Von Zell zu den Freikorps

Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, seitdem ich seine BDC-Akten aus dem Bundesarchiv erhalten habe, ist die danach, wie Ernst auf die Idee kam, sich zu den Freikorps zu melden.

In der historischen Darstellung der Zwischenkriegszeit nehmen die Freikorps eine wichtige Rolle ein: Ins Leben gerufen, um den Krieg-nach-dem-Krieg an der deutschen Ostfront weiter zu führen – mit ausdrücklicher Billigung der Alliierten, die gleichzeitig in Versailles und andernorts bereits die Nachkriegsordnung für (West)Europa aushandelten – am Leben erhalten als Reaktion auf die Bestimmungen des Versailler Vertrages und Nährboden für rechtskonservative, nationalistische und letztlich nationalsozialistische Bewegungen – die Freikorps.

Folgt man der oben verlinkten Darstellung des DHM/LeMo, so umfassten die Freikorps bis zu 400.000 Männer, von denen laut dem Historischen Lexikon Bayerns etwa 40.000 im Baltikum eingesetzt wurden. Ein Großteil dieser Männer stammte aus den ehemals regulären Truppen, zu ihrer Verstärkung wurde aber auch in großen Umfang neu rekrutiert:

https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/pli03198

Es fällt nicht schwer, sich die Zielgruppe(n) dieser Kampagnen vorzustellen: diejenigen, die nicht (mehr) im Krieg gekämpft hatten, also Männer jüngerer Jahrgänge, die nicht mehr einberufen oder nicht mehr bis an die Front gelangt waren und älterer Jahrgänge, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund ihrer anderweitigen Verwendung nicht eingezogen worden waren. Daneben natürlich Soldaten, die weiter kämpfen wollten.

Und einer davon war eben Ernst.

Zur Erinnerung die Darstellung aus seinem Lebenslauf:

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution und vom Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res. Division Grenzschutz (Ost)

Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner-Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf. Reg. 115 überwiesen wurde. Um meine Eltern in der Heimat besser unterstützen zu können lies ich mich auf Wunsch meiner Eltern zum 18. Febr. vom Reichwehr Inf. Reg. 115 in die Heimat entlassen.

Und die Angaben aus seiner Biografie:

Dienst im alten Heer: Truppe 1. Garde. Res. Division Grenzschutz Ost von 6.3.1919 bis Oktober 1919

Reichswehr: Inf. Reg. 115 von Oktober 1919 bis 18. Febr. 1920

Ernst wurde am 6. Februar 1919 18 Jahre alt – genau einen Monat später meldete er sich zu den Freikorps.

In einer Darstellung zur Geschichte der Stadt Zell i/W aus dem Jahre 1922 habe ich eine Schilderung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gefunden:

Auch durch Zell zogen in geschlossenem Zuge bayerische Landwehrtruppen ihrer Heimat zu; sie machten einige Tage Rast und ließen einen ganzen Wagenpark zurück, den die Stadtgemeinde ankaufte. Später kam das Infanterieregiment Nr. 93 und war hier im Winter 1918/19 einquartiert. […] Auch in Zell waren etwa 120 Auslandsdeutsche untergebracht, einzelne über ein halbes Jahr. […] In Zell war es glücklicherweise in den Novembertagen 1918 ruhig. Die Lazarettinsassen beschränkten sich darauf, die Umsturzbewegung durch einen Umzug mit roter Fahne durch die Straßen der Stadt kundzugeben. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung unter den Lazarettinsassen wurde sofort nach russischem Muster ein Soldatenrat gegründet, der nur einige Wochen Bestand hatte. Dagegen fristete der im November gebildete Arbeit- und Bauernrat Zell, der sich, auf dem Boden der Revolutoin [sic] stehend, zur Aufgabe machte, die Interessen der Arbeiter und Bauern, namentlich hinsichtlich einer geordneten Ernährung, zu wahren und zu verteidigen, ein etwa halbjähriges Dasein. Der Bürgerrat trat dagegen kaum in eine ernste Tätigkeit. Zur Bewahrung von Sicherheit und Ruhe wurden Volkswehrleute bestellt, die die Stadtgemeinde entlohnte. (Humpert, Theodor: Geschichte der Stadt Zell im Wiesental, Zell i.W. 1922, S.59.)

Ich konnte bisher keine Quellen finden, die diesen Angaben bestätigen.

Fürs Erste ergeben sich dadurch mindestens drei unterschiedliche Kontexte, in denen Ernst auf die Idee gekommen sein könnte, sich zu den Freikorps zu melden:

  1. Durch Begegnung mit Soldaten des Infanterieregiments Nr. 93
  2. Durch Kontakt zu Lazarettinsassen
  3. Durch eine mögliche Verbindung zur Volkswehr

Nicht vergessen werden darf, dass Ernst eben gerade erst 18 geworden war. Ob er schon zuvor den Gedanken gehabt haben mag, sich freiwillig zu melden, oder ob der fortgeschrittene Krieg ihn davon gänzlich abgehalten hat, weiß man natürlich nicht. Aber auf dem Papier zumindest bestand die Möglichkeit erst im Februar 1919.

Weiterhin nehme ich an, dass ein älterer Bruder im Krieg gefallen ist. Dies hat bestimmt zur Motivation beigetragen.

