die Hebammenschülerinnen aufstehen, und die Betten und das Zimmer in Ordnung bringen. Um 6.30 Uhr gab es Frühstück, um 12 Uhr Mittagessen. Mit Erlaubnis der Oberhebamme hatten die Schülerinnen von 12 – 14 Uhr Ausgang. Um 13.30 Uhr wurde der Kaffee gereicht und um 18 Uhr das Abendessen. (Fahnemann S.53)

Die dreijährige Anna Augusta und der eineinhalb Jahre alte Karl August blieben in dieser Zeit vermutlich bei den Eltern Karolinas, dem Landwirt Johann Keller (geb. 1837, 61 Jahre alt) und seiner Frau Katharina (geb. 1840, 57 Jahre alt).

Karolina kam hochschwanger aus Freiburg zurück und brachte am 15. Mai ihr drittes Kind, die Tochter Rosina, zur Welt. Die Tatsache, dass sie nun im Wochenbett lag, meldete das Bürgermeisteramt wiederum nach Schönau, denn dadurch wurde ihre Vereidigung verzögert!

Erst am 2. Juni konnte diese als erfolgt vermeldet werden und die Gemeinde Adelsberg hatte dieses wichtige Amt nach einem Dreivierteljahr endlich wieder besetzt.

Staatsarchiv Freiburg B 719–1_2514

Die Hebammen von Adelsberg (2)

Die Akte aus dem Staatsarchiv Freiburg mit der Signatur B719/1-2514 wurde ursprünglich vom Großherzoglichen Badischen Bezirksamt Schönau angelegt. Adelsberg gehörte bis 1924 zum Bezirk Schönau, danach bis 1936, als die beiden Amtsbezirke Schopfheim und Lörrach zusammengelegt wurden, zum Bezirk Schopfheim und heute zum Landkreis Lörrach. 

Diese Zuordnung ist insofern wichtig, als dass die beiden letzten Dokumente in der Akte einmal von 1921 und dann erst wieder von 1949 datieren. Die Lücke könnte sich auch dadurch erklären lassen, dass die dazwischen liegenden Dokumente andernorts archiviert wurden. Aber ich greife vor.

Zunächst einmal beginnt die Akte mit einem Auszug aus dem Ortsbereisungsprotokoll (handschriftlich) des Großherzoglichen Bezirksamts in Adelsberg, erstellt in Schönau am 30.09.1878. Dokumentiert wird, dass in Adelsberg eine Hebamme namens Eva Fräuschle tätig ist, für die jedoch kein Vertrag und keine Vereinbarung über eine Pension vorliegt. Ihr Gehalt (28 Mark Grundgehalt + 5 Mark je Geburt) ist fix vereinbart, es fehlen der Hebamme jedoch Thermometer und „Frigateur“. Der Gemeinderat von Adelsberg wird verpflichtet, einen Vertrag inklusive Bestimmungen bei Berufsunfähigkeit der Hebamme (10 Mark) aufzusetzen, die Gerätschaften werden durch das Amt zur Verfügung gestellt.

Mit diesem Dokument beginnt die Tätigkeit einer Hebamme in der Gemeinde Adelsberg offiziell.

Es folgen eine Reihe von Vermerken bzgl. der Abstimmungen des Gemeinderats und schließlich bereits am 24.10.1878 die Bestätigung, dass ein Vertrag mit Frau Fräuschle abgeschlossen wurde. „Auf den Bezug einer Pension hat die Hebamme Verzicht geleistet.“

Bereits zwei Jahre später, äußert Frau Fräuschle dann jedoch Unzufriedenheit mit ihrem Vertrag. In einem erneuten Protokoll einer Ortsbereisung vom 3. September 1880 vermerkt der Vertreter des Bezirksamts: „Die Hebamme Witwe Eva Freuschle [sic!] beklagt sich über den zu geringen Gehalt (28 M) und wünscht sich wenigstens einen solchen von 34 M […]. Man fand den Antrag auf Erhöhung des Gehalts begründet.“

Der Gemeinderat sieht das jedoch anders. Man hält den (!) aktuellen Gehalt für angemessen und verweist darauf, dass Frau Fräuschle „nach dem mit derselben abgeschlossenen Vertrag vom Jahre 1878 auch freiwillig auf die Gehaltserhöhung verzichtet hat.“

Es scheint sich hier um einen ganz typischen Fall zu handeln, wie man ihn auch heute noch viel zu oft antrifft: Die Hebamme erhielt einen Vertrag auf der Grundlage ihres bis dato üblichen Gehalts und ihr wurde anschließend mit dem Argument eine Gehaltserhöhung versagt, dass sie dem vertraglich festgelegten Betrag ja zugestimmt habe. Ulla Knapp merkt dazu an:

Da Frauen und Männer i.d.R. nicht die gleichen Tätigkeiten ausübten, wurde Lohndiskriminierung meist nicht offen, sondern versteckt, in Form der Abwertung „typisch weiblicher“ gegenüber männlichen Fähigkeiten, praktiziert. Jenseits allen neoklassischen Denkens enthielten die Männerlöhne eine „Geschlechtsprämie“ (Schirmacher 1909/1979), die sich leistungsideologischen Legitimationsmustern nicht fügt. (Knapp S.21)

Es stellt sich jetzt natürlich die Frage, wie ein Gehalt von 28 Mark zu bewerten ist. Online habe ich diese Aufstellungen gefunden:

https://www.was-war-wann.de/historische_werte/monatslohn.html
http://www.hartwig-w.de/hartwig/ekh/19Jh-Lebenshaltung/1900-leben.htm

Die Hebamme Fräuschle wurde demnach weit unter Durchschnitt entlohnt und ihre Forderung nach einer Gehaltsanpassung war sicherlich nicht unangemessen. 

Trotzdem sie keine Gehaltserhöhung erhalten hatte, scheint Eva Fräuschle den Dienst als Gemeindehebamme in Adelsberg noch fast 20 Jahre weiter ausgeübt zu haben. Das nächste Dokument in der Akte datiert vom 26. September 1897 und darin stellt der Bürgermeister der Gemeinde, ein gewisser Wagner, fest, dass sie „aus folge schwieriger Krankheit dienstunfähig geworden“ sei. Das Bezirksamt in Schönau soll nun mitteilen, wie man in Adelsberg weiter verfahren soll – man möchte „im Laufe dieses nächsten Winters“ eine „gesunde Person“ anstellen.

