Andreas Winter schaltet sich ein

Ernst hat also endlich alle erforderlichen Unterlagen und Nachweise eingereicht und das RuSHA hat diese (Eingangsstempel 12.11.) erhalten. Und dann passiert erstmal nichts.

Also schreibt er wieder:

Bitte den Chef des Rasse u. Siedlungs-Hauptamts folgsamst unterbreiten zu dürfen.

Unterzeichneter SS Unterscharführer Ernst Maier SS No. 58648, seit 2 Jahren Zollangestellter habe am 16. Okt. d.J. Meine vom SS-Schulungsleiter geprüften vorschriftsmäßige ausgefüllte und belegte Ahnentafel nebst den vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchungsbogen sowie dasselbe von meiner Braut an das Rasse u. Siedlungsamt in Berlin eingesandt mit der Bitte um baldige Genehmigung zur Heirat. Vor 14 Tagen habe ich noch den vom Rasse u. Siedlungsamt angeforderten zahnärztlichen Befund eingesandt. Bis heute jedoch warte ich vergeblich auf die Genehmigung.

Ich besitze die zollamtliche Heiratsbewilligung und habe auch von dort eine Wohnung zugewiesen erhalten. Sollte meine Heirat noch weiter verzögert werden, dann würde mir diese Wohnung wieder verlustig gehen.

Da die beiden arischen Abstammungen zweifelsfrei in Ordnung sind, desgleichen unser beider Gesundheitszustand dürfte es nur an der Erledigung liegen.

Gehorsamst bitte ich um Ihre Unterstützung durch sofortige Zusendung der Bewilligung und meiner Urkunden für die Ahnentafel die ich noch weiterhin benötige übersenden zu wollen.

Nicht nur, dass Ernsts Ärger verständlich ist – er wird vom Amt hingehalten – es gibt eine Reihe von interessanten Details in diesem Schreiben:

  1. Der Brief ist vom 20.11. datiert, also 9 Tage nach dem Einsenden des zahnärztlichen Attests, nicht 14 Tage, wie Ernst behauptet.
  2. Handschriftliche Vermerke, vermutlich der Mitarbeiter im RuSHA lauten: 16/11 II // 18/11 Schuer (?) // 23.11.35 gen. – Wenn man davon ausgeht, dass der Brief tatsächlich erst am 20.11. abgesandt wurde, könnte sich dahinter ein Hinweis auf den Bearbeitungsstand verbergen. Also indem etwa am 16.11. bereits etwas entscheiden wurde, am 18.11. ein gewisser Schuer (?) auf die Sache gesehen hat und dann am 23. (nach Eingang des Schreibens, s. Stempel) dann die Genehmigung erteilt wurde.
  3. Ein weiterer handschriftlicher Vermerk lautet „Sofort“. Obwohl man das Schreiben auch durchaus als unverschämt einstufen könnte, nimmt man die Sache im RuSHA Ernst und handelt tatsächlich sehr schnell.
  4. Ernst schreibt ungewohnt förmlich („folgsamst“, „gehorsamst“) und stellenweise in altdeutscher Schrift, vgl.:

Auffällig ist die veränderte Schreibweise z.B. beim Wort „Unterscharführer“ , beim „Heil Hitler“ und sogar bei der eigenen Unterschrift.

Meine Vermutung ist, auch aufgrund der Wortwahl, die sehr viel förmlicher ist, als Ernst normalerweise schreibt, dass jemand Ernst beim Verfassen des Briefes unterstützt oder ihn dazu gedrängt hat bzw. ihm diktiert hat, was er schreiben soll. Dieser jemand könnte ein Vorgesetzter bei SS oder Zoll gewesen sein – oder sein zukünftiger Schwiegervater, Andreas Winter. Der nämlich schrieb eine Woche später dann selbst auch nach Berlin:

Dem verehrl. Rasse – & Siedlungsamt Hauptamt Berlin

Zwecks Heiratsgenehmigung für meinen z. Schwiegersohn Ernst Maier SS UScharführer mit meiner Tochter Katharina Winter, habe als Beleg für die Ausstellung meiner Ahnen-Tafel an Sie, meine mir dazu beschafften Orig. Urkunden eingesandt mit denen des genannten E. Maier. Da ich für Parteizwecke die Ahnen Tafel ebenfalls haben sollte, und Maier seine Orig. Urkunden ebenfalls benötigt, bitte ergebenst um Rücksendung unserer, Mitte Oktober eingesandten Urkunden. Dieselben wurden eingesandt unter der No. V.B. 28285. Mit verbindlichen Dank für frdl. Zusendung der Heiratsbewilligung sowie der mir noch zugehenden Original. Urkunden zeichne

Heil Hitler! Winter

Von der Wortwahl her kommt das dem Schreiben Ernst vom 20. November jedenfalls nahe.

Auch hier nochmals ein Schriftvergleich, es wird klar, dass Andreas Winter den Stammbaum (Ahnentafel) seiner Tochter ausgefüllt hat:

Dieser Andreas Winter, Steindrucker (= Lithograph), geboren in Amberg (Bayern), 1935 48 Jahre alt, war ca. 1910/11 (nach der Geburt der älteren Tochter, Margareta in Aschaffenburg) nach Grenzach gekommen. Katharina wurde 1912 bereits dort geboren.

Mit seiner ausdrucksstarken, professionellen Handschrift setzte Winter schwungvoll einen Brief an das RuSHA auf: Er hätte seine Originalurkunden gerne zurück. Da diese nun leider nicht der Akte beiliegen und auch nirgendwo erwähnt wird, was genau eingereicht wurde, kann ich nur annehmen, dass es sich bspw. um Geburts- und Heiratsurkunden gehandelt haben könnte.

Er benötigt diese für Parteizwecke? Was damit gemeint sein könnte, bleibt unklar. Auch ist nicht eindeutig, ob die Heiratsgenehmigung zwischenzeitlich erteilt wurde, oder ob er nochmals Druck machen will, die Formulierung „Mit verbindlichen Dank für frdl. Zusendung der Heiratsbewilligung“ könnte beides bedeuten.

Interessanterweise benötigt dieses Schreiben mehrere Tage, bis es abgestempelt wird (erst am 4.12.), weitere Vermerke sind nicht vorhanden.

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