Ohne dass das „Warum“ geklärt werden kann, trotzdem ein Blick auf das „Wie“. Hierzu zunächst Rüdiger von der Goltz:

Die hochverdiente Anwerbestelle Baltenland warb mit Genehmigung des Kriegsministeriums in allen Teilen Deutschlands. Sie hatte den Vorteil vor anderen Anwerbungen, daß die Bedingungen günstiger waren: 4 Mark tägliche Baltenzulage und die Aussicht, Land zu erwerben und sich als lettländische Staatsangehörige als Bauer, Handwerker, Kaufmann usw. in einem kulturhungrigen Lande der Zukunft eine eigene Lebenszukunft zu sichern. […] Mit dieser Aussicht und in dieser Absicht sind in den verschiedensten Landesteilen landsmännisch zusammengefaßte Verbände aufgestellt worden, im deutschen Norden wie in Baden, Württemberg und Bayern. Der Gedanke, als Landsleute und Glaubensgenossen zusammenzubleiben und im fernen Lande eine Kolonie sich zu erkämpfen und zu erarbeiten, war ein großer. (Goltz, S.218)

Und Friedrich Wilhelm Oertzen:

Wenn wir die Zeitungen etwa aus den ersten Monaten des Jahres 1919 aufschlagen, so finden wir in fast jeder Nummer der großen bürgerlichen Zeitungen Werbe-Inserate der verschiedenen Freikorps. Der Tenor dieser Inserate, die uns heute fast gespenstisch anmuten, war durchaus verschieden. Neben Werbeaufrufen, in denen auf die Not des Grenzlandes und auf die Bedrohung des Reiches durch Polen und Bolschewiken hingewiesen wurde […]. Inserate […], die sich von Aufforderungen zum Besuch eines Witwenballs nach Form und Inhalt nur verhältnismäßig wenig unterschieden. (Oertzen, S.20f)

Wie bei den meisten Freiwilligen dürfte es sich auch bei Ernst um eine Mischung unterschiedlicher Beweggründe gehandelt haben. Was letztlich den Ausschlag machte, kann aktuell nicht festgestellt werden.

Tomas Balkelis fasst es so zusammen: Gründe waren vielfältig: Patriotismus, revolutionärer Eifer oder Hass auf die Revolution, Hoffnung auf eine neue militärische Karriere, auf Land, einen höheren sozialen oder politischen Status; Arbeitslosigkeit, Armut etc. Daneben gab es eine große Anzahl neuer Rekruten, die nie zuvor an einer Militäraktion teilgenommen hatten, sich aber bereitwillig den neuen Verbänden anschlossen. (Balkelis, Tomas: Demobilisierung, Remobilisierung – Paramilitärische Verbände in Litauen 1918-1920, in: Osteuropa (64) Nr. 2/4, 2014, S.196-220, S.198.)

Die Anwerbekampagne zielte vor allem auf ehemalige Offiziere und Unteroffiziere der kaiserlichen Armee, die nun, nach Kriegsende, ohne Beschäftigung dastanden. […] Doch er stieß auch bei jungen Deutschen auf Interesse, die noch keine Kampferfahrung hatten und frustriert über Deutschlands Niederlage und den Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven in der Heimat waren. In Berlin und anderen Städten eröffneten zahlreiche Anwerbestellen, und die deutsche Regierung bot künftigen Freikorpsmitgliedern bei einer Verpflichtung für drei Monate 30 Mark täglich. Im Falle eines Einsatzes in Lettland wurden ihnen (von deutscher Seite) zudem die lettische Staatsbürgerschaft und die Ansiedlung auf lettischem Territorium zugesichert, während es ihnen in Litauen gestattet sein sollte, der litauischen Regierung ihre Kriegsbeute zu verkaufen. Die Aussicht, im Baltikum Siedlungsland zu erwerben, war Anreiz für Tausende von Freiwilligen, die die Region als Raum unbegrenzter Möglichkeiten sahen. (Balkelis, S.206f)

Damit ist die Akte abgeschlossen

Die letzten drei Dokument in der Akte:

  1. Ein „Anhang“ zu Ernsts Ahnentafel

Spalte 16-25 einschl. durch erzbischöfl. Schreiben bestätigt, daß alle Kirchenbücher i.J. 1818 durch Feuer zerstört wurden.

Da das Schreiben selbst nicht beiliegt, könnte es sich hierbei um eine Notiz des Sachbearbeiters handeln.

2. Der Laufzettel der Akte

Der Vordruck ist teilweise mit Maschine, hauptsächlich aber von Hand und durch unterschiedliche Personen ausgefüllt. Es finden sich eine Reihe von Stempeln.

Vermerkt werden die Urteile zu zwei „Gutachten“ (Erbgesundheit bzw. Abstammung). Zur Erbgesundheit sind „Rückfragen erforderlich“ (die Zähne!), zur Abstammung dagegen besteht „kein Einwand“. Die Unterlagen hierzu sind am 18.10. „vollstd.“.

Am 7. November notiert der RuSHA-Mitarbeiter: „Nochmals Rückfragen“ und am 18.11. stempelt er schließlich „Keine wesentlichen Bedenken.“. Und dann wird die „Verlobung und Heirat freigegeben am 22. Nov. 1935“.

3. Das Deckblatt, kaum ausgefüllt

Und das war‘s. Die Akte ist abgeschlossen und ich kann mich all den Fragen zuwenden, die sie aufgeworfen hat.

Wann geheiratet

Die nächsten beiden Kopien in der Bundesarchiv-Akte sind Kopien eines Briefumschlags:

  1. Ernst ist ins Zollhaus umgezogen.
  2. Das Porto für einen Brief war 12 Pfennige.
  3. Das RuSHA bzw. die zuständige Abteilung sitzt nicht (mehr) am Tirpitz-Ufer, wie noch Anfang Oktober, sondern in der Hedemannstraße (das allerdings auch bereits beim Schreiben vom 19.10.). Zur Geschichte der Straße und des Hauses habe ich diese Chronik gefunden.

Ernsts Schreiben ist vom 23. Januar 1936 datiert, es sind also jetzt 2 Monate vergangen.

Betr: Genehmigungsurkunde u Urkunden der Ahnentafeln

Nach erteilter Heiratsgenehmigung vom 22. Nov. 35 bitte ich der Chef des Rasse u Siedlungs-Hauptamtes um Nachsendung der Genehmigungsurkunde, sowie auch um die Urkunden meiner und die meiner Frau Katharina Maier geb. Winter ihrer Ahnentafel da ich die Urkunden zur Ahnentafel zu meiner SS Einh. sowie auch für meine Nachkommen weiterhin gebrauche bitte ich nochmals um baldige Zusendung derselben

Da ist sie wieder, Ernst eigene Schreibweise. Ein langer Satz ohne Punkt und fast ohne Komma.