Der Akte liegt weiter ein Schreiben des Großherzoglichen Bezirksarztes, Dr. Zix, bei, der das Bezirksamt ersucht, das Bürgermeisteramt in Adelsberg zunächst dahingehend zu beraten, dass diese einen „Vertrag mit einer der drei Hebammen in Zell i/W“ abzuschließen „& daß alsbald die nöthigen Schritte gethan werden zur Gewinnung einer geeigneten Frauensperson für den Hebammenberuf, damit dieselbe noch an die [sic!] im Januar des nächsten Jahres beginnende Hebammenkurs teilnehmen kann.“

Das Bezirksamt schließt sich dem Vorschlag des Bezirksarztes an und fordert die Gemeinde Adelsberg dazu auf, einen Vertrag zur Überbrückung der Betreuungslücke abzuschließen und die Stelle der Hebamme öffentlich auszuschreiben. Notiert wird außerdem: „die Gesamtkosten für Ausbildung einer Hebamme belaufen sich auf 260 M. Kurs & Wohnung in der Anstalt 210 M, Unterricht 40 M, Lehrbuch 6 M, Oberhebamme 4 M. WV in 4 Wochen. Schönau 8.10.97.“

Am 25.10. teilt Bürgermeister Wagner mit, dass man nun einen Vertrag mit der Hebamme Fritz aus Zell im Wiesental abgeschlossen habe, die die Aufgaben der Gemeindehebamme zu den gleichen Konditionen übernehmen wird, wie sie bisher für Frau Fräuschle galten. Es wird deutlich, dass die Hebammen zusätzlich zum Gehalt, das ihnen die Gemeinde regelmäßig zahlte, eine gesetzliche Gebühr je Geburt erhielten. Hierdurch erklärt sich auch das verhältnismäßig niedrige Gehalt ein wenig besser.

Weiter scheint man in Adelsberg bei der Suche nach einer neuen Hebamme jedoch nicht gekommen zu sein und so fragt das Bezirksamt Schönau schließlich am 4. Dezember nach, „was in der Sache geschehen ist. Wir müssen unbedingt verlangen, daß für Adelsberg eine Hebamme ausgebildet wird.“ Die Notwendigkeit einer Hebamme vor Ort, insb. wenn man bedenkt, dass in einem Jahr durchschnittlich etwa 5-7 Kinder zur Welt kamen, ist erstaunlich und deutet auf die Bedeutung der Position der Hebamme hin: „Es kann doch unmöglich gehen, daß die Gemeinde Adelsberg länger ohne Hebamme bleibt, & müßten wir für etwaige Unglücksfälle die ganze Verantwortung dem Gm. Arzt aufbürden.“

Der offenbar vorhandene Gemeindearzt – ein Mann – sollte also von der Verantwortung für „etwaige Unglücksfälle“ im Bereich der Geburtshilfe entlastet werden. Denkbar wäre etwa, dass die Hebamme aus Zell nicht rechtzeitig eintreffen oder andernorts gebraucht würde. Deutlich wird aber auch, dass die Hebamme nicht nur als Geburtshelferin betrachtet wurde, sondern – und daher wohl auch der regelmäßige Lohn – eben auch als ständige Betreuerin der Frauen des Ortes. Die Rolle der Hebamme wird dadurch vielmehr zu der einer gynäkologischen Fachkraft.

Am 11. Dezember 1897 ist es dann soweit: Katharina Maier betritt die Szene. In einem erneuten Schreiben des Bürgermeisters Wagner an das Bezirksamt in Schönau teilt dieser mit, dass sie „in der Sitzung des Gemeinderats […] nach vorausgegangener Wahl hiesiger Gemeindefrauen“ zur zukünftigen Hebamme bestimmt wurde. Sie soll dafür 40 Mark pro Jahr (!) erhalten. 

Nach ihrer (Aus)Wahl soll Katharina vom Amtsarzt „bezüglich ihrer Fähigkeit zu diesem Dienste“ untersucht werden, was laut dem der Akte beiliegenden Zeugnis des Bezirksarztes vom 20.12.1897 erfolgte. Auch „an dem für dieselbe von der Gemeinde Adelberg ausgeworfenen (?) Gehalt von 40 Mark pro anno“ hat der Bezirksarzt „nichts auszusetzen“. 

Angesichts der oben gezeigten Vergleichswerte eine fast lächerliche Summe. 

Der ganze Vorgang ist aus mehreren Gründen interessant. Zum Einen wird der (Aus)Wahlvorgang deutlich: Die Frauen von Adelsberg hatten – wie es seit Jahrhunderten Tradition war – eine aus ihrer Mitte benannt, die nun zur Hebamme ausgebildet werden sollte. Erst anschließend hatte der Gemeinderat diese Wahl offiziell beschlossen.Die Wahl fiel dabei nicht auf eine erfahrene Geburtshelferin, sondern auf eine junge Mutter, die nun zu einem Kurs entsandt werden sollte:

Die Gemeinde Adelsberg erhält [… den] Auftrag die C. Maier nunmehr sofort […] beim Gr[oßherzoglichen] Oberhebarzt in Freiburg zu dem am 1. Jan 1898 beginnenden Kurs anzumelden. Auch ist dafür zu sorgen daß auf 1. Januar N.J. spätestens die Summe von 260 M […] an die Verwaltung (?) der Entbindungsanstalt gelange da die Aufnahme ohne diese Vorausbezahlung nicht erfolgt. Zu dem mit der C. Maier abzuschließenden Vertrag empfiehlt es sich aufzunehmen, daß dieselbe verpflichtet ist, dann den gesamten Betrag der Gemeinde zurückzuerstatten, falls sie vor Ablauf von 3 Jahren die Thätigkeit einer Gemeindehebamme in Adelsberg aufgiebt, & ist der Vertrag auch von ihrem Ehemann unterzeichnen zu lassen. Sollte die Maier über 30 Jahre alt sein, so müsste dies umgehend anhören anzuzeigen. 

Staatsarchiv Freiburg B 719–1_2514

Anmerkungen:

Oberhebarzt in Freiburg: Der Lehrstuhl für Gynäkologie an der Freiburger Universität hatte gleichzeitig die Funktionen eines Hebammenlehrers und Kreisoberhebarztes inne. (Neumann, H.P.H.: Rudolf Kaltenbach zum 150. Geburtstag und 100. Todestag, in: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 53 (1993), S.204-211, hier S.205.) Dort an der Universität verfasste Rudolf Kaltenbach im Jahre 1874 das grundlegende Lehrbuch „Die Operative Gynakölogie“, der damit zum Mitbegründer der modernen Gynäkologie wurde. (S.206)

Kurs: Laut Medicinalordnung des Großherzogthums Baden von 1840 mussten die ausgebildeten Hebammen sich ständig fortbilden:

Den, jährlichen durch den Oberhebarzt abzuhaltenden, Prüfungen hat jede Hebamme bei einer angemessenen Strafe pünktlich beizuwohnen, insofern sie nicht durch wichtige Abhaltung, welche sie jedenfalls dem Oberhebarzte anzeigen muß, daran verhindert ist. Von der Amtskasse hat sie hiefür die bestimmten Diäten als Taggeld, und von der Gemeinde freien Transport zu Wagen nach dem Průfungsorte und von demselben zurück anzusprechen (§13 der Instructione für die Hebammen, S.97).

