Von Zell zu den Freikorps

Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, seitdem ich seine BDC-Akten aus dem Bundesarchiv erhalten habe, ist die danach, wie Ernst auf die Idee kam, sich zu den Freikorps zu melden.

In der historischen Darstellung der Zwischenkriegszeit nehmen die Freikorps eine wichtige Rolle ein: Ins Leben gerufen, um den Krieg-nach-dem-Krieg an der deutschen Ostfront weiter zu führen – mit ausdrücklicher Billigung der Alliierten, die gleichzeitig in Versailles und andernorts bereits die Nachkriegsordnung für (West)Europa aushandelten – am Leben erhalten als Reaktion auf die Bestimmungen des Versailler Vertrages und Nährboden für rechtskonservative, nationalistische und letztlich nationalsozialistische Bewegungen – die Freikorps.

Folgt man der oben verlinkten Darstellung des DHM/LeMo, so umfassten die Freikorps bis zu 400.000 Männer, von denen laut dem Historischen Lexikon Bayerns etwa 40.000 im Baltikum eingesetzt wurden. Ein Großteil dieser Männer stammte aus den ehemals regulären Truppen, zu ihrer Verstärkung wurde aber auch in großen Umfang neu rekrutiert:

https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/pli03198

Es fällt nicht schwer, sich die Zielgruppe(n) dieser Kampagnen vorzustellen: diejenigen, die nicht (mehr) im Krieg gekämpft hatten, also Männer jüngerer Jahrgänge, die nicht mehr einberufen oder nicht mehr bis an die Front gelangt waren und älterer Jahrgänge, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund ihrer anderweitigen Verwendung nicht eingezogen worden waren. Daneben natürlich Soldaten, die weiter kämpfen wollten.

Und einer davon war eben Ernst.

Zur Erinnerung die Darstellung aus seinem Lebenslauf:

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution und vom Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res. Division Grenzschutz (Ost)

Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner-Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf. Reg. 115 überwiesen wurde. Um meine Eltern in der Heimat besser unterstützen zu können lies ich mich auf Wunsch meiner Eltern zum 18. Febr. vom Reichwehr Inf. Reg. 115 in die Heimat entlassen.

Und die Angaben aus seiner Biografie:

Dienst im alten Heer: Truppe 1. Garde. Res. Division Grenzschutz Ost von 6.3.1919 bis Oktober 1919

Reichswehr: Inf. Reg. 115 von Oktober 1919 bis 18. Febr. 1920

Ernst wurde am 6. Februar 1919 18 Jahre alt – genau einen Monat später meldete er sich zu den Freikorps.

In einer Darstellung zur Geschichte der Stadt Zell i/W aus dem Jahre 1922 habe ich eine Schilderung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gefunden:

Auch durch Zell zogen in geschlossenem Zuge bayerische Landwehrtruppen ihrer Heimat zu; sie machten einige Tage Rast und ließen einen ganzen Wagenpark zurück, den die Stadtgemeinde ankaufte. Später kam das Infanterieregiment Nr. 93 und war hier im Winter 1918/19 einquartiert. […] Auch in Zell waren etwa 120 Auslandsdeutsche untergebracht, einzelne über ein halbes Jahr. […] In Zell war es glücklicherweise in den Novembertagen 1918 ruhig. Die Lazarettinsassen beschränkten sich darauf, die Umsturzbewegung durch einen Umzug mit roter Fahne durch die Straßen der Stadt kundzugeben. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung unter den Lazarettinsassen wurde sofort nach russischem Muster ein Soldatenrat gegründet, der nur einige Wochen Bestand hatte. Dagegen fristete der im November gebildete Arbeit- und Bauernrat Zell, der sich, auf dem Boden der Revolutoin [sic] stehend, zur Aufgabe machte, die Interessen der Arbeiter und Bauern, namentlich hinsichtlich einer geordneten Ernährung, zu wahren und zu verteidigen, ein etwa halbjähriges Dasein. Der Bürgerrat trat dagegen kaum in eine ernste Tätigkeit. Zur Bewahrung von Sicherheit und Ruhe wurden Volkswehrleute bestellt, die die Stadtgemeinde entlohnte. (Humpert, Theodor: Geschichte der Stadt Zell im Wiesental, Zell i.W. 1922, S.59.)

Ich konnte bisher keine Quellen finden, die diesen Angaben bestätigen.

