Die ärztliche Untersuchung (Katharina)

Den Aufbau des medizinischen Formulars habe ich mir im Detail bereits bei Ernst angeschaut. Die Einträge Dr. Pitschs sind knapp gehalten:

Nie krank gewesen. Keine Unfälle. Schule normal durchlaufen.

Menstruation: regelmäßig, normal

Keine Geburten,  keine Fehlgeburten.

Untersuchungsbefund allgemein.

Alter 23 Jahre – Größe 168 cm – Gewicht 79 kg

Körperbau: muskulös (athletisch), rundlich

Haltung und Gang: straff-aufgerichtet

Muskulatur: kräftig

Brustkorb: gut gewölbt

Bauch: fett

Gewebstonus: elastisch

Hautfarbe: rosigweiß

Augenfarbe: blau

Haarfarbe: hellblond

Haarform: straff

-> Dr. Pitsch ist sehr direkt: Mit 79 kg auf 168 cm stuft er Katharina als „fett“ ein.

Ein Backenzahn links unten schein kariös zu sein (wieso muss das eigentlich ein Allgemeinarzt untersuchen?), aber ansonsten ist das Gebiss in Ordnung, oder? Wieso vermerkt Dr. Pitsch es sei behandlungsbedürftig?

Und jetzt, weil sich die Handschriften hier deutlich unterscheiden, wird klar, dass der unleserliche Eintrag, der auch in Ernsts Dokumenten zu finden war, von einem Dritten gemacht wurde. Also vermutlich vom Sachbearbeiter im RuSHA:

Der etwas dickere Strich, ggf. ein Bleistift, bearbeitet die eingereichten Unterlagen. Er unterstreicht z.B. auch die Angaben zu Katharinas Größe / Gewicht:

Dr. Pitch untersucht Katharina weiter, findet aber keine Auffälligkeiten – Reflexe, Augen, Ohren, alles in Ordnung.

Beurteilung der Gebärfähigkeit.

Becken (Rachitis, Beckenanomalien, nötigenfalls messen, einschl. Conj. diag.): Weites Becken, Geburtswege gut.

-> Es hat den Anschein, als habe Dr. Pitsch Katharina gynäkologisch untersucht. Dazu gleich mehr.

Etwaige Störungen und Veränderungen an Uterus und Adnexen (nötigenfalls untersuchen): Cervixkatarrh, keine Gonokokken im Abstrich.

Eine fachärztliche Nachuntersuchung sieht der Arzt nicht als notwendig an (interessant, immerhin scheint ja eine gynäkologische Erkrankung vorzuliegen).

Physische Auffälligkeiten: keine

Begabung: Durchschnitt

Macht der (die) Untersuchte glaubhaften und offenen Eindruck? Glaubhaft

Zusammenfassendes Urteil über Ehetauglichkeit:

a) Gesamteindruck: durchschnittlich

b) Ist Fortpflanzung im völkischen Sinne wünschenswert? ja

c) Bestehen z.Zt. ärztl. Bedenken gegen Eintreten einer Schwangerschaft? nein

d) Liegt z.Zt. Schwangerschaft vor? nein

Also ich stelle mir das so vor: Katharina erhält von Ernst den Vordruck und geht damit zu Dr. Pitsch. Der – im Gegensatz zu Dr. Hänßler in Schopfheim, der selbst der SS angehört – hat in Grenzach mit seiner damals doch überschaubaren Bevölkerung sicher nicht allzu oft einen solchen Untersuchungsbogen vorliegen. Ob seine knapp gehaltenen Einträge dem geschuldet sind, dass er nicht „weiß“ wie umfänglich er Auskunft geben soll, oder ob er keine Veranlassung dazu sieht – beides ist möglich.

Aber wie genau hat er sie untersucht? Das Zahnschema wirkt unausgefüllt, dafür hat er einen Abstrich gemacht. Aber die Schwangerschaft nicht erkannt?

Wir erinnern uns: Mit dem (vermutlichen) Begleitschreiben zu den einzureichenden Unterlagen, datiert vom 16.10., also 9 Tage nach der Untersuchung Katharinas durch Dr. Pitsch, verweist Ernst auf die Dringlichkeit der Bearbeitung und der Genehmigung, „aufgrund der Schwangerschaft meiner Braut“.

Da würde ich mich beim Bearbeiten der Unterlagen aber auch wundern.

Andere Überlegung: Vielleicht haben auch Katharina und Ernst erst NACH der Untersuchung durch Dr. Pitsch verstanden, dass sie schwanger ist?

Conj. diag.: Es scheint sich dabei um eine Maß-Bestimmung zum Becken zu handeln. Ich habe diese Folie der Uniklinik Freiburg gefunden:

Cervixkatarrh: Hierzu habe ich ein altes Lehrbuch von 1905 gefunden (Henkel, M.: Gynaekologische Diagnostik. In zwanglosen Vorträgen für Studierende und Ärzte, Basel 1905 (Link)):

Katharina wurde also mit einer Gebärmutterhalsentzündung diagnostiziert. In der Apotheken-Umschau findet sich folgende Erklärung: Die Haupterreger sogenannter aufsteigender Infektionen, die sich auf den Gebärmutterhals ausdehnen, sind Chlamydien oder Gonokkoken, die Erreger der Gonorrhö.

Gonokokken: So erklärt sich auch, wieso ein Abstrich vorgenommen wurde und explizit die Abwesenheit von Gonokokken notiert wurde – es hätte ja Gonorrhö („Tripper“) sein können!

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