Entbindungsanstalt 

http://www.alt-freiburg.de/gynaekologie01.htm

über 30 Jahre alt sein: Für weibliche Angestellte galt jedoch spätestens der 30. Geburtstag als ein kritisches Datum. Post und Bahn stellten ebenso wie viele private Chefs ausschließlich jüngere Frauen ein, besonders, wenn es sich um Verkäuferinnen handelte. (Frevert S.318)

Die Hebammen von Adelsberg (1)

Was bedeutete es, dass Karolina Maier geb. Keller, die Mutter von Ernst und meine Ur-Ur-Großmutter, Hebamme in Adelsberg war? Welchen Stand hatte sie damit inne, welche Verpflichtungen und welche Rechte? Und wie sah ihr Alltag aus?

Zunächst einmal ist es wichtig, den sozialen Rahmen zu verstehen, in dem Karolina tätig war.

Im Normalfall fand die Geburt zuhause statt, auch in ärmlichen Verhältnissen. Anwesend war höchstens eine Hebamme, und gerade sie war nach Ansicht vieler Ärzte schuld daran, daß die Stillhäufigkeit immer mehr zurückging. Hebammen, hieß es, bestärkten die Frauen in ihrer Abneigung gegen das Stillen und waren nur allzu rasch bereit Stillunfähigkeit zu attestieren und künstliche Ernährungsformen zu empfehlen. Auch hier tat gründliche Information und staatliche Intervention not: So bestimmte ein Regierungserlaß von 1905, daß die Medizinalbeamten die ihnen unterstellten Hebammen darauf verpflichten mußten, die Wöchnerinnen zum Stillen anzuhalten. (Frevert, Ute: „Fürsorgliche Belagerung“- Hygienebewegung und Arbeiterfrauen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985), 4, S. 420- 446, hier S.439.)

Dabei nahmen Hebammen nicht nur dort, aber insbesondere in Dörfern seit Jahrhunderten eine wichtige Position, auch als Ausdruck eines durch die Gruppe der Frauen kontrollierten Bereich des gemeinschaftlichen Lebens ein. (Kinzelbach, Annemarie: Women and healthcare in early modern German towns, in: Renaissance Studies (28), 2014, S. 619-638.)

Die Bezeichnung „Hebamme“ stand allein der besten, vor allem aber der von den Dorffrauen als solche anerkannten, Geburtshelferin zu. […] überall im deutschsprachigen Raum wurde die Dorfhebamme zumindest bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts, von den verheirateten Dorffrauen gewählt. Dieses einzige öffentliche Recht der Frauen, das Recht zur Wahl ihrer Hebemutter, das sich bereits im Mittelalter und wahrscheinlich auch davor feststellen läßt, bildete ein festgefügtes Ritual der Frauengemeinschaft. Sie versammelte sich […] entweder alljährlich zu einem bestimmten Termin, um die alte Hebamme in ihrem Amt zu bestätigen, oder sie trat dann zusammen, wenn es galt, die Hebammenstelle neu zu besetzen […]. (Labouvie, Eva: Selbstverwaltete Geburt – Landhebammen zwischen Macht und Reglementierung (17.-19. Jahrhundert), in: Geschichte und Gesellschaft (18), 1992, 4, S. 477-506, hier S.485.)

Diese selbstbestimmte Wahl wurde im Laufe der Zeit durch die unterschiedlichen Obrigkeiten, denen die (Dorf)Frauen unterworfen waren, immer weiter eingeschränkt: Das Wahlrecht der verheirateten Frauen, welches sie auch dort immer wieder durchzusetzen versuchten, wo es von der Landesherrschaft seit dem 17. und 18. Jahrhundert den Pfarrern oder Ortsbediensteten übertragen worden war, blieb ein steter Zankapfel. (Labouvie S.486)

 Der Weg von der freien Hebamme des Mittelalters, die Geburtshelferin und Gynäkologin zugleich sein konnte, führte von kontrollierenden Pflichtfestschreibungen durch Hebammenordnungen und Vereidigungen, über Hierarchisierung, Verschulung und Professionalisierung schließlich Ende des 19. und im 20. Jahrhundert zu ärztlich geleiteten Gebäranstalten, Hospitälern und Krankenhäusern. In diesen durften die Hebammen nun unter Anweisung von Medizinern tätig sein oder sich als ausgebildete Kreis- und Bezirkshebammen mit Niederlassungsgenehmigung betätigen, eine Entwicklung, die bis heute allgemein noch Gültigkeit hat. (Labouvie S.478) 

Und doch lag in der staatlichen Kontrolle über das Hebammenwesen auch eine Chance für die Einzelne, die nun, ausgestattet mit einer zertifizierten Ausbildung, ein geregeltes Einkommen einfordern konnte und damit eine gewisse Selbstständigkeit und Unabhängigkeit in einer Gesellschaft, die weibliche Erwerbsarbeit gewöhnlich nicht schätzte, erhielt:

Bezahlte Frauenarbeit galt während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im öffentlichen Bewußtsein weithin als notwendiges Übel für Minderbemittelte, wenn nicht als Schande. Bis 1900 unterstanden alle verheirateten Frauen nach den Bestimmungen des Allgemeinen Preußischen Landrechts männlicher Vormundschaft, ohne deren Einwilligung sie keinen Arbeits- oder Mietvertrag eingehen durften. (Nienhaus, Ursula: Von Töchtern und Schwestern – Zur vergessenen Geschichte der weiblichen Angestellten im deutschen Kaiserreich, in: Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft (7), 1981, S.309-330, hier S.312.)

Wenn Frauen in dieser Zeit doch arbeiteten bzw. arbeiten mussten, unterlagen sie standardmäßiger Diskriminierung:

Frauen wurden nicht nur aufgrund ihrer Benachteiligung im Bildungssystem am Qualifikationserwerb gehindert, sondern im Wege der Arbeitsplatz-, Bewertungs- und z.T. auch offenen Diskriminierung am Arbeitsmarkt schloß man sie zudem aus beruflichen Lernprozessen aus und verwehrte ihnen die leistungsgerechte Verwertung ihrer Qualifikationen. (Knapp, Ulla: Frauenarbeit in Deutschland zwischen 1850 und 1933 Teil II, in Historical Social Research / Historische Sozialforschung (29), 1984, S. 3-42, hier S.20.)

Während eine Diskriminierung der Hebammen hinsichtlich ihrer Entlohnung nicht ausgeschlossen werden kann, scheint mir doch zumindest eine Einschränkung, der die meisten weiblichen Erwerbstätigen ca. 1900 unterlagen, auf sie nicht zuzutreffen – Hebammen erhielten dank der Regulierungsbestrebungen im Gesundheitssystem eine Fach-Ausbildung. (Huerkamp, Claudia: Ärzte und Professionalisierung in Deutschland – Überlegungen zum Wandel des Arztberufs im 19. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft (6), 1980 S. 349-382). 