Fürs Erste ergeben sich dadurch mindestens drei unterschiedliche Kontexte, in denen Ernst auf die Idee gekommen sein könnte, sich zu den Freikorps zu melden:

  1. Durch Begegnung mit Soldaten des Infanterieregiments Nr. 93
  2. Durch Kontakt zu Lazarettinsassen
  3. Durch eine mögliche Verbindung zur Volkswehr

Nicht vergessen werden darf, dass Ernst eben gerade erst 18 geworden war. Ob er schon zuvor den Gedanken gehabt haben mag, sich freiwillig zu melden, oder ob der fortgeschrittene Krieg ihn davon gänzlich abgehalten hat, weiß man natürlich nicht. Aber auf dem Papier zumindest bestand die Möglichkeit erst im Februar 1919.

Weiterhin nehme ich an, dass ein älterer Bruder im Krieg gefallen ist. Dies hat bestimmt zur Motivation beigetragen.

Ohne dass das „Warum“ geklärt werden kann, trotzdem ein Blick auf das „Wie“. Hierzu zunächst Rüdiger von der Goltz:

Die hochverdiente Anwerbestelle Baltenland warb mit Genehmigung des Kriegsministeriums in allen Teilen Deutschlands. Sie hatte den Vorteil vor anderen Anwerbungen, daß die Bedingungen günstiger waren: 4 Mark tägliche Baltenzulage und die Aussicht, Land zu erwerben und sich als lettländische Staatsangehörige als Bauer, Handwerker, Kaufmann usw. in einem kulturhungrigen Lande der Zukunft eine eigene Lebenszukunft zu sichern. […] Mit dieser Aussicht und in dieser Absicht sind in den verschiedensten Landesteilen landsmännisch zusammengefaßte Verbände aufgestellt worden, im deutschen Norden wie in Baden, Württemberg und Bayern. Der Gedanke, als Landsleute und Glaubensgenossen zusammenzubleiben und im fernen Lande eine Kolonie sich zu erkämpfen und zu erarbeiten, war ein großer. (Goltz, S.218)

Und Friedrich Wilhelm Oertzen:

Wenn wir die Zeitungen etwa aus den ersten Monaten des Jahres 1919 aufschlagen, so finden wir in fast jeder Nummer der großen bürgerlichen Zeitungen Werbe-Inserate der verschiedenen Freikorps. Der Tenor dieser Inserate, die uns heute fast gespenstisch anmuten, war durchaus verschieden. Neben Werbeaufrufen, in denen auf die Not des Grenzlandes und auf die Bedrohung des Reiches durch Polen und Bolschewiken hingewiesen wurde […]. Inserate […], die sich von Aufforderungen zum Besuch eines Witwenballs nach Form und Inhalt nur verhältnismäßig wenig unterschieden. (Oertzen, S.20f)

Wie bei den meisten Freiwilligen dürfte es sich auch bei Ernst um eine Mischung unterschiedlicher Beweggründe gehandelt haben. Was letztlich den Ausschlag machte, kann aktuell nicht festgestellt werden.

Tomas Balkelis fasst es so zusammen: Gründe waren vielfältig: Patriotismus, revolutionärer Eifer oder Hass auf die Revolution, Hoffnung auf eine neue militärische Karriere, auf Land, einen höheren sozialen oder politischen Status; Arbeitslosigkeit, Armut etc. Daneben gab es eine große Anzahl neuer Rekruten, die nie zuvor an einer Militäraktion teilgenommen hatten, sich aber bereitwillig den neuen Verbänden anschlossen. (Balkelis, Tomas: Demobilisierung, Remobilisierung – Paramilitärische Verbände in Litauen 1918-1920, in: Osteuropa (64) Nr. 2/4, 2014, S.196-220, S.198.)

Die Anwerbekampagne zielte vor allem auf ehemalige Offiziere und Unteroffiziere der kaiserlichen Armee, die nun, nach Kriegsende, ohne Beschäftigung dastanden. […] Doch er stieß auch bei jungen Deutschen auf Interesse, die noch keine Kampferfahrung hatten und frustriert über Deutschlands Niederlage und den Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven in der Heimat waren. In Berlin und anderen Städten eröffneten zahlreiche Anwerbestellen, und die deutsche Regierung bot künftigen Freikorpsmitgliedern bei einer Verpflichtung für drei Monate 30 Mark täglich. Im Falle eines Einsatzes in Lettland wurden ihnen (von deutscher Seite) zudem die lettische Staatsbürgerschaft und die Ansiedlung auf lettischem Territorium zugesichert, während es ihnen in Litauen gestattet sein sollte, der litauischen Regierung ihre Kriegsbeute zu verkaufen. Die Aussicht, im Baltikum Siedlungsland zu erwerben, war Anreiz für Tausende von Freiwilligen, die die Region als Raum unbegrenzter Möglichkeiten sahen. (Balkelis, S.206f)

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