Also, er will seine Urkunden zurück UND die Genehmigungsurkunde zur Heirat. geheiratet hat er aber schon. Leider fehlen in der Akte sowohl das Antwortschreiben vom 22.11.1935, als auch die Urkunde selbst.

Ob der Vollständigkeit halber oder weil man eine Heirat ohne vorhandene Urkunde überraschend fand, der Sachbearbeiter (Eingang des Schreibens am 24.1.), notiert auf dem Dokument: „Beantworten u Wann geheiratet“.

Es dauert nochmals einen ganzen Monat, bis Ernst endlich seine und Katharinas Urkunden zurück erhält:

Anliegend werden Ihnen die übersandten Urkunden zurückgesandt.

Die Genehmigungsurkunde des Reichsführers-SS ist noch in Bearbeitung. Nach Fertigstellung wird Ihnen dieselbe unmittelbar zugesandt.

Aber wann sie geheiratet haben, dazu steht nichts in der Akte.

Andreas Winter schaltet sich ein

Ernst hat also endlich alle erforderlichen Unterlagen und Nachweise eingereicht und das RuSHA hat diese (Eingangsstempel 12.11.) erhalten. Und dann passiert erstmal nichts.

Also schreibt er wieder:

Bitte den Chef des Rasse u. Siedlungs-Hauptamts folgsamst unterbreiten zu dürfen.

Unterzeichneter SS Unterscharführer Ernst Maier SS No. 58648, seit 2 Jahren Zollangestellter habe am 16. Okt. d.J. Meine vom SS-Schulungsleiter geprüften vorschriftsmäßige ausgefüllte und belegte Ahnentafel nebst den vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchungsbogen sowie dasselbe von meiner Braut an das Rasse u. Siedlungsamt in Berlin eingesandt mit der Bitte um baldige Genehmigung zur Heirat. Vor 14 Tagen habe ich noch den vom Rasse u. Siedlungsamt angeforderten zahnärztlichen Befund eingesandt. Bis heute jedoch warte ich vergeblich auf die Genehmigung.

Ich besitze die zollamtliche Heiratsbewilligung und habe auch von dort eine Wohnung zugewiesen erhalten. Sollte meine Heirat noch weiter verzögert werden, dann würde mir diese Wohnung wieder verlustig gehen.

Da die beiden arischen Abstammungen zweifelsfrei in Ordnung sind, desgleichen unser beider Gesundheitszustand dürfte es nur an der Erledigung liegen.

Gehorsamst bitte ich um Ihre Unterstützung durch sofortige Zusendung der Bewilligung und meiner Urkunden für die Ahnentafel die ich noch weiterhin benötige übersenden zu wollen.

Nicht nur, dass Ernsts Ärger verständlich ist – er wird vom Amt hingehalten – es gibt eine Reihe von interessanten Details in diesem Schreiben:

  1. Der Brief ist vom 20.11. datiert, also 9 Tage nach dem Einsenden des zahnärztlichen Attests, nicht 14 Tage, wie Ernst behauptet.
  2. Handschriftliche Vermerke, vermutlich der Mitarbeiter im RuSHA lauten: 16/11 II // 18/11 Schuer (?) // 23.11.35 gen. – Wenn man davon ausgeht, dass der Brief tatsächlich erst am 20.11. abgesandt wurde, könnte sich dahinter ein Hinweis auf den Bearbeitungsstand verbergen. Also indem etwa am 16.11. bereits etwas entscheiden wurde, am 18.11. ein gewisser Schuer (?) auf die Sache gesehen hat und dann am 23. (nach Eingang des Schreibens, s. Stempel) dann die Genehmigung erteilt wurde.
  3. Ein weiterer handschriftlicher Vermerk lautet „Sofort“. Obwohl man das Schreiben auch durchaus als unverschämt einstufen könnte, nimmt man die Sache im RuSHA Ernst und handelt tatsächlich sehr schnell.
  4. Ernst schreibt ungewohnt förmlich („folgsamst“, „gehorsamst“) und stellenweise in altdeutscher Schrift, vgl.:

Auffällig ist die veränderte Schreibweise z.B. beim Wort „Unterscharführer“ , beim „Heil Hitler“ und sogar bei der eigenen Unterschrift.

Meine Vermutung ist, auch aufgrund der Wortwahl, die sehr viel förmlicher ist, als Ernst normalerweise schreibt, dass jemand Ernst beim Verfassen des Briefes unterstützt oder ihn dazu gedrängt hat bzw. ihm diktiert hat, was er schreiben soll. Dieser jemand könnte ein Vorgesetzter bei SS oder Zoll gewesen sein – oder sein zukünftiger Schwiegervater, Andreas Winter. Der nämlich schrieb eine Woche später dann selbst auch nach Berlin:

Dem verehrl. Rasse – & Siedlungsamt Hauptamt Berlin

Zwecks Heiratsgenehmigung für meinen z. Schwiegersohn Ernst Maier SS UScharführer mit meiner Tochter Katharina Winter, habe als Beleg für die Ausstellung meiner Ahnen-Tafel an Sie, meine mir dazu beschafften Orig. Urkunden eingesandt mit denen des genannten E. Maier. Da ich für Parteizwecke die Ahnen Tafel ebenfalls haben sollte, und Maier seine Orig. Urkunden ebenfalls benötigt, bitte ergebenst um Rücksendung unserer, Mitte Oktober eingesandten Urkunden. Dieselben wurden eingesandt unter der No. V.B. 28285. Mit verbindlichen Dank für frdl. Zusendung der Heiratsbewilligung sowie der mir noch zugehenden Original. Urkunden zeichne

Heil Hitler! Winter

Von der Wortwahl her kommt das dem Schreiben Ernst vom 20. November jedenfalls nahe.

Auch hier nochmals ein Schriftvergleich, es wird klar, dass Andreas Winter den Stammbaum (Ahnentafel) seiner Tochter ausgefüllt hat:

Dieser Andreas Winter, Steindrucker (= Lithograph), geboren in Amberg (Bayern), 1935 48 Jahre alt, war ca. 1910/11 (nach der Geburt der älteren Tochter, Margareta in Aschaffenburg) nach Grenzach gekommen. Katharina wurde 1912 bereits dort geboren.