Ganz anders sah dies für viele Arbeiterinnen aus:

Faktisch stellten weibliche Lehren bessere Anlernausbildungen dar, die sich auf die güterwirtschaftlich sekundären Bereiche (Textil, Bekleidung) konzentrierten. Häufig, insbesondere in der Bekleidungsindustrie, implizierte dies aber nicht, daß die Frauen tatsächlich weniger qualifiziert waren als Arbeiter, die ein ordentliches Lehrverhältnis in einer anderen Branche absolviert hatten: gerade in der Konfektion rechneten die Arbeitgeber mit den hauswirtschaftlich erworbenen Qualifikationen der Frauen und eigneten sich diese unentgeltlich an. (Knapp S.22)

Die Beschäftigung mit dem Thema „Weibliche Erwerbsarbeit“ allgemein bzw. der Hebammen als Beispiel für eine schon früh für Frauen akzeptierte Profession deutet darauf hin, dass Karolina Maier innerhalb der Gemeinde Adelsberg eine besondere Position einnahm. 

Zur Erinnerung:

Adelsberg hatte im Jahre 1890 255 Einwohner, die überwiegend von Landwirtschaft und Viehzucht [lebten], sofern sie nicht als Köhler und Weber tätig waren. (Fräulin, Hans: Neue Geschichte der Stadt Zell im Wiesental, Zell 1999, S.264.) Nimmt man an, dass unter den Einwohnern ein paar Handwerker (quasi als „Dienstleister“ für die Bauern) und vermutlich ein Lehrer waren, so muss man die Hebamme zu den wenigen – vielleicht nur eine Handvoll – Einwohnern zählen, die einen „echten“ Beruf hatten. Damit stach Karolina nicht nur innerhalb der Gemeinde hervor, sondern sie hob sich auch in entschiedenem Maße von den anderen Frauen ab:

Zwei Drittel aller erwerbstätigen verheirateten Frauen arbeiteten zwischen 1907 und 1933 als mithelfende Familienangehörige, vor wiegend in der Landwirtschaft; stärker als männliche mithelfende Familienangehörige konzentrierten sie sich auf die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe. (Knapp S.7f)

Im Staatsarchiv Freiburg bin ich auf eine Akte gestoßen, deren Kurzbeschreibung mich neugierig gemacht hat: Regelung des Hebammendienstes in Adelsberg / 1878-1949. Ein echter Glücksfall! 

Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg B 719/1 Nr. 2514. Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg.

Ich habe mir die Akte als Reproduktion zusenden lassen und kann jetzt das Berufsleben von Karolina Maier ab dem Jahre 1897, als sie – noch nicht 21 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und schwanger mit dem dritten – dazu bestimmt / erwählt wurde, zukünftig als Hebamme der Gemeinde zu dienen.

Karolina Maier, geb. Keller

Karolina Keller, geboren am 12.02.1877 in Adelsberg, Dienstmagd, heiratete am 09.04.1894, mit also knapp 17 Jahren, in Adelsberg den 13 Jahre älteren Landwirt Augustin Maier (geb. 15.09.1864 in Adelsberg).

Karolinas Eltern, Johann Keller, ein Fabrikarbeiter und Katharina Keller, geb. Eckert lebten im Gegensatz zu den Eltern ihres Bräutigams zu diesem Zeitpunkt beide noch. Johann Keller starb 1911, seine Frau Katharina 1921, beide in Zell im Wiesental.

Karolina war später als Hebamme tätig und bekam selbst innerhalb von etwa 20 Jahren 15 Kinder. Sie starb am 20.03.1958, mit immerhin 81 Jahren, ebenfalls in Zell, wohin sie mit ihrer Familie vermutlich kurz vor dem 1. Weltkrieg gezogen war. Diese Information ergibt sich aus einer Auswertung des Geburtenregisters von Adelsberg, in dem am 04.10.1914 die Geburt eines Mädchens, durch die Hebamme und nicht – wie üblich – durch den Vater erfolgte:

Interessant ist hier, dass das, obwohl schon Oktober, erst die dritte Geburt des Jahres war. Das war in anderen Jahren und obwohl Adelsberg sehr klein war und ist, anders.

1914 lebte Karolina also bereits in Zell, war aber weiterhin als Hebamme in Adelsberg tätig.

Ich habe einen weiteren, interessanten Eintrag, dieses Mal aus dem Jahr 1917 gefunden:

Eine unverheiratete Frau hatte ein Kind bekommen und so blieb es Aufgabe der Hebamme, diese Geburt anzuzeigen und in diesem Fall auch zu bezeugen. Auch 1917 wurde Karolina weiterhin als Hebamme zu Geburten nach Adelsberg gerufen.

Zur Hebamme auf dem Land, wenn auch mit einem zeitlich etwas früheren Fokus, schreibt Eva Labouvie folgendes zur Arbeit der Hebammen auf dem Land:

Erst ab den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts existierten auf dem Land zwei unterschiedliche Hebammentypen: traditionelle Hebammen, die die Geburtshilfe aufgrund ihrer praktischen Ausbildung bei ihrer Vorgängerin gegen Naturallohn und als Ehrenamt ausübten, und solche, die gegen eine feste Geldtaxe dem Beruf der von Medizinern oder Chirurgen unterrichteten und examinierten Hebamme nachgingen. (Eva Labouvie: Hebammen in der Frühen Neuzeit – Zur weiblichen Kultur auf dem Lande, in Frauengeschichte(n) – Vorträge im Rahmen der Bronnbacher Gespräche 2001, Stuttgart 2002, S.35-56, hier S.35.)

Dadurch, dass sie als Hebamme tätig war, hat Karolina Maier eigene Spuren hinterlassen. Die meisten Frauen ihrer Generation, genauso wie Jahrhunderte davor und auch noch bis vor nicht allzu langer Zeit, treten in überlieferten Dokumenten lediglich durch ihre Geburt, die Hochzeit und den Tod in Erscheinung.

Sterbeurkunde Hermann Gustav Pitsch

Auf der Suche nach weiteren Anhaltspunkten zum Leben und Wirken Dr. Pitschs in Grenzach, konnte ich die Sterbeurkunde seines Vaters im Kreisarchiv in Lörrach ausfindig machen:

Dr. Pitsch hat den Tod seines Vaters selbst gemeldet und wohl auch die entsprechenden medizinischen Angaben gemacht. Hierzu gab es – so die sehr schwer zu entziffernden Randbemerkungen – eine Untersuchung, in der schließlich festgestellt wurde, dass Dr. Pitsch qua seiner Ausbildung dazu befähigt war.

