Teil 3 – Korrespondenz mit der Kartei

Ernst Maier stand 1936 vor einem Dilemma: Die Unterlagen der Partei dokumentierten, dass er VOR der sog. „Machtergreifung“, schon 1932, nach nur 2 Jahren, die NSDAP wieder verlassen hatte. Das war aus mehrfacher Hinsicht ein Problem, stelle ich mir vor.

Zunächst einmal hatte er einen Großteil des zurück liegenden Jahres in regem Austausch mit dem Rasse- und Siedlungshauptamt der SS in Berlin verbracht. Sinn und Zweck dieses sich über Monate hinziehenden Austauschs war es, eine sog. Verlobungs- und Heiratsgenehmigung zu erhalten. Dies stellte sich als komplizierter und langwieriger heraus, als anfangs erwartet und zog sich inklusive der Rücksendung eingereichter Unterlagen von August 1935 bis Januar 1936 hin. In diesem Zusammenhang war die Tatsache, dass Ernst Maier Parteimitglied war, als selbstverständliche Voraussetzung angenommen worden.

Hinweis: Das Verlobungs- und Heiratsgesuch untersuche ich im Anschluss an die Korrespondenz zur Parteimitgliedschaft.

Und 1936 war wirklich ein unpassendes Jahr um NICHT Parteimitglied gut sein, ganz allgemein. Deutschland bereitete sich auf die Olympischen Spiele in Berlin vor, das Land befand sich endlich wieder in einem wirtschaftlichen Aufschwung, an allen Ecken und Enden wurde gebaut und investiert (Stichwort „Autobahn“), die Bestimmungen des Versailler Vertrags wurden Stück für Stück ausgehebelt, das Ansehen der nicht-mehr-so-neuen deutschen Regierung stieg international.

Die Nazis, so hatte es den Anschein, waren nicht so schlimm, wie man anfangs gedacht hatte. Klar, es gab jetzt eine neue Flagge und neue Bestimmungen, wer „Teil der Volksgemeinschaft“ war und wer nicht (seit dem sog. „Reichsparteitag der Freiheit“ in Nürnberg im September 1935), aber insgesamt befand man sich doch endlich wieder auf dem Weg nach oben, oder? Wie unpraktisch, ausgerechnet jetzt als einer dazustehen, der nicht durchgehalten hatte, der die Partei kurz vor ihrem großen Triumph im Stich gelassen hatte.

In den mir aktuell vorliegenden Akten ist nicht ersichtlich, welche initialen Schritte Ernst Maier unternahm. Es steht noch aus, dass ich in die Akten des Gaus Baden im Landesarchiv Baden-Württemberg sehe. Momentan kann ich daher nur nachvollziehen, was ab dem Zeitpunkt passierte, als der Fall vor dem Gaugericht in Karlsruhe lag. 

Der Bitte der Gauleitung Baden, die Streichung Ernst Maiers aus der Reichskartei zurück zu nehmen, kam man erst einmal nicht nach. Das nächste Schreiben in der vorliegenden Akte enthält leider keinen Briefkopf, dieser ist evtl. beim Kopieren verblasst. Mit den Aktenzeichen K 19 Ob/Th. 5.36 und Bl/Gr. schreibt ein unleserlicher Mitarbeiter des Reichsschatzmeisters i.A. an die Gauleitung Baden der NSDAP, z.H. des Gauschatzmeisters in Karlsruhe:

Für Aufmerksame: Der Schreiber verwendet „dass“ und nicht „daß“ (Link: Rechtschreibreform und Nationalsozialismus, Deutschlandfunk)

Trotz Beschluss des lokal zuständigen Gaugerichts, wird demnach eine Entscheidung, ob Ernst Maier (auch) wieder in der Reichskartei geführt werden kann, davon abhängig gemacht, dass er Nachweise darüber vorlegt, ob er seine Mitgliedsbeiträge im betreffenden Zeitraum pflichtgemäß gezahlt hat.

Zur Erinnerung: Nicht ausschließen möchte Falter, dass gerade in Zeiten wirtschaftlicher Not und hoher Arbeitslosigkeit auch der Mitgliedsbeitrag eine Rolle gespielt haben könnte. Die NSDAP verlangte von ihren Mitgliedern monatlich eine Reichsmark, später zwei. Zum Vergleich: Ein Landarbeiter in Pommern verdiente damals sechs Pfennig in der Stunde. (FAZ)

Ernst Maier war vor 1933 Landarbeiter in Baden. Wir wissen nicht, was er verdiente, ob es da Unterschiede zu Pommern gab, aber wir kennen seine Parteimitgliedsbeiträge. Denn die hat er – aufforderungsgemäß – offen gelegt.

Ein kurzer Exkurs zur Geschwindigkeit des Verfahrens:

Am 16. Mai ergeht der Beschluss des Gaugerichts Baden, der am 20. Mai durch die Gauleitung Baden an die Kartei-Abteilung nach München versandt wird. Der Eingang ist für den 26. Mai quittiert, die Antwort und Aufforderung zum Nachweis erfolgt am 30. Mai. Samstags wird gearbeitet.

Die nächsten Schritte sind in der Akte nicht dokumentiert, können aber rekonstruiert werden: Das Schreiben aus München tritt von Karlsruhe aus seinen Weg zu Ernst Maier an. Dieser wendet sich an seine ehemalige Ortsgruppe in Zell i.W., von wo aus man bereits vier Wochen nach Erstellung der Aufforderung, am 29.Juni, eine Auskunft zurück nach Karlsruhe schickt. Diese hat zwei Posteingangsstempel vom 10. und 11. Juli respektive und wurde bereits am 11. Juli umgehend nach München weiter geleitet, wo die Dokumente am 13. Juli beim „Einlaufamt RL“ eintreffen. Es folgt eine interne Weiterleitung am 14. Juli an das Mitgliedschaftsamt, wo sie am 21. Juli eingehen. Dort wird die Sache am 28. August 1936 abgeschlossen. 

Viel schneller, wenn überhaupt, würde ein solcher Vorgang wohl auch heute nicht ablaufen…

Zunächst zur Auskunft aus Zell: 

Der Ortsgruppenkassenleiter, der möglicherweise Mayer-mit-ay hieß (Sütterlin-Unterschriften…) bestätigt in seinem Schreiben, dass Ernst Maier-mit-ai, von Oktober 1932 bis Juni 1936 lückenlos seine Beiträge an die NSDAP geleistet hat. Puh. Grade noch mal gut gegangen.

Ab 1. Juli 1936 bezahlt Maier die Beiträge an die Ortsgruppe Grenzach.

Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits längere Zeit in Grenzach wohnhaft sein dürfte, zahlte Ernst Maier seine Mitgliedsbeiträge weiterhin in Zell – wo man von seiner Streichung aus den Karteien nichts wusste. Mithin kann der Zeitpunkt, an dem dies bekannt wurde nicht näher eingegrenzt werden, als „irgendwann im Frühjahr 1936“.

Die Auskunft aus Zell umfasst „Mitgliedsbeiträge und Hilfskassenbeiträge“, dividiert diese in der Übersicht allerdings nicht auseinander. Wenn wir den Info aus dem FAZ-Artikel folgen, betrug der Mitgliedsbeitrag 1 RM. Ernst Maier entrichtet im Oktober 1932 jedoch lediglich -.30 RM. (Was ist die kleinere Einheit von Reichsmark?)

Für die sog. Hilfskasse der NSDAP, „eine Unfall- und Haftpflichtversicherung für SA-, SS- und NSDAP-Mitglieder sowie Angehörige weiterer Gliederungen und angeschlossener Verbände, wie etwa dem NSKK“,  waren laut Wikipedia monatlich 0,30 RM fällig. (Wikipedia)

Im November und Dezember 1932 sind Beiträge von 1,30 RM und 1,15 RM vermerkt, danach über den gesamten Zeitraum 1933/34 lediglich 90 Reichspfennig (!) pro Monat. Die Vermutung, dass Ernst Maier knapp bei Kasse war, ist sicherlich nicht falsch, ich habe jedoch folgende Quelle gefunden, die darauf hindeutet, dass es sich auch um Schlamperei bzw. System handeln könnte:

ttps://tinyurl.com/ychw4lpc

Ab Januar 1935 bezahlte Ernst Maier dann 1,80 RM. Zu diesem Zeitpunkt war er evtl. schon in Grenzach, in jedem Fall hatte er einen ersten gesellschaftlichen Aufstieg geschafft: Er war seit dem 1.12.1934 Zollgrenzangestellter und verdiente nun vermutlich ausreichend, um seine Beiträge in vollem Umfang zu entrichten. (Zum beruflichen Aufstieg später mehr.)

Kommen wir zum Schluss. Diese Aufstellung aus Zell i.W., die unter der Kenn-No. 12652 Eingang in das Archiv der Reichskartei in München fand und uns über das BDC im Bundesarchiv überliefert wurde, war dort ursprünglich in Begleitung eines weitere Dokuments eingetroffen:

Auch die Ortsgruppe Grenzach hatte sich also an der Klärung der Angelegenheit beteiligt und ein Schreiben nebst „6 Beitragsmarken a RM. 1.50“ eingereicht.

Die Beitragsmarken erhielten die NSDAP-Mitglieder im Gegenzug für die entrichteten Parteibeiträge zum Einkleben in ihr Mitgliedsbuch:

https://tinyurl.com/yagfp6e5

Leider liegt das Schreiben der Ortsgruppe Grenzach nicht vor, es wurde mit den Beitragsmarken zusammen zurück geschickt. Alas, die durch Ernst Maier geleisteten Beiträge wurden lückenlos nachgewiesen, die Sache konnte beigelegt werden:

Im Hinblick auf die Sachlage und auf Befürwortung der Gauleitung ist dem Antrag stattgegeben worden. Die in der Reichskartei durchgeführte Streichung wird mit heutigem zurückgenommen und der Parteigenosse Ernst Maier bei der Ortsgruppe Grenzach als Mitglied weitergeführt. Nachdem der Genannte nunmehr Anspruch auf das Mitgliedsbuch hat, ist der Antrag nach Berücksichtigung der hierfür geltenden Bestimmungen unter Hinweis auf gegenwärtiges Schreiben mit Ihrer nächsten Sammelsendung einzureichen.

Stempel, „erledigt am 5.9.1936“.

Es bleiben Fragen:

  1. Wieso wird Ernst Maier im Schreiben der Kartei-Abteilung als „Arbeiter“ geführt?
  2. Wollte Ernst Maier ursprünglich lediglich ein (neues) Mitgliedsbuch beantragen und flog so die ganze Sache überhaupt erst auf?
  3. Wieso wollte er das zu diesem Zeitpunkt und wieso hatte er keins? (Wikipedia: Bis zu zwei Jahre konnten zwischen Aufnahmeantrag und der Aushändigung der Mitgliedskarte beziehungsweise des Mitgliedsbuches vergehen; erst dadurch wurde die Mitgliedschaft rechtskräftig.)
  4. Darüber hinaus meldet die Ortsgruppe Grenzach auch einen „Verstoss“ der Mitgliedskarte, es fehlte ihm also jeglicher Nachweis der (bestehenden) Mitgliedschaft.
  5. Handelte es sich wirklich um ein „Büroversehen irgend einer Parteidienststelle“?
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Parteibuch_der_NSDAP.jpg

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