Mit seiner ausdrucksstarken, professionellen Handschrift setzte Winter schwungvoll einen Brief an das RuSHA auf: Er hätte seine Originalurkunden gerne zurück. Da diese nun leider nicht der Akte beiliegen und auch nirgendwo erwähnt wird, was genau eingereicht wurde, kann ich nur annehmen, dass es sich bspw. um Geburts- und Heiratsurkunden gehandelt haben könnte.

Er benötigt diese für Parteizwecke? Was damit gemeint sein könnte, bleibt unklar. Auch ist nicht eindeutig, ob die Heiratsgenehmigung zwischenzeitlich erteilt wurde, oder ob er nochmals Druck machen will, die Formulierung „Mit verbindlichen Dank für frdl. Zusendung der Heiratsbewilligung“ könnte beides bedeuten.

Interessanterweise benötigt dieses Schreiben mehrere Tage, bis es abgestempelt wird (erst am 4.12.), weitere Vermerke sind nicht vorhanden.

Zum Kauen gut tauglich

Mittlerweile habe ich das Gefühl, dieses Verlobungsgesuch endet niemals. Wahrscheinlich ging es Ernst & Katharina genauso. Während ich also zwischenzeitlich schon ganz andere Spuren verfolge (u.a. im Bundesarchiv), soll es heute zunächst nochmals um Ernsts Zähne gehen.

Wir erinnern uns: In der generellen Untersuchung (durch einen nicht-Zahnarzt), wurde angegeben, dass das Gebiss nicht behandlungsbedürftig sei. Dies sah der Sachbearbeiter in Berlin im RuSHA anders und forderte ihn mit Schreiben vom 19.10. zunächst auf, sich in zahnärztliche Behandlung zu begeben. Daraufhin sendet Ernst zwar entsprechende Nachweise seiner Verlobten ein, zu sich selbst jedoch nicht.

Während Ernst am 10.11. erneut um eine beschleunigte Bearbeitung bittet (s. letzter Post), ist bereits ein weiteres Schreiben aus Berlin unterwegs zu ihm:

Das R.u.S.-Hauptamt SS ersucht sie letztmalig, entsprechend des diesseitigen Schreibens vom 19.10.35, sich sofort in zahnärztliche Behandlung zu begeben, da Ihr Gebiß behandlungsbedürftig ist. Erst nach mit Erfolg abgeschlossener Behandlung, ist ein Bericht des Zahnarztes einzureichen. Eine Erledigung Ihres Gesuches ist vorher nicht möglich.

Ernst, der ja gerade erst nochmals um schnelle Bearbeitung gebeten hatte, erhielt dieses Schreiben vermutlich am 11.11. (der andere Brief datiert vom 10.11.) und schreibt sofort wieder nach Berlin:

anbei: zahnärztliche Bescheinigung

Meine Zahnbehandlung, wurde nicht durch Herrn Dentist Hütterer wie ich in meinem letzten Zahnbefund angegeben habe, sondern mußte von unserer Krankenkasse aus, zu Zahn Dentist Bergmann, dessen Bescheinigung über erfolgte Behandlung ich hiermit beilege.

Ernsts Grammatik ist zwar auch sonst nicht einwandfrei, aber diesem Schreiben merkt man an, dass es mit heißer Nadel gestrickt wurde.

Das Attest:

Der Zahnarzt, Arthur Friedrich Bergmann, auch zu ihm habe ich inzwischen weitere Informationen gefunden, die noch aufgearbeitet werden müssen, bestätigt, dass Ernst bei ihm in Behandlung war. Wenn man es genau nehmen will, dann bestätigt er keine durchgeführte Behandlung – wie auch, innerhalb eines kurzen Besuchs.

Ernst hat das Schreiben aus Berlin erhalten, ist sofort zum Zahnarzt, hat einen Begleitbrief verfasst, diesen direkt abgeschickt und:

Am nächsten Tag waren Schreiben und Attest bereits vor Ort in Berlin!

Dienstwohnung

Bisher hatte der ledige Zollgrenzangestellte Ernst, vermutlich privat, ein Zimmer bzw. eine Wohnung, aber vermutlich nur ein Zimmer, gemietet. Bei einer Heirat sollte sich dies ändern, wie er dem RuSHA am 10.11. mitteilt:

Zu meinem Heiratsgesuch, das ich am 16.X.35 an das Rasse u Siedlungs-Hauptamt eingesagt habe, möchte ich folgendes bemerken.

Da mir im hiesigen Zolldienstgebäude eine Dienstwohnung zur Verfügung steht, die mir aber durch Verzögerung meiner Heirat wieder verlustig gehen kann, bitte ich höflich. die Genehmigung zur Heirat etwas beschleunigen zu wollen.

Wie ich dem Rasse u Siedlungs-Hauptamt bei meinem Gesuch schon erwähnt habe, befindet sich meine Braut mit ende dieses Monats, im 4 Monat in Schwangerschaft, sodaß ich weitere Unannehmlichkeiten von Seiten meiner Eltern u Schwiegereltern zu vermeiden sofort heiraten muß.

Tatsächlich sind seit seiner ersten Anfrage beim RuSHA (am 22. August) bereits 3 Monate vergangen. Man kann jetzt sagen, Pech, so ein Antrag dauert eben seine Zeit. Andererseits kann es ja auch nicht im Sinne der Sache sein, wenn man den heiratswilligen, allem Anschein nach den Anforderungen entsprechenden Bewerber so lange hinhält.

Tatsächlich war das aber der Fall.