Neues zu Dr. Pitsch

Diese Recherche umfasst nicht nur das Leben von Ernst Maier, sondern von Anfang an auch all die Personen, die mir dabei über den Weg laufen. Einerseits aus den Akten, andererseits aus der Literatur und dann diejenigen, von denen ich mir mehr Einblick in die Zeit allgemein und im Wiesental und Grenzach speziell verspreche.

Mein Interesse für Dr. Friedrich Wilhelm „Fritz“ Pitsch entstand zunächst dadurch, dass es ihn „nicht mehr gibt“. Obwohl er etwas mehr als 20 Jahre als Arzt in Grenzach tätig war, hat er nur wenige Spuren hinterlassen. Umso spannender für mich war es, dass die wenigen Spuren, die es gibt, eine vielschichtige Person zeigen.

Wie bereits geschildert, bin ich über Google auf den Beitrag bei ancestry.com gestoßen, in dem neben diversen Fotos der Nachruf auf Dr. Pitsch hochgeladen wurde.

Ich habe den Nutzer bereits letztes Jahr kontaktiert, jedoch keine Antwort erhalten. In einem zweiten Versuch habe ich dann vor einigen Wochen den Sohn von Dr. Pitsch, Hansjörg, gegoogelt und tatsächlich gefunden: In einer Datenbank von Einwohnern Ohios!

Ich habe also einen Brief nach Cleveland geschickt und Antwort erhalten. Seit einiger Zeit stehe ich jetzt im Austausch mit Hans Pitsch, der mir dankenswerter Weise von seinem Vater erzählt hat – auch wenn mein Ansinnen erst einmal komisch wirkte.

Hier nun ein aktualisierter Überblick auf das Leben und Wirken Dr. Pitschs:

Friedrich Wilhelm, genannt Fritz, Pitsch, geboren am 06.02.1894, wuchs in Basel auf und kam, gemeinsam mit seinen Eltern, erst 1919 nach Grenzach. Das erklärt, warum sich im Ortssippenbuch auch ein Eintrag für seine Eltern findet. Er hatte zwei ältere Schwestern, neben der im Ortssippenbuch aufgeführten Katharina (Käthe), eine weitere Schwester namens Maria (geb. 1879).

Hermann Gustav Pitsch starb 1926 und seine Witwe zog anschließend nach Hamburg, wo ihre beiden Töchter bereits lebten. Sie starb dort 1933.

Fritz Pitsch nahm am Ersten Weltkrieg teil, wurde jedoch bereits nach wenigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen entlassen und nahm dann ein Medizinstudium in Basel auf. Wie damals üblich, studierte er an mehreren Universitäten (Freiburg, Tübingen, Heidelberg) und absolvierte anschließend seine Facharztausbildung zum Dermatologen in Basel am Bürgerspital, wo er auch seine erste Frau, eine Schweizer Krankenschwester aus dem Thurgau, Lily Roth, traf.

Fritz und Lily heirateten 1924 in der evangelischen Kirche in Grenzach und im gleichen Jahr ließ sich Dr. Pitsch als Arzt in Grenzach nieder. Er war zu diesem Zeitpunkt der einzige Arzt und damit weniger als Dermatologe, sondern als Hausarzt tätig. 1926 wurde die Tochter Ruth geboren und 1930 dann Hans(jörg).

Neben seiner Tätigkeit als Hausarzt war Dr. Pitsch auch als Schularzt (ab 1925 oder 1928) und als Werksarzt (ab 1938) bei den Firmen Geigy und Salubra tätig.

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Seine Praxis befand sich ab 1931 im Eckhaus Bertlingen / Jacob-Burckhardt-Straße. Die Praxis-Adresse „Rheinstraße 5a“, die sich auf Katharina Winters Fragebogen findet, scheint sich auf dasselbe Haus zu beziehen.

Wie schon aus seinem Nachruf und den Archivunterlagen deutlich wurde, befasste sich Dr. Pitsch nicht nur mit Medizin: Er war Freimaurer und in der Friedensbewegung aktiv, mit Albert Schweitzer bekannt und ein Student bei C.G. Jung in Zürich. Schweitzer traf er vermutlich 1923, als dieser auf Spendentour ein Orgelkonzert in der Evangelischen Kirche in Grenzach gab.

Von Hans Pitsch habe ich jetzt erfahren, dass sein Vater auch literarisch tätig war und u.a. Theaterstücke verfasste, die allerdings soweit bekannt, nicht aufgeführt wurden, und Mitglied im Stahlhelm war.

1939 wurde Dr. Pitsch, obwohl mittlerweile bereits 45 Jahre alt, direkt eingezogen und ab September 1939 bis Januar 1942 als Unterarzt in Donaueschingen stationiert. Er war also tatsächlich abwesend aus Grenzach und wurde in dieser Zeit durch einen Dr. Oskar Wack vertreten. Entlassen wurde er, wie auch bereits im Ersten Weltkrieg, aufgrund gesundheitlicher Probleme. Zurück in Grenzach übernahm Dr. Pitsch wiederum seine Tätigkeit als Werksarzt und war in dieser Kapazität auch für die in den Grenzacher Firmen eingesetzten Kriegsgefangenen zuständig.

Nach Kriegsende wechselte Dr. Pitsch aus der Hausarztpraxis in die Verwaltung. Wie es zu diesem Schritt kam, dazu konnte mir auch Hans Pitsch nichts genaueres sagen. Die Französische Besatzungsmacht war auf „unbelastetes“ Personal angewiesen und in diesem Sinne mag man auf Dr. Pitsch zugekommen sein:

My father had treated many of the French soldiers occupying Grenzach and he also supervised a young French physician who was assigned to him. The French were looking out for people who had not been tainted.  That my father spoke French fluently may also have helped. 

Dr. Pitsch war ab Januar 1946 als Regierungsmedizinaldirektor im Ministerium für Gesundheit von Südbaden, in Freiburg, angestellt. Dazu muss man sagen, dass bis zur Vereinigung 1952, drei separate Staaten – Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern bestanden. Dr. Pitsch war also quasi auf Landesebene und in der Landeshauptstadt beschäftigt, während die Region heute als Bezirk verwaltet wird. In seiner Position fielen Dr. Pitsch unterschiedliche Aufgaben zu:

My father’s responsibilities included supervision of all district and local health departments, oversight of the public institutions for the mentally ill and retarded, licensing of physicians and other medical personnel and programs to combat epidemics and various infectious diseases. Because of wide-spread malnutrition, tuberculosis was a major health problem after the war. I believe my father’s greatest achievement was in planning and implementing effective services for TB patients.

In diese Zeit fällt ein weiteres spannendes Detail aus dem Nachruf; Dr. Pitsch war als deutscher Vertreter bei der Aufnahme der Bundesrepublik in die WHO 1951 in Genf dabei. Obwohl er in diesem Kontext nicht mehr weiter involviert war, scheint Dr. Pitsch in den Jahren nach dem Krieg und vor seinem Tod 1952 ein verhältnismäßig internationales Leben geführt zu haben:

In 1949, my father traveled to the United States with the support of the Action Committee For Combatting Tuberculosis in Europe. I do not have the details of his itinerary, but I know that he was in New York and in Philadelphia where I think he was seeking financial support from Quakers and other groups in the fight against TB. He was also made an honorary member of the Edward Livingston Trudeau Society (later known as the American Thoracic Society).

