Wen will er eigentlich heiraten?

Ihr erinnert euch, dass der Eingangsstempel (oder vielleicht auch Bearbeitungsstempel oder sogar Ausgangsstempel) des RuSHA in Berlin (!) vom 28. August 1935 datiert.

Dann fehlt ein Schritt. Oder besser, es fehlt die Antwort. Das nächste datierte Blatt in der Akte stammt wiederum von Ernst Maier:

Auf die Gefahr hin, dass das ewige Akten-Sezieren langweilig wird, auch hier liegt wieder ein ausgesprochen aufschlussreiches Dokument vor, dass im Detail analysiert werden will.

Zunächst einmal handelt es sich um einen Vordruck, den Ernst Maier also auf irgendeinem Wege erhalten haben muss. Seiner Angabe nach füllt er den Fragebogen am 30. August 35 aus. Das sind verdammt kurze Postwege…

Auf dem Vordruck sind mehrere Stempel:

  1. Die V.B.-Nummer 28285 – diese diente der Kennzeichnung des Vorgangs, sie taucht auf fast allen Dokumenten in der Akte auf
  2. Ein Stempel am Kopf des Blattes, datiert 3.IX.1935 – nehmen wir einmal an, dass der 30.8. (ein Freitag) tatsächlich der Tag war, an dem Ernst Maier den Fragebogen ausfüllte, dann war dieser wiederum am folgenden Dienstag in Berlin.
  3. Ein Stempel am Fuß des Blattes:

Mit Ausnahme der offensichtlichen Angabe z.d.A., zu den Akten, nicht angekreuzt, ist für mich hier lediglich das Postausgangsdatum entschlüsselbar. Was sich hinter den weiteren Möglichkeiten verbirgt, keine Ahnung.

Vor-adressiert ist der Fragebogen an den Reichsführer SS (Heinrich Himmler), der demnach am Tirpitz-Ufer 78 in Berlin W. 35 saß. Das Tirpitz-Ufer heißt heute Reichpitschufer und in der Nummer 76-78 befindet sich das Bundesverteidigungsministerium.

Im Jahr 1935 war in diesem Gebäude u.a. die Heeresleitung untergebracht. Zur Geschichte des Gebäudes hat das BMVG eine kleine Dokumentation erstellt, die man hier downloaden kann.

Ich finde bisher keinen Hinweis, der Himmler mit der Adresse verbindet. Der offizielle Sitz der SS war auf dem Prinz-Albrecht-Gelände, im ehemaligen Hotel „Prinz Albrecht“ (Wikipedia), wo sich heute die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ befindet.

Der Unterzeichnete bittet um Uebersendung der Vordrucke zu einem Verlobungs-Heirats-Gesuch und teilt nachstehende 6 Postanschriften mit

Man hatte Ernst Maier vermutlich darauf hingewiesen, dass ein Antrag förmlich zu stellen sei, ein einfacher handgeschriebener Brief nicht ausreiche. 

Welche Angaben umfasste der Fragebogen?

In folgender Reihenfolge waren jeweils Namen und Anschriften folgender Personen zu nennen:

  1. Der Antragsteller. Für ihn mussten ergänzend Angaben zum Dienstgrad, die SS-Nummer, SS-Einheit und das Geburtsdatum gemacht werden.
  2. Der Vorgesetzte (Sturmführer).
  3. Jetzt erst die zukünftige Braut.
  4. Der Arzt, von dem sich die Braut (!) untersuchen lassen will.
  5. Zwei Bürgen für die Braut (!).

Es musste also lediglich für die Braut gebürgt werden und auch nur sie musste sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Ich werde mich in einem der nächsten Posts damit befassen, wieso eine Heirat für SS-Angehörige überhaupt genehmigungspflichtig war und welche Anforderungen gestellt wurden. An dieser Stelle vorweg die Information, dass man für den zukünftigen Ehemann, als SS-Angehöriger, davon ausging, dass die Anforderungen erfüllt wurden:

Für die Unterscheidung zwischen „SS-geeigneten“ und unbrauchbaren Bewerbern gab es bis 1931 nur wenige feste Kriterien. Julius Schreck hatte 1925 in den ersten „Richtlinien zur Aufstellung von ,Schutzstaffeln‘“ vorgegeben, dass SS-Männer zwischen 23 und 35 Jahre alt, gesund, kräftig und politisch wie persönlich zuverlässig zu sein hatten. Letzteres war durch zwei Bürgen zu bestätigen, von denen einer zu den „maßgeblichen Personen“ der NSDAP-Ortsgruppe gehören musste… (Hein, Bastian: Himmlers Orden – Das Auslese- und Beitrittsverfahren der Allgemeinen SS, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2011, Heft 2, S. 263-280, S. 270, Link)

Folgende Angaben machte Ernst Maier:

  1.  Ernst Maier, Grenzach (Baden), Hauptstraße No. 3, U-Scharführer, SS-   Nr. 58640, SS-Einheit Ref. 2/65 (!), Geburtsdatum 6.2.1901. 
  2.  m.d.F.b. Fürst (?) SS Ob. Sturmf., Weil a/R
  3.  Katharina Winter, Grenzach, Bäumleweg No. 2 (Baden)
  4.  Dr. Friedrich Pitsch (prakt. Arzt), Grenzach, Rheinstraße No. %
  5.  SS U-Scharführer Karl Dimzer, Grenzach (Hauptstraße No. % ?                 SS U-Scharführer Friedrich Huck, Grenzach (Rathaus II. Stock
  6.  Erfolgt kirchliche Trauung? – ja – 
  7.  Nach welcher Konfession? – kath –
  8.  Welcher Konfession ist der Antragsteller? – kath – die Braut? – kath –   Als Konfession wird auch außer den herkömmlichen jedes andere gottgläubige Bekenntnis angesehen)

Unterschrift, Dienstgrad etc. Auch hier gibt Ernst Maier wieder die Einheit Ref. 2/65 an. Und das ist irgendwie einleuchtender, als seine vorherige Angabe 2/62 – zumindest, wenn man den Angaben im „Forum der Wehrmacht“ folgt. Dort sind folgende Informationen zu finden:

65. SS-Standarte, Aufstellungsdatum: 15.07.1933, Sitz: Lahr/Baden

Im I.Sturmbann, stationiert in Freiburg, findet sich der Sturm  2/65, der bis 1941 von Kaiser, Karl geführt wurde.

Während ich so darüber nachdenke, fällt es mir plötzlich auf: Das heißt natürlich ReS, Reserve, Reserve-Sturm. 

Ein SS-Sturm umfasste bis Oktober 1934 drei Trupps unter der Führung eines SS-Sturmführers. Er umfasste zwischen 70 und 120 Mann und bestand aus einem aktiven Teil und einer Reserveeinheit. (Wikipedia)

Ich habe den alten f-s Fehler gemacht. Oh man.

Fassen wir zusammen: Ernst Maier war also Mitglied im Reserve-Sturmbann 2/65? Im „Forum der Wehrmacht“ hat die 65. SS-Standarte jedoch nur einen Reserve-Sturmbann. 

Ich brauche hierfür „richtige“ Literatur.

Zum Abschluss: Wir haben durch diesen Fragebogen 5 neue Personen kennen gelernt, die es als nächstes zu untersuchen gilt: Den Vorgesetzten, den Arzt, die Zeugen und natürlich die zukünftige Braut. 

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