Isabel Heinemann schildert den Prozess in ihrer Studie zum RuSHA (Rasse, Siedlung, deutsches Blut – Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003) wie folgt:

Heinrich Himmler bestand darauf, daß der SS-Mann schon vor der Verlobung die Verlobungs- und Heiratsgenehmigung einzuholen habe. Dies war jedoch schwer durchzusetzen, ersichtlich daran, daß zunächst eine Reihe von Sanktionsmöglichkeiten eingerichtet wurden. Dennoch entwickelte sich die ganze Prozedur im Laufe der Jahre de facto zu einer Heiratsgenehmigung nach bereits erfolgter Verlobung. […] Es ist aufschlussreich, daß auf Wunsch des Reichsführers SS weiterhin eine ganze Reihe von Hürden errichtet wurden. Das Heiratsalter wurde auf 25 Jahre festgesetzt, und die hauptamtlich angestellten SS-Führer, Unterführer und Mannschaftsdienstgrade hatten zudem eine Erklärung über den individuellen Vermögensstand des SS-Mannes und der Braut abzugeben. […] Ferner wurde festgelegt, daß die Braut vor der Eheschließung die Teilnahme an einem Mütterschulungskurs nachzuweisen hatte. […] Schließlich verfügte Himmler, daß der SS-Mann einen Antrag auf Übersendung der Unterlagen für ein Verlobungsgesuch beim Rasse- und Siedlungsamt anfordern und seinem SS-Vorgesetzten ein Formular zur Gegenzeichnung und vorlegen mußte, so daß dieser über die Ehepläne im Bilde war und gegebenenfalls seine Zustimmung verweigern konnte. (S.56f (FN 28))

Praktisch bedeutete dies für heiratswillige SS-Männer einen großen bürokratischen Aufwand – allein zur Aufstellung der Ahnentafeln mußte man in der Regel die Hilfe eines Genealogen in Anspruch nehmen – und beträchtliche Kosten (für die Beschaffung der Urkunden, die Hilfe von Fachleuten etc.). Auch dauerte die Bearbeitung der Gesuche meist sehr lange, so daß Beschwerden der Antragsteller beim Rasse- und Siedlungsamt keine Seltenheit waren. (S.58)

Auch das Thema „Dienstwohnung in Grenzach“ ist interessant. Hierzu habe ich Dokumente im Bundesarchiv eingesehen, die ich noch vorstellen werde.

Letztmalig! Sofort!

Das R.u.S.-Hauptamt SS ersucht Sie letztmalig, entsprechend des diesseitigen Schreibens vom 19.10.35, sich sofort in zahnärztliche Behandlung zu begeben, da Ihr Gebiß behandlungsbedürftig ist. Erst nach mit Erfolg abgeschlossener Behandlung, ist ein Bericht des Zahnarztes einzureichen. Eine Erledigung Ihres Gesuches ist vorher nicht möglich.

Dieses Mal hat man sich in Berlin Zeit gelassen, mit einer Antwort. Auf Ernsts Schreiben vom 28.10. hin, reagiert man erst am 8.11.. Vielleicht hat der zuständige Sachbearbeiter abgewartet, ob noch weitere Unterlagen eintreffen und nachdem dies nicht der Fall war, dann reagiert.

Die Uhr tickt und falls Ernst bisher noch nichts weiter zur Behandlung seiner Zähne unternommen haben sollte, muss ihm spätestens jetzt klar sein, dass seine schwangere Braut und er so schnell keine Genehmigung zur Heirat bekommen werden.

Einschreiben!

Grenzach, den 28.10.1935

Anbei: zwei zahnärztliche und einen frauenärztlichen Befund zu dem Heiratsgesuch des SS U-Scharführers Maier Ernst

Etwa eine Woche nachdem ihn das Schreiben aus Berlin erreicht haben dürfte, reicht Ernst weitere Unterlagen beim RuSHA ein:

Zu dem zahn und frauenärztlichen Befundbericht meiner Braut muß ich folgendes bemerken:

Um die Beibringung, der erforderlichen Papiere meiner Braut, auf dem schnellsten Wege folge zuleisten, wurde die frauenärztliche Untersuchung bei der bekannten Dr. Margret Dickmann-Gugler in Allschwil bezw. Basel, wo meine Braut noch bis zum 1. XI.35 in Stellung ist, auf Kosten der dortigen Krankenkasse durchgeführt.

Bei der Untersuchung, bei Dr. Pitsch in Grenzach, wurde von meiner Braut erwähnt, daß sie sich gegenwärtig in zahnärztlicher Behandlung befinde, was aber von Herrn Dr. Pitsch allem Anschein im Erbgesundheitsbogen nicht vermerkt wurde. (Siehe Bestätigung von Dr. med. dent. Dähler Basel)

Da eine Unterleibsentzündung, bei meiner Braut nicht besteht, noch jemals bestanden hat und die von mir ange(?) Schwangerschaft, jetzt im dritten Monat sichergestellt ist, bitte ich um baldige Genehmigung zur Heirat.

Die genannten Atteste liegen der Akte bei. Katharina hat demnach am 24. und 25. Oktober zweimal den Weg in die Stadt unternommen, um sich zunächst bei Frau Dr. Dickman-Gugler und anschließend bei Herrn Dr. Dähler bestätigen zu lassen, dass sie sich in Behandlung befindet. Laut schulferien.org waren das ein Donnerstag und ein Freitag. Als im Haushalt lebendes Dienstmädchen, war es sicher nicht ganz einfach, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen frei zu nehmen, um Arztbesuche zu machen. Aber, wie Ernst schreibt, Katharinas Tage als Angestellte waren sowieso schon gezählt, in knapp zwei Wochen würde sie die Anstellung verlassen – vermutlich in Antizipation der bevorstehenden Heirat, die ja nur noch genehmigt werden musste.

Wieso schreibt Frau Dr. Dickmann-Gugler, dass Katharina bereits einen Monat zuvor bei ihr zur Untersuchung war? Das passt weder zu Ernsts Aussage im Begleitschreiben, dass man sich aus Zeitgründen an eine Ärztin in der Schweiz gewendet habe (klingt nach einer einmaligen Sache), noch dazu, dass Katharina am 5. Oktober, bei der Untersuchung durch Dr. Pitsch, weder eine Schwangerschaft erwähnte, noch dass sie sich in gynäkologischer Behandlung befand. Angesichts der durch Dr. Pitsch durchgeführten Untersuchung und Diagnose (Cervixkatarrh), hätte dies doch zur Sprache kommen sollen?

Das Attest geht sogar noch weiter und bestätigt rückwirkend zur September-Untersuchung, dass eine Unterleibsentzündung zum Zeitpunkt der Untersuchung in Grenzach nicht bestanden haben kann.