Wie das Ortssippenbuch mitteilt, wurden Lily und Fritz Pitsch 1951 geschieden. Dr. Pitsch hatte in seiner Zeit in Freiburg seine spätere zweite Frau, Marianne, geb. Schaffer kennen gelernt, mit der er eine weitere Tochter hatte.

Dr. Pitsch starb unerwartet am 3. Mai 1952 in Freiburg. Zu seiner Beerdigung kam u.a. auch Leo Wohleb, Staatspräsident des kurzlebigen Landes Baden (1947-1952) und der Innenminister des Landes, Alfred Schühly, hielt die Trauerrede.

Nachtrag zu Schlageter

Bei Hansjörg Noe, Gleichgeschaltet – Maulburg im Nationalsozialismus und die Rolle von Hermann Burte im Dritten Reich, Lörrach 2016, findet sich zum Umgang mit Schlageter im Wiesental folgendes:

In den Anfängen der nationalsozialistischen Propaganda ist eine Groß-Veranstaltung für das Wiesental […] von besonderer Bedeutung: Die Schlageter-Feier in Schönau. (S.36)

Noe zitiert aus dem Oberbadischen Volksblatt vom Mai 1933:

Am Pfingstsonntag wird an heiliger Stätte, am Grabe und Denkmal Albert Leo Schlageters eine gewaltige Kundgebung stattfinden, die dem dankbaren Gedenken des großen Sohnes der Stadt Schönau im Schwarzwald dient. Die ganze Welt ehrt Albert Leo Schlageter den heldenhaften Vorkämpfer für ein neues und freies Deutschland. Die Heimat will darin nicht nachstehen und ruft deshalb für Pfingsten zur Fahrt und Teilnahme an der Gedenkfeier in Schönau auf. Nicht ein rauschendes Fest soll es sein, sondern eine ernste Weihestunde für den Mann, der als letzter Soldat des großen Krieges und als erstes des Dritten Reiches sein Leben opferte. (26.05.1933)

Noe berichtet von zwei weiteren lokalen „Helden“, die den Nationalsozialisten als „Blutzeugen der Bewegung“ dienten, Dr. Karl Winter und Albert Schöni, beide aus Steinen.

Zu eben diesem Dr. Karl Winter veröffentlichte Hermann Burte, dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist, 1939 ein Gedicht, abgedruckt im Markgräfler Jahrbuch:

http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/mgjb-1939/0043?sid=971e951f062f26d872492af8d184722a

Albert Schöni, den die Landesbibliographie Baden-Württemberg als Begründer der SA im Wiesental führt, war sicher ein Bekannte von Ernst.

Rüdiger von der Goltz

Die Frage, wie Ernst zu den Freikorps kam und was er dort tat, gilt es zu verfolgen. Zunächst einmal soll allerdings eine Person kurz vorgestellt werden, die bereits angesprochen wurde: Graf Rüdiger von der Goltz.

Generalmajor Graf Rüdiger von der Golz, der zuvor in Finnland gekämpft hatte, wurde Anfang des Jahres 1919 damit beauftragt, die Grenzen Deutschlands gegenüber der Sowjetunion zu verteidigen. Er führte als Oberkommandierender die Truppen, die allgemein unter der Bezeichnung „Freikorps“ geführt werden, auch wenn es sich dabei um eine Mischung aus (ehemals) regulären Truppen und den neu zusammen gestellten Freikorps handelte.

Zur Durchführung dieser Aufgabe wurde ihm von der Obersten Heeresleitung die 1. Garde-Reserve-Division zur Verfügung gestellt, die durch Freiwilligenwerbungen vor allem in der Umgebung Berlins neu aufgestellt wurde. Zu den bedeutendsten Formationen der 1. Garde-Reserve-Division gehörten die Abteilung des Grafen York von Wartenburg sowie die Freikorps des Hauptmann Cordt v. Brandis und des Grafen Eulenburg. Führer der Maschinengewehr-Kompanie des Freikorps v. Brandis war der bereits erwähnte Oberleutnant Friedrich Wilhelm v. Oertzen, einer der wichtigsten Chronisten der Freikorpsbewegung. Dem Freikorps v. Brandis gehörte ferner der Feldwebel Friedrich Hildebrandt an, der spätere Reichsstatthalter der NSDAP für Mecklenburg und Lübeck. Kommandeur des ersten Bataillons des Freikorps des Grafen Eulenburg war Major Ernst Buchrucker. Diesem Bataillon gehörte auch Paul Schulz an. Beide wurden später die Führer der sogenannten Schwarzen Reichswehr, die im Berliner Raum den Küstriner Putsch organisierte. (Sauer, Bernhard: Vom „Mythos eines ewigen Soldatentums“ – Der Feldzug deutscher Freikorps im Baltikum im Jahre 1919, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43 (1995), Heft 10, S. 869–902, hier S.876.)

Eben dieser Friedrich Wilhelm von Oertzen schildert den Beginn der Aktivitäten im Baltikum so:

Graf Goltz traf am 5. Februar 1919 in Libau ein. Die Oberste Heeresleitung hatte ihm zur Durchführung der militärischen Grenzschutzaufgaben die neu formierte erste Garde-Reserve-Division zur Verfügung gestellt. Aber vorläufig stand für Wochen hinaus auch diese Division nur auf dem Papier. Sie mußte erst in Westpreußen auf Freikorpsart durch Freiwilligenwerbung zu einer verwendungsfähigen Kampftruppe aufgefüllt werden. (Oertzen, Friedrich Wilhelm von: Die deutschen Freikorps 1918-1923, München 1936, S.40)

Ende Februar traf dann die für die weiteren militärischen Pläne des Grafen Goltz dringend  benötigte 1. Garde-Reserve-Division im Baltikum ein. Auch sie war ihrem Wesen nach eine Zusammenfassung von Freikorps, wenngleich alte Regimentsbezeichnungen weitergeführt wurden. Die Führung der Division hatte Generalmajor Tiede, 1. Generalstabsoffizier war der vielfach bewährte Hauptmann von Rabenau. Teile dieser Division wurden nun vorübergehend auf dem nördlichen Frontabschnitt der Baltischen Landeswehr eingesetzt, um Windau zu erobern. (Oertzen S.52)

Von der Golz selbst betrachtete seine Aufgabe etwas umfassender, als zunächst vorgesehen, wie er später schreibt: Ursprünglich nur zum Schutze Ostpreußens bestimmt, faßte ich meine Aufgabe immer mehr in einer großen Idee zusammen, dem Zukunftsgedanken des schwer bedrohten Deutschtums. (Goltz, Rüdiger von der: Meine Sendung in Finnland und im Baltikum, Leipzig 1920, S.126)

Goltz 1920

Zu einem abschließenden und unparteiischen Urteil wird vielleicht erst eine spätere Zeit gelangen, soweit Menschen dazu überhaupt fähig sind. Möge dann die von uns bekämpfte bolschewistische Weltanschauung asiatischer Unfreiheit nicht die allein geduldete sein! Das wäre dann wirklich „der Untergang des Abendlandes“. Ihn zu verhindern war unser Ziel. (Goltz, S.145).

Albert Leo Schlageter

Kannte Ernst, der 1901 in Adelsberg geboren wurde, den 7 Jahre älteren Albert Leo Schlageter aus Schönau?

Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht.

Schlageter besuchte das Gymnasium in Freiburg, war also laut DHM ab 1909, als Ernst erst 8 Jahre alt war, nicht mehr im Wiesental wohnhaft. 1914 zog er von Freiburg aus in den Krieg und kehrte von da an, zumindest nach allem, was ich bisher gelesen habe, nur noch einige wenige Male in seine Heimat zurück.

Trotzdem ist nicht abwegig, dass Ernst Schlageter zumindest kannte, also wusste wer er war, auch bevor er zu nationalem Ruhm kam. Denn bis jetzt konnte ich noch nicht heraus finden, wie Ernst auf die Idee kam, sich zu den Freikorps zu melden. Und Schlageter wäre hier eine heiße Spur.

Zu Ernst Freikorps-Historie wissen wir nur, was er selbst Jahre später dazu schreibt:

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution u von Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res.division Grenzschutz (Ost) Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf. Reg. 115 überwiesen wurde. Um meine Alten in der Heimat besser unterstützen zu können lies ich mich auf Wunsch meiner Alten am 18. Febr. vom Reichsw. Inf. Reg. 115 in die Heimat entlassen. 

Man kann annehmen, dass Ernst, wenn er mit, unter oder in der Nähe von Schlageter gedient hätte oder eingesetzt worden wäre, dies erwähnt hätte. Ein genauerer Blick lohnt sich trotzdem.

Der Literatur zufolge war Schlageter Angehöriger des Freikorps Medem, das zur Eisernen Division zählte,während Ernst als Mitglied der 1. Garde Reservedivision aus den regulären Truppen hervor ging:

Nach Kriegsende und Rückkehr in die Heimat wurde die Division Ende Januar 1919 in Berlin aus Freiwilligen neu aufgestellt und dem VI. Reserve-Korps unter Rüdiger von der Goltz im Baltikum zugeteilt. Im Frühling 1919 war sie der stärkste Verband der sogenannten Baltikumer, welche 1919 im Auftrag der Obersten Heeresleitung Grenzschutzoperationen an der Nordostgrenze Deutschlands übernahmen und ab März 1919 im Lettischen Unabhängigkeitskrieg eingesetzt wurden. (Wikipedia)

Zum Freikorps Medem findet sich bei Stefan Zwicker folgende Information:

… in Waldkirch, wo der Hauptmann Walter Eberhard v. Medem ein Freikorps um sich sammelte. Medem, damals 30 Jahre alt, gehörte wie fast alle Freikorpsführer zur Generation der jungen Weltkriegsoffiziere. Er schrieb später, Ziel seiner etwa 400 Mann starken Truppe sei vom Tag der Gründung an „die Befreiung des von den Bolschewisten besetzten Riga“ gewesen. Am 17. April erfolgte der Abtransport nach Kurland, Schlageter war als Batterieführer dabei. (Zwicker, Stefan: „Nationale Märtyrer“ – Albert Leo Schlageter und Julius Fucik Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur, Paderborn 2006, S.36.)

Beide Einheiten, also sowohl die 1. Garde Reservedivision als auch das Freikorps Medem unterstanden in dem Zeitraum, in dem Ernst sich im Baltikum befand (März-Oktober 1919) Rüdiger von der Goltz:

Anfang Februar 1919 übernahm das VI. Reserve-Korps die Befehlsführung in Kurland. Dem Kommandierenden General, Generalmajor Rüdiger von der Goltz, unterstanden das Gouvernement Libau, die Baltische Landeswehr, die Eiserne Division, die eintreffende 1. Garde-Reserve-Division und verschiedene kleinere Freikorps.  (Wikipedia)

Für Ernst war das Abenteuer Freikorps nach knapp 11 Monaten wieder beendet, während Schlageter bis zu seinem Tod 1923 noch an so gut wie allen Brennpunkten dieser Jahre anzutreffen war (Kapp-Putsch, Oberschlesien, Ruhrgebiet). Leider konzentriert sich die Forschung zu Schlageter in der Regel auf seine Funktion als Symbol des deutschen Nationalismus, inklusive seiner Verehrung. Für die für mich spannenden Fragen konnte ich bisher nur vereinzelt Hinweise finden:

Wie wurde Schlageter in seiner Heimat wahrgenommen und vereinnahmt, war er bereits vor seinem Tod dort bekannt und aktiv?

Wenn man annimmt, dass Ernst wusste, wer Schlageter war, dann gab es für beide soweit bekannt, lediglich noch eine Möglichkeit, sich nach Ernsts Zeit im Baltikum in der Heimat über den weg zu laufen und zwar 1921, als Schlageter zwischenzeitlich kurz dort zu Besuch war. (Zwicker, Stefan: Albert Leo Schlageter – eine Symbolfigur der deutschen Nationalismus zwischen den Weltkriegen, in: Linek, Bernard (Hg.): Nacjonalizm a tożsamość narodowa w Europie Środkowo-Wschodniej w XiX i XX w. Opole 2000, S. 199–214, S.211)

Diese Episode 1921 schildert bspw. Friedrich Georg Jünger (der Bruder Ernst Jüngers):

Als das Deutschtum gesiegt hatte […], hielt sich Schlageter im Schwarzwalde auf. Als polnische Insurgenten, mit aktiven polnischen Truppen gemischt, von den Franzosen begünstigt, die deutsche Grenze überschritten, kehrte er zurück. (Jünger, Friedrich Georg: Albert Leo Schlageter, in: Jünger, Ernst (Hg.): Die Unvergessenen, Leipzig 1928, S.302-311, hier S.305.