Das „Attest“ des von Katharina besuchten Zahnarztes, Dr. Dähler, fällt sehr viel knapper aus:

Unterzeichneter bestätigt hiermit, dass Fräulein Winter, Allschwil, im August 1935 in seiner Behandlung war.

Damit ist der Anforderung der RuSHA natürlich nicht entsprochen. Da im Untersuchungsbogen keine Angaben zum Gebiss gemacht wurden, hatte man Katharina aufgefordert, sich in Behandlung zu begeben. Ernst schreibt jetzt, dass sie ja schon längst in Behandlung sei (Attest liegt bei). In welchem Zustand sich ihre Zähne befinden, dazu wird weiterhin nichts mitgeteilt.

Dr. Margret Dickmann-Gugler war später (1961) eine von 11 oder 13 Frauen, die als erste weibliche Bürgerrätinnen der Stadt Basel gewählt wurden. Quelle: https://blog.staatsarchiv-bs.ch/basels-erste-parlamentarierinnen/ Sie gehörte der liberalen „Radikaldemokratischen Partei“ an.

https://query.staatsarchiv.bs.ch/query/bild.aspx?VEID=1263589&DEID=10

Eine von diesen Damen muss sie sein. Aus anderen Bildern, die mit Namen versehen sind, können identifiziert werden:

  1. Elisabeth Vischer-Alioth (Alterspräsidentin), Vereinigung Evangelischer Wähler – geb. 1892, d.h. Frau Dr. Dickmann-Gugler war 1935 maximal 42 Jahre alt, denn sie muss ja jünger sein als Frau Vischer-Alioth (erste Reihe links)
  2. Gertrud Bossert, Radikaldemokratische Partei (letzte Reihe links)
  3. Margaretha Amstutz, Radikaldemokratische Partei (erste Reihe rechts)
  4. Dr. Rose Reimann-Hunziker, Radikaldemokratische Partei (dritte Reihe ganz links)
  5. Dr. Gertrud Spiess, Katholisch und Christlichsoziale Volkspartei (zweite Reihe Mitte)
  6. Dr. Salome Christ, Landesring der Unabhängigen (letzte Reihe, rechts)
  7. Ruth Epting, Vereinigung Evangelischer Wähler

So, jetzt habe ich in der Bildbeschreibung eines der anderen Bilder im Staatsarchiv Basel-Stadt, das bei der Suche nach Frau Dickmann-Gugler aber nicht aufgetaucht ist, ihren Namen gefunden:

Daraus schließe ich, dass es sich bei ihr um die Dame ganz links im oberen Bild handelt.

Interessant ist auch die Adresse der Praxis: Blumenrain 20:

Auch zu Dr. med. dent. Ernst Dähler, Aeschenvorstadt 71, Basel, findet man nach einigem Suchen ein paar Hinweise. Den Vornamen habe ich zunächst in einem Jahresbericht des SAC (Schweizer Alpen Club) gefunden, in dem Dr. Dähler zu seiner 40-jährigen Mitgliedschaft beglückwünscht wird. Das war 1967. Demnach war Dähler seit 1927 Mitglied und lebte 1967 noch.

Aus einem Bundesblatt vom 12.02.1969, in dem die Mitglieder der dem Eidgenössischen Gesundheitsamt beigegebenen ausserparlamentarischen Kommissionen benannt werden, findet sich unter dem Abschnitt „II Examinatoren und stellvertretende Examinatoren“ zu „B Zahnärztliche Prüfungen“ unter den stellvertretenden Examinatoren „Dähler Ernst, 1907, Zahnarzt, in Basel“. Dr. Dähler war 1935 also 28 Jahre alt.

Auch für die Amtsdauer 1977-1980, also 10 Jahre später, findet sich Dr. Dähler noch als stellvertretender Examinator.

Die Praxis von Dr. Dähler befand sich in der Aeschenvorstadt, das Haus ist auf Google leider nicht direkt absehbar, scheint aber noch zu stehen.

Heute, so sagt Google Maps, würde Katharina zu Fuß jeweils etwa 40 Minuten benötigen, um von ihrem Wohn- und Arbeitsort zu den jeweiligen Ärzten zu gelangen. Das geht eigentlich:

Das RuSHA hat da noch ‘ne Frage

Nachdem wir uns jetzt alle (Ernst, Katharina und Ich), durch den Antrag durchgearbeitet haben, beginnt nun endlich der Genehmigungsprozess.

Wie bereits ausgeführt, übersandte Ernst die Unterlagen mit Schreiben vom 16.10. (s. hier).

Bereits 3 Tage später datiert ein Antwortschreiben des Sippenamts:

(Vordruck) Ihr Gesuch kann noch nicht entschieden werden. Zur weiteren Prüfung benötigt das R u S Hauptamt der SS noch

(Darüber mit Schreibmaschine) 1. … frauenärztlichen … nicht

über die Unterleibsentzündung von Fräulein Winter, insbesondere über Ursache, Beginn und Verlauf und weiterhin, ob eine Schwangerschaft mit Sicherheit festzustellen ist.

2.) Fräulein Winter hat sich sofort in zahnärztliche Behandlung zu begeben, da ihr Gebiß behandlungsbedürftig ist. Nach Abschluß dieser Behandlung ist ein entsprechender zahnärztlicher Bericht einzureichen.

3.) Dasgleiche gilt auch für Ihr Gebiß. Erst dann ist eine Beurteilung Ihres Gesuches möglich.

(Vordruck) Diese Unterlagen sind möglichst schnell nachzureichen.

(Darüber mit Schreibmaschine) b. 11.35

Tja. Was hat er sich denn auch gedacht? Kannte Ernst den Befund Katharinas? Darin stand ja eindeutig, dass aktuell keine Schwangerschaft vorliegt (vgl. hier).

Ich denke, es ist folgendes passiert: Bei der Untersuchung (am 05. Oktober), stellt Dr. Pitsch bei Katharina einen „Cervixkatarrh“ fest. Wie bereits dargestellt, handelt(e) es sich bei dieser Diagnose um ein Krankheitsbild, das normalerweise in Verbindung mit Geschlechtskrankheiten gesehen wurde. Aus diesem Blickwinkel ergibt sich die Nachfrage des Sachbearbeiters im RuSHA. Andererseits war ein Gonokokken-Abstrich ja negativ. Vielleicht sind Katharina und Ernst daraufhin ins Überlegen gekommen und mussten dann feststellen, dass die Symptome, die sie zeigte, Anzeichen einer Schwangerschaft sein konnten. Entsprechend schrieb Ernst dann am 16. Oktober, mithin 10 Tage nach der ärztlichen Untersuchung, mit dem Wissen (oder zumindest der sehr konkreten Vermutung), dass Katharina schwanger war, an das RuSHA.

Dass sie diese Unstimmigkeiten erklären würden müssen, hätten sie sich aber auch denken können.

Darüber hinaus werden beide zum Zahnarzt geschickt. Der Sachbearbeiter hat aufgrund der eingereichten Informationen befunden, dass das beider Gebisse behandlungsbedürftig sind.

Die Ahnentafeln

Die umfangreichsten Dokumente, die zur Beantragung einer Heiratsgenehmigung vorliegen mussten, sind sicherlich die Ahnentafeln. Ernst & Katharina haben diese sorgfältig ausgefüllt und man kann sich nur wundern, wie sie in Zeiten ohne Internet und angesichts der Tatsache dass beide keine lebenden Großeltern mehr hatten, diese detaillierten Informationen beschaffen konnten. Sicherlich war damals die „Familienbibel“ noch weit verbreitet und man konnte daraus entsprechende Informationen erhalten, aber auch eine solche Bibel wird ja in der Regel nur an ein Kind vererbt und sowohl Ernst als auch Katharina hatten viele Onkel und Tanten.

Welche Hilfestellung gab die SS bzw. das RuSHA dem Antragsteller?

Anleitung.

1. Welche Angaben muß die Ahnentafel enthalten?

Die Ahnentafel muß alle Vorfahren des SS-Angehörigen bezw. seiner Frau oder Braut enthalten, soweit sie am 1. Januar 1800 oder später gelebt haben.

Für jeden Vorfahren ist anzugeben:

  1. Name (bei Frauen nur Geburtsname) und sämtliche Vornamen.
  2. Geburtsort, Geburtsjahr, Geburtsmonat, Geburtstag (hinter *).
  3. Sterbeort, Sterbejahr, Sterbemonat, Sterbetag (hinter †).
  4. Religion (hinter R.).
  5. Beruf (hinter Ber.).
  6. Heiratsort, Heiratsjahr, Heiratsmonat, Heiratstag (hinter ⚭).

Für die Frau bezw. die Braut ist eine besondere Ahnentafel einzusenden. Kinder sind auf der Rückseite der Ahnentafel anzugeben.

2. Wie wird die Ahnentafel ausgefüllt?

Zunächst trägt der SS-Angehörige (bezw. die Frau) – möglichst in Maschinenschrift, sonst mit Tinte – alle geforderten Angaben über sich selbst ein. Sodann werden in Feld Nr. 2 die Angaben über den Vater und in Feld Nr. 3 die Angaben über die Mutter eingesetzt. Feld Nr. 4 ist für die Angaben über den Großvater väterlicherseits, Feld Nr. 5 für die Angaben über die Großmutter väterlicherseits bestimmt. Feld Nr. 6 und Nr. 7 dienen für die Eintragungen über die Großeltern mütterlicherseits. In gleicher Weise sind in den Feldern Nr. 8 bis Nr. 16 die Urgroßeltern zu verzeichnen und in den Feldern von Nr. 16 bis Nr. 31 die Ur-Urgroßeltern.

Sämtliche nicht urkundlich belegten Angaben (errechnet oder aus Familienüberlieferung) sind mit Bleistift einzutragen.

Begründung für fehlende Angaben oder Vermerke wie „nicht festzustellen“ oder ähnliche sind auf einen besonderen Bogen zu schreiben. Sie gehören nicht in die Ahnentafel.

Es ist besonders darauf zu achten, daß die Eltern eines Vorfahren immer in den beiden unmittelbar darüber liegenden Feldern stehen müssen.

Dazu vergleiche folgendes Schema:

Die in den Urkunden eines Vorfahren enthaltenen Angaben über Namen und Beruf seiner Eltern sind in die entsprechenden Felder einzutragen, auch wenn über diese Eltern keine besonderen Urkunden vorliegen.

3. Beschaffung von Urkunden für die Angaben in der Ahnentafel.

Für den SS-Angehörigen (bezw. seine Frau) und für alle Vorfahren sind folgende Urkunden als Beleg für die Richtigkeit der Ahnentafel notwendig:

  1. Geburtsurkunde oder Taufschein.
  2. Heiratsurkunde oder Trauschein.

Gewünscht ist die Sterbe-Urkunde.

Der SS-Angehörige stellt zunächst alle Angaben, die er in der Familie erfahren kann, auf einem besonderen Bogen zusammen. Er fordert dann die entsprechenden Urkunden an unter ausdrücklichem Hinweis darauf, daß die Urkunden zum Nachweis der arischen Abstammung für die Reichsführung SS benötigt werden.

Für die Zeit nach 1876 sind die Standesämter zuständig, für die Zeit vorher die Pfarrämter. Urkunden aus dem Auslande vermitteln die jeweiligen Deutschen Konsulate; diese sind beim Auswärtigen Amt, Berlin W 8, Wilhelmstraße 74 zu erfahren.

Alle bekannten Daten sind bei der Anforderung genau anzugeben. Ist ein Datum nicht genau bekannt, so ist die Hilfe des örtlichen Schulungsleiters zu erbitten.

Die Gebühr für jede Urkunde beträgt RM -.60. Bei nachgewiesenem und von der vorgesetzten Dienststelle bescheinigtem Unvermögen kann die Gebühr erlassen werden.

4. Beifügen von Urkunden.

Urkunden und Belege über die Angaben in der Ahnentafel sind bei Einreichung der Ahnentafel beizufügen. Die Urkunden sind für jede Ahnentafel getrennt in einen besonders großen Briefumschlag zu stecken. Auf diesem Briefumschlag sind Name, Wohnort, Dienstgrad, SS-Nr., SS-Einheit, gegebenenfalls VB-Nr. Zu vermerken. Auf jeder Urkunde ist in der Ecke oben rechts die Nummer, unter der der Betreffende VorFahr in der Ahnentafel geführt ist, mit Bleistift anzugeben, zum Beispiel: Geburtsurkunde der Großmutter mütterlicherseits „7“, Trauschein des Großvaters und der Großmutter väterlicherseits „4/5“.

Die Ahnentafel ist vor der Absendung an das Rasse- und Siedlungshauptamt dem zuständigen Schulungsleiter vorzulegen. Dieser hat die Eintragungen in der Ahnentafel mit den vorgelegten Urkunden zu vergleichen. Nicht ordnungsgemäß und nicht ausreichend (1. 1. 1800!) ausgefüllte Ahnentafeln sind von dem Schulungsleiter von der Absendung an das Rasse- und Siedlungshauptamt zurückzuhalten.

Die Urkunden erhält der Antragsteller nach Prüfung vom Rasse- und Siedlungsbau-Hauptamt zurück.

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Puh.

Was ist also zu tun? Ernst & Katharina sollen 4 Generationen zurück bzw. bis zum Jahr 1800 ihre Vorfahren auflisten. Das wäre heutzutage entsprechend bis 1890 zurück. Da käme ich auf jeden Fall schon ins Schleudern. Denn zwar befasse ich mich hier ausführlich mit meinen Urgroßeltern, aber ja nur mit 1 von 4 Paaren, von den Ur-Urgroßeltern (8 Paare!) ganz zu schweigen. Das kann ich jetzt für diesen einen Zweig der Familie, weil mir die Vorarbeiten von Ernst &Katharina vorliegen, und für einen Teil der mütterlichen Vorfahren, weil in diesem Teil der Familie ein ausgeprägtes, offensichtlich vererbtes, Interesse für Ahnenforschung besteht. Aber da sprechen wir von Namen, evtl. Geburts- und Sterbedaten. Aber Heiratsdaten? Berufe?

Dem SS-Angehörigen und seiner zukünftigen Braut wird es nicht einfach gemacht. Ein paar interessante Details:

  • Die Frage nach der Religion kann nur insofern interessant sein, als dass eine nicht-christliche Angabe problematisch wäre. Insbesondere natürlich „Jüdisch“. Andererseits gibt es keine Abfrage nach der „Rasse“. Laut nationalsozialistischer Definition war man Jude nicht als Angehöriger einer Religion, sondern als Abkömmling von mindestens drei jüdischen Großeltern. So legten es die „Nürnberger Rassengesetze“ (konkret: das „Reichsbürgergesetz), erlassen im September 1935 fest. Es wäre daher interessant, ob spätere Vordrucke der Ahnentafel hier andere Angaben fordern.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nuremberg_laws_Racial_Chart.jpg

  • Alle Angaben müssen mit Urkunden belegt werden. Das bedeutet, dass der SS-Angehörige zu den einzelnen Stellen, die ja auch benannt werden, hingehen musste und sich bspw. im Pfarramt eine Kopie der Heiratsurkunde seiner Urgroßeltern ausstellen lassen musste: „unter ausdrücklichem Hinweis, dass die Urkunden zum Nachweis der arischen Abstammung für die Reichsführung SS benötigt werden“. Man musste also im Zweifel postalisch Anfragen in alle Himmelsrichtungen schicken, wenn die Familie nicht (wie bei Ernst) seit Jahrzehnten am gleichen Ort ansässig war. Die Recherche war also nicht nur inhaltlich kompliziert, sondern auch ein ziemlicher Zeitaufwand. Die Urkundenausstellung sollte zum Einheitspreis erfolgen: 60 Reichspfennig je Urkunde. Laut Wikipedia beträgt die Umrechnung 1 Reichsmark (1937) = € 4,10. Eine Urkunde sollte also etwa 2,50 Euro kosten.
  • “Ist ein Datum nicht genau bekannt, so ist die Hilfe des örtlichen Schulungsleiters zu erbitten“. Inwiefern dieser Schulungsleiter mehr Erfolg haben könnte, ist fraglich. In jedem Fall musste der Schulungsleiter die zusammen getragenen Unterlagen aber prüfen und im Zweifel zurück halten, bis sie zufriedenstellend waren:

Diese Prüfung erfolgte am 15.10.1935 durch den „SS Mann“ Ludwig Krumm aus Lörrach.

-> Einschub: Jetzt wird mir auch klar, wieso es sich um eine „Reserve“-Einheit handelte. Das ist die Bezeichnung für die Einheiten der SS-Angehörigen zwischen 35 und 45 Jahren (Wikipedia).

UPDATE:

Ich danke Herrn Dr. Heiko Wegmann für folgenden Hinweis: Während die südbadische 65. SS-Standarte drei bis vier aktive Sturmbanne hatte und ihre Stürme, Züge, Trupps usw. kleinteiliger aufgebaut waren, hatte sie nur einen Reserve-Sturmbann (Sitz Freiburg) für die etwas Älteren mit insgesamt 3 Reservestürmen, wovon der 2. In Lörrach lag. Aber auch der hatte nach m. W. die drei Züge Lörrach, Rümmingen und Waldshut.

Ich habe hier nur die beiden Formularseiten Katharinas abgebildet, die entsprechenden Dokumente von Ernst sehen genau gleich aus. Interessant ist, dass Katharinas Adresse hier in Grenzach angegeben wird, nicht wie sonst überall im Antrag mit Allschwil.

Zum zeitlichen Ablauf habe ich ja bereits festgestellt, dass die Prüfung durch den „Schulungsleiter“ der letzte Schritt war und die Unterlagen dann im Prinzip sofort abgesandt wurden. Das Begleitschreiben Ernsts datiert vom 16.10. und bereits am 18.10. werden die Unterlagen in Berlin abgestempelt.