Nach seiner Hinrichtung durch die Franzosen 1923 war Schlageter dann sehr schnell überall in Deutschland ein Begriff und man kann zum Beispiel annehmen, dass Ernst die Überführung seines Sarges aus Düsseldorf nach Schönau Anfang Juni 1923 miterlebte. Bei der Beisetzung am 10.06. in Schönau waren u.a. auch Freikorps-Vertreter anwesend – und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Ernst:

Am Sonntag, 10. Juni 1923, wurde Schlageter auf dem Schönauer Friedhof der Heimaterde übergeben. Die ganze Gemeinde beteiligte sich. (Rothmund)

Die Eisenbahn brachte den Sarg über Hagen, Gießen, Frankfurt, Mannheim,
Karlsruhe, Freiburg und Basel nach Schönau. Auf den genannten deutschen Bahnhöfen und an der Strecke versammelten sich Menschen, um Schlageter die letzte Ehre zu erweisen […]. Am 10. Juni 1923, einem Sonntag, folgte die Beisetzung in einem Ehrengrab auf dem Schönauer Friedhof, Sonderzüge wurden eingesetzt, um dem Andrang Herr zu werden. Anwesend waren neben den ehemaligen Freikorpsführern Hubertus v. Aulock und Walter Eberhard Frhr. v. Medem auch Vertreter der badischen Regierung. Die Bedeutung, die man dem Geschehen beimaß, zeigt sich auch darin, dass Überführung und Beerdigung gefilmt wurden.
(Zwicker, Nationale Märtyrer)

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=gbj-002:2000:7::250#190

Spätestens als der Schlageter-Kult nach 1933 maßlos gesteigert wurde, war Ernst – in offizieller Funktion – ganz sicher bei den Gedenkveranstaltungen in Schönau dabei:

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=gbj-002:2000:7::250#190

An der Gedenkfeier [am 4. Juni 1933] nahmen 16—18 000 Menschen teil, darunter insgesamt über 7000 Mann aus SA, SS, Motorsturm, Reservesturm, Hitlerjugend, Stahlhelm, Jungdeutscher Orden, Arbeitsdienst und Kriegervereine. (Fuhrmeister)

Weitere Informationen zu Dr. Pitsch

In der Zwischenzeit habe ich weitere Informationen zu Dr. Pitsch aus dem Staatsarchiv Freiburg erhalten.

Im März 1947 musste Dr. Pitsch einen Fragebogen der französischen Besatzungsverwaltung ausfüllen. Es handelt sich dabei um einen sog. „Entnazifizierungsfragebogen“, in dem neben Angaben zur Affiliation au parti Nazi (Mitgliedschaft in der NSDAP) u.a. auch Informationen zu Auslandsreisen ab 1933 und zum jährlichen Einkommen abgefragt wurden.

Dr. Pitch ist zu diesem Zeitpunkt bereits Obermedizinalrat, also verbeamteter Arzt, und lebte in Freiburg. Diese Stelle hatte er laut den Unterlagen mindestens auch schon im Juli 1946 inne.

Bis Kriegsende war Dr. Pitsch definitiv in Grenzach, danach scheint er aber beinahe sofort seine Praxis aufgegeben zu haben, um die Stelle in Freiburg anzunehmen.

Aus den Unterlagen erfährt man, dass Dr. Pitsch seit 1928 und bis 1934 Schularzt der Gemeinde Grenzach war. 1934 kündigte das Gesundheitsamt diesen Vertrag. Weiterhin war Dr. Pitsch ab 1938 bis zum Ende des Krieges Betriebsarzt in zwei der großen Industrieunternehmen am Ort: Salubra und Geigy.

In diese Zeit fällt auch eine Auszeichnung, die Dr. Pitsch 1938 durch das Deutsche Rote Kreuz erhalten hat. Dort war er seit 1923 als Bezirks-Kolonnenführer und DRK-Feldführer tätig und machte sich bei zwei größeren lokalen Vorfällen verdient: beim Bergwerksunglück in Buggingen (1934) und bei der „Massenkohlenoxyd-Vergiftung“ in der Kirche in Tegernau (1935).

Weiterhin lernen wir aus dem Fragebogen, dass Dr. Pitsch eine Zeit lang (1939 – November 1942) als Unterarzt in der Sanitätsabteilung in Donaueschingen diente, krankheitsbedingt aber entlassen wurde. Aus seinen Ausführungen geht nicht hervor, ob er tatsächlich in Donaueschingen eingesetzt war, oder in einem der zugehörigen Lazarette, etwa in Lörrach.

Faktisch war er also 1938/39 Betriebsarzt, dann 1939-1942 bei der Wehrmacht und anschließend ab 1942 wieder in Grenzach, u.a. als Betriebsarzt.

Dem Fragebogen liegen Begleitschreiben sowie ein selbst verfasster Lebenslauf bei. Aus diesen Unterlagen können folgende Angaben in seiner Biografie ergänzt werden:

Dr. Pitsch ging in Basel zur Schule, nahm als Freiwilliger (20-jährig) ein Jahr lang (1914-1915) am 1. Weltkrieg teil, studierte anschließend bis 1919 Medizin. 1924 heiratete er Lily Roth, eine Schweizer Krankenschwester, mit der er zwei Kinder hatte. Seit 1924 war Dr. Pitch als Praktischer Arzt in Grenzach tätig.

Von der Machtübernahme an war ich wegen meiner pazifistischen Einstellung, meiner Zugehörigkeit zu einer Loge und meinen internationalen Beziehungen verschiedensten Verfolgungen und Demütigungen ausgesetzt, besonders, da ich 1932 auf einer internationalen Kundgebung in Basel für Abrüstung und gegen Rassen- und Klassenhass gesprochen hatte.

Ich stand der Paneuopa-Bewegung nahe.

Seit 1934 gehöre ich dem Kreise C.G. Jungs in Zürich an, wo ich mich in Psychotherapie ausbildete.

Ich bin ein Freund Albert Schweitzers.

Der Vorgang wird abgerundet durch eine Reihe von Empfehlungsschreiben / Bescheinigungen. Demzufolge war Dr. Pitsch vier Jahre lang (1941-1945?) als betreuender Arzt in einem Lager für slowenische Kriegsgefangene in Herten eingesetzt:

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Auch als Betriebsarzt in Grenzach kam Dr. Pitsch offenbar mit Zwangsarbeitern in Kontakt und auch hier scheint er einen positiven Eindruck hinterlassen zu haben. Dies bestätigt ihm sein Freund, der Grenzacher Bürgermeister (siehe vorangegangenen Beitrag zu deren Verhältnis):

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Dr. Pitsch fügt seinen Unterlagen darüber hinaus eine Stellungnahme zu einem innerhalb der Ortsgeschichte Grenzach durchaus kontroversen Fall und seiner Rolle darin bei. Der durch den Gauleiter Badens, Wagner, 1933 eingesetzte Bürgermeister, Dr. Ebbecke, war beschuldigt worden, mehrere Jungen sexuell belästigt zu haben. Trotz dieses Vorwurfs konnte er sich jedoch noch einige Zeit im Amt halten. Laut eigener, durch den aktuellen Bürgermeister und weitere Zeugen bestätigten Aussage, hatte Dr. Pitsch eine entsprechende Meldung bei der Staatsanwaltschaft gemacht und wurde anschließend aufgrund dieser Anzeige bedroht:

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg