Von Zell zu den Freikorps

Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, seitdem ich seine BDC-Akten aus dem Bundesarchiv erhalten habe, ist die danach, wie Ernst auf die Idee kam, sich zu den Freikorps zu melden.

In der historischen Darstellung der Zwischenkriegszeit nehmen die Freikorps eine wichtige Rolle ein: Ins Leben gerufen, um den Krieg-nach-dem-Krieg an der deutschen Ostfront weiter zu führen – mit ausdrücklicher Billigung der Alliierten, die gleichzeitig in Versailles und andernorts bereits die Nachkriegsordnung für (West)Europa aushandelten – am Leben erhalten als Reaktion auf die Bestimmungen des Versailler Vertrages und Nährboden für rechtskonservative, nationalistische und letztlich nationalsozialistische Bewegungen – die Freikorps.

Folgt man der oben verlinkten Darstellung des DHM/LeMo, so umfassten die Freikorps bis zu 400.000 Männer, von denen laut dem Historischen Lexikon Bayerns etwa 40.000 im Baltikum eingesetzt wurden. Ein Großteil dieser Männer stammte aus den ehemals regulären Truppen, zu ihrer Verstärkung wurde aber auch in großen Umfang neu rekrutiert:

https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/pli03198

Es fällt nicht schwer, sich die Zielgruppe(n) dieser Kampagnen vorzustellen: diejenigen, die nicht (mehr) im Krieg gekämpft hatten, also Männer jüngerer Jahrgänge, die nicht mehr einberufen oder nicht mehr bis an die Front gelangt waren und älterer Jahrgänge, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund ihrer anderweitigen Verwendung nicht eingezogen worden waren. Daneben natürlich Soldaten, die weiter kämpfen wollten.

Und einer davon war eben Ernst.

Zur Erinnerung die Darstellung aus seinem Lebenslauf:

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution und vom Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res. Division Grenzschutz (Ost)

Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner-Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf. Reg. 115 überwiesen wurde. Um meine Eltern in der Heimat besser unterstützen zu können lies ich mich auf Wunsch meiner Eltern zum 18. Febr. vom Reichwehr Inf. Reg. 115 in die Heimat entlassen.

Und die Angaben aus seiner Biografie:

Dienst im alten Heer: Truppe 1. Garde. Res. Division Grenzschutz Ost von 6.3.1919 bis Oktober 1919

Reichswehr: Inf. Reg. 115 von Oktober 1919 bis 18. Febr. 1920

Ernst wurde am 6. Februar 1919 18 Jahre alt – genau einen Monat später meldete er sich zu den Freikorps.

In einer Darstellung zur Geschichte der Stadt Zell i/W aus dem Jahre 1922 habe ich eine Schilderung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gefunden:

Auch durch Zell zogen in geschlossenem Zuge bayerische Landwehrtruppen ihrer Heimat zu; sie machten einige Tage Rast und ließen einen ganzen Wagenpark zurück, den die Stadtgemeinde ankaufte. Später kam das Infanterieregiment Nr. 93 und war hier im Winter 1918/19 einquartiert. […] Auch in Zell waren etwa 120 Auslandsdeutsche untergebracht, einzelne über ein halbes Jahr. […] In Zell war es glücklicherweise in den Novembertagen 1918 ruhig. Die Lazarettinsassen beschränkten sich darauf, die Umsturzbewegung durch einen Umzug mit roter Fahne durch die Straßen der Stadt kundzugeben. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung unter den Lazarettinsassen wurde sofort nach russischem Muster ein Soldatenrat gegründet, der nur einige Wochen Bestand hatte. Dagegen fristete der im November gebildete Arbeit- und Bauernrat Zell, der sich, auf dem Boden der Revolutoin [sic] stehend, zur Aufgabe machte, die Interessen der Arbeiter und Bauern, namentlich hinsichtlich einer geordneten Ernährung, zu wahren und zu verteidigen, ein etwa halbjähriges Dasein. Der Bürgerrat trat dagegen kaum in eine ernste Tätigkeit. Zur Bewahrung von Sicherheit und Ruhe wurden Volkswehrleute bestellt, die die Stadtgemeinde entlohnte. (Humpert, Theodor: Geschichte der Stadt Zell im Wiesental, Zell i.W. 1922, S.59.)

Ich konnte bisher keine Quellen finden, die diesen Angaben bestätigen.

Fürs Erste ergeben sich dadurch mindestens drei unterschiedliche Kontexte, in denen Ernst auf die Idee gekommen sein könnte, sich zu den Freikorps zu melden:

  1. Durch Begegnung mit Soldaten des Infanterieregiments Nr. 93
  2. Durch Kontakt zu Lazarettinsassen
  3. Durch eine mögliche Verbindung zur Volkswehr

Nicht vergessen werden darf, dass Ernst eben gerade erst 18 geworden war. Ob er schon zuvor den Gedanken gehabt haben mag, sich freiwillig zu melden, oder ob der fortgeschrittene Krieg ihn davon gänzlich abgehalten hat, weiß man natürlich nicht. Aber auf dem Papier zumindest bestand die Möglichkeit erst im Februar 1919.

Weiterhin nehme ich an, dass ein älterer Bruder im Krieg gefallen ist. Dies hat bestimmt zur Motivation beigetragen.

Ohne dass das „Warum“ geklärt werden kann, trotzdem ein Blick auf das „Wie“. Hierzu zunächst Rüdiger von der Goltz:

Die hochverdiente Anwerbestelle Baltenland warb mit Genehmigung des Kriegsministeriums in allen Teilen Deutschlands. Sie hatte den Vorteil vor anderen Anwerbungen, daß die Bedingungen günstiger waren: 4 Mark tägliche Baltenzulage und die Aussicht, Land zu erwerben und sich als lettländische Staatsangehörige als Bauer, Handwerker, Kaufmann usw. in einem kulturhungrigen Lande der Zukunft eine eigene Lebenszukunft zu sichern. […] Mit dieser Aussicht und in dieser Absicht sind in den verschiedensten Landesteilen landsmännisch zusammengefaßte Verbände aufgestellt worden, im deutschen Norden wie in Baden, Württemberg und Bayern. Der Gedanke, als Landsleute und Glaubensgenossen zusammenzubleiben und im fernen Lande eine Kolonie sich zu erkämpfen und zu erarbeiten, war ein großer. (Goltz, S.218)

Und Friedrich Wilhelm Oertzen:

Wenn wir die Zeitungen etwa aus den ersten Monaten des Jahres 1919 aufschlagen, so finden wir in fast jeder Nummer der großen bürgerlichen Zeitungen Werbe-Inserate der verschiedenen Freikorps. Der Tenor dieser Inserate, die uns heute fast gespenstisch anmuten, war durchaus verschieden. Neben Werbeaufrufen, in denen auf die Not des Grenzlandes und auf die Bedrohung des Reiches durch Polen und Bolschewiken hingewiesen wurde […]. Inserate […], die sich von Aufforderungen zum Besuch eines Witwenballs nach Form und Inhalt nur verhältnismäßig wenig unterschieden. (Oertzen, S.20f)

Wie bei den meisten Freiwilligen dürfte es sich auch bei Ernst um eine Mischung unterschiedlicher Beweggründe gehandelt haben. Was letztlich den Ausschlag machte, kann aktuell nicht festgestellt werden.

Tomas Balkelis fasst es so zusammen: Gründe waren vielfältig: Patriotismus, revolutionärer Eifer oder Hass auf die Revolution, Hoffnung auf eine neue militärische Karriere, auf Land, einen höheren sozialen oder politischen Status; Arbeitslosigkeit, Armut etc. Daneben gab es eine große Anzahl neuer Rekruten, die nie zuvor an einer Militäraktion teilgenommen hatten, sich aber bereitwillig den neuen Verbänden anschlossen. (Balkelis, Tomas: Demobilisierung, Remobilisierung – Paramilitärische Verbände in Litauen 1918-1920, in: Osteuropa (64) Nr. 2/4, 2014, S.196-220, S.198.)

Die Anwerbekampagne zielte vor allem auf ehemalige Offiziere und Unteroffiziere der kaiserlichen Armee, die nun, nach Kriegsende, ohne Beschäftigung dastanden. […] Doch er stieß auch bei jungen Deutschen auf Interesse, die noch keine Kampferfahrung hatten und frustriert über Deutschlands Niederlage und den Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven in der Heimat waren. In Berlin und anderen Städten eröffneten zahlreiche Anwerbestellen, und die deutsche Regierung bot künftigen Freikorpsmitgliedern bei einer Verpflichtung für drei Monate 30 Mark täglich. Im Falle eines Einsatzes in Lettland wurden ihnen (von deutscher Seite) zudem die lettische Staatsbürgerschaft und die Ansiedlung auf lettischem Territorium zugesichert, während es ihnen in Litauen gestattet sein sollte, der litauischen Regierung ihre Kriegsbeute zu verkaufen. Die Aussicht, im Baltikum Siedlungsland zu erwerben, war Anreiz für Tausende von Freiwilligen, die die Region als Raum unbegrenzter Möglichkeiten sahen. (Balkelis, S.206f)

Rüdiger von der Goltz

Die Frage, wie Ernst zu den Freikorps kam und was er dort tat, gilt es zu verfolgen. Zunächst einmal soll allerdings eine Person kurz vorgestellt werden, die bereits angesprochen wurde: Graf Rüdiger von der Goltz.

Generalmajor Graf Rüdiger von der Golz, der zuvor in Finnland gekämpft hatte, wurde Anfang des Jahres 1919 damit beauftragt, die Grenzen Deutschlands gegenüber der Sowjetunion zu verteidigen. Er führte als Oberkommandierender die Truppen, die allgemein unter der Bezeichnung „Freikorps“ geführt werden, auch wenn es sich dabei um eine Mischung aus (ehemals) regulären Truppen und den neu zusammen gestellten Freikorps handelte.

Zur Durchführung dieser Aufgabe wurde ihm von der Obersten Heeresleitung die 1. Garde-Reserve-Division zur Verfügung gestellt, die durch Freiwilligenwerbungen vor allem in der Umgebung Berlins neu aufgestellt wurde. Zu den bedeutendsten Formationen der 1. Garde-Reserve-Division gehörten die Abteilung des Grafen York von Wartenburg sowie die Freikorps des Hauptmann Cordt v. Brandis und des Grafen Eulenburg. Führer der Maschinengewehr-Kompanie des Freikorps v. Brandis war der bereits erwähnte Oberleutnant Friedrich Wilhelm v. Oertzen, einer der wichtigsten Chronisten der Freikorpsbewegung. Dem Freikorps v. Brandis gehörte ferner der Feldwebel Friedrich Hildebrandt an, der spätere Reichsstatthalter der NSDAP für Mecklenburg und Lübeck. Kommandeur des ersten Bataillons des Freikorps des Grafen Eulenburg war Major Ernst Buchrucker. Diesem Bataillon gehörte auch Paul Schulz an. Beide wurden später die Führer der sogenannten Schwarzen Reichswehr, die im Berliner Raum den Küstriner Putsch organisierte. (Sauer, Bernhard: Vom „Mythos eines ewigen Soldatentums“ – Der Feldzug deutscher Freikorps im Baltikum im Jahre 1919, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43 (1995), Heft 10, S. 869–902, hier S.876.)

Eben dieser Friedrich Wilhelm von Oertzen schildert den Beginn der Aktivitäten im Baltikum so:

Graf Goltz traf am 5. Februar 1919 in Libau ein. Die Oberste Heeresleitung hatte ihm zur Durchführung der militärischen Grenzschutzaufgaben die neu formierte erste Garde-Reserve-Division zur Verfügung gestellt. Aber vorläufig stand für Wochen hinaus auch diese Division nur auf dem Papier. Sie mußte erst in Westpreußen auf Freikorpsart durch Freiwilligenwerbung zu einer verwendungsfähigen Kampftruppe aufgefüllt werden. (Oertzen, Friedrich Wilhelm von: Die deutschen Freikorps 1918-1923, München 1936, S.40)

Ende Februar traf dann die für die weiteren militärischen Pläne des Grafen Goltz dringend  benötigte 1. Garde-Reserve-Division im Baltikum ein. Auch sie war ihrem Wesen nach eine Zusammenfassung von Freikorps, wenngleich alte Regimentsbezeichnungen weitergeführt wurden. Die Führung der Division hatte Generalmajor Tiede, 1. Generalstabsoffizier war der vielfach bewährte Hauptmann von Rabenau. Teile dieser Division wurden nun vorübergehend auf dem nördlichen Frontabschnitt der Baltischen Landeswehr eingesetzt, um Windau zu erobern. (Oertzen S.52)

Von der Golz selbst betrachtete seine Aufgabe etwas umfassender, als zunächst vorgesehen, wie er später schreibt: Ursprünglich nur zum Schutze Ostpreußens bestimmt, faßte ich meine Aufgabe immer mehr in einer großen Idee zusammen, dem Zukunftsgedanken des schwer bedrohten Deutschtums. (Goltz, Rüdiger von der: Meine Sendung in Finnland und im Baltikum, Leipzig 1920, S.126)

Goltz 1920

Zu einem abschließenden und unparteiischen Urteil wird vielleicht erst eine spätere Zeit gelangen, soweit Menschen dazu überhaupt fähig sind. Möge dann die von uns bekämpfte bolschewistische Weltanschauung asiatischer Unfreiheit nicht die allein geduldete sein! Das wäre dann wirklich „der Untergang des Abendlandes“. Ihn zu verhindern war unser Ziel. (Goltz, S.145).

Albert Leo Schlageter

Kannte Ernst, der 1901 in Adelsberg geboren wurde, den 7 Jahre älteren Albert Leo Schlageter aus Schönau?

Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht.

Schlageter besuchte das Gymnasium in Freiburg, war also laut DHM ab 1909, als Ernst erst 8 Jahre alt war, nicht mehr im Wiesental wohnhaft. 1914 zog er von Freiburg aus in den Krieg und kehrte von da an, zumindest nach allem, was ich bisher gelesen habe, nur noch einige wenige Male in seine Heimat zurück.

Trotzdem ist nicht abwegig, dass Ernst Schlageter zumindest kannte, also wusste wer er war, auch bevor er zu nationalem Ruhm kam. Denn bis jetzt konnte ich noch nicht heraus finden, wie Ernst auf die Idee kam, sich zu den Freikorps zu melden. Und Schlageter wäre hier eine heiße Spur.

Zu Ernst Freikorps-Historie wissen wir nur, was er selbst Jahre später dazu schreibt:

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution u von Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res.division Grenzschutz (Ost) Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf. Reg. 115 überwiesen wurde. Um meine Alten in der Heimat besser unterstützen zu können lies ich mich auf Wunsch meiner Alten am 18. Febr. vom Reichsw. Inf. Reg. 115 in die Heimat entlassen. 

Man kann annehmen, dass Ernst, wenn er mit, unter oder in der Nähe von Schlageter gedient hätte oder eingesetzt worden wäre, dies erwähnt hätte. Ein genauerer Blick lohnt sich trotzdem.

Der Literatur zufolge war Schlageter Angehöriger des Freikorps Medem, das zur Eisernen Division zählte,während Ernst als Mitglied der 1. Garde Reservedivision aus den regulären Truppen hervor ging:

Nach Kriegsende und Rückkehr in die Heimat wurde die Division Ende Januar 1919 in Berlin aus Freiwilligen neu aufgestellt und dem VI. Reserve-Korps unter Rüdiger von der Goltz im Baltikum zugeteilt. Im Frühling 1919 war sie der stärkste Verband der sogenannten Baltikumer, welche 1919 im Auftrag der Obersten Heeresleitung Grenzschutzoperationen an der Nordostgrenze Deutschlands übernahmen und ab März 1919 im Lettischen Unabhängigkeitskrieg eingesetzt wurden. (Wikipedia)

Zum Freikorps Medem findet sich bei Stefan Zwicker folgende Information:

… in Waldkirch, wo der Hauptmann Walter Eberhard v. Medem ein Freikorps um sich sammelte. Medem, damals 30 Jahre alt, gehörte wie fast alle Freikorpsführer zur Generation der jungen Weltkriegsoffiziere. Er schrieb später, Ziel seiner etwa 400 Mann starken Truppe sei vom Tag der Gründung an „die Befreiung des von den Bolschewisten besetzten Riga“ gewesen. Am 17. April erfolgte der Abtransport nach Kurland, Schlageter war als Batterieführer dabei. (Zwicker, Stefan: „Nationale Märtyrer“ – Albert Leo Schlageter und Julius Fucik Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur, Paderborn 2006, S.36.)

Beide Einheiten, also sowohl die 1. Garde Reservedivision als auch das Freikorps Medem unterstanden in dem Zeitraum, in dem Ernst sich im Baltikum befand (März-Oktober 1919) Rüdiger von der Goltz:

Anfang Februar 1919 übernahm das VI. Reserve-Korps die Befehlsführung in Kurland. Dem Kommandierenden General, Generalmajor Rüdiger von der Goltz, unterstanden das Gouvernement Libau, die Baltische Landeswehr, die Eiserne Division, die eintreffende 1. Garde-Reserve-Division und verschiedene kleinere Freikorps.  (Wikipedia)

Für Ernst war das Abenteuer Freikorps nach knapp 11 Monaten wieder beendet, während Schlageter bis zu seinem Tod 1923 noch an so gut wie allen Brennpunkten dieser Jahre anzutreffen war (Kapp-Putsch, Oberschlesien, Ruhrgebiet). Leider konzentriert sich die Forschung zu Schlageter in der Regel auf seine Funktion als Symbol des deutschen Nationalismus, inklusive seiner Verehrung. Für die für mich spannenden Fragen konnte ich bisher nur vereinzelt Hinweise finden:

Wie wurde Schlageter in seiner Heimat wahrgenommen und vereinnahmt, war er bereits vor seinem Tod dort bekannt und aktiv?

Wenn man annimmt, dass Ernst wusste, wer Schlageter war, dann gab es für beide soweit bekannt, lediglich noch eine Möglichkeit, sich nach Ernsts Zeit im Baltikum in der Heimat über den weg zu laufen und zwar 1921, als Schlageter zwischenzeitlich kurz dort zu Besuch war. (Zwicker, Stefan: Albert Leo Schlageter – eine Symbolfigur der deutschen Nationalismus zwischen den Weltkriegen, in: Linek, Bernard (Hg.): Nacjonalizm a tożsamość narodowa w Europie Środkowo-Wschodniej w XiX i XX w. Opole 2000, S. 199–214, S.211)

Diese Episode 1921 schildert bspw. Friedrich Georg Jünger (der Bruder Ernst Jüngers):

Als das Deutschtum gesiegt hatte […], hielt sich Schlageter im Schwarzwalde auf. Als polnische Insurgenten, mit aktiven polnischen Truppen gemischt, von den Franzosen begünstigt, die deutsche Grenze überschritten, kehrte er zurück. (Jünger, Friedrich Georg: Albert Leo Schlageter, in: Jünger, Ernst (Hg.): Die Unvergessenen, Leipzig 1928, S.302-311, hier S.305.

Nach seiner Hinrichtung durch die Franzosen 1923 war Schlageter dann sehr schnell überall in Deutschland ein Begriff und man kann zum Beispiel annehmen, dass Ernst die Überführung seines Sarges aus Düsseldorf nach Schönau Anfang Juni 1923 miterlebte. Bei der Beisetzung am 10.06. in Schönau waren u.a. auch Freikorps-Vertreter anwesend – und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Ernst:

Am Sonntag, 10. Juni 1923, wurde Schlageter auf dem Schönauer Friedhof der Heimaterde übergeben. Die ganze Gemeinde beteiligte sich. (Rothmund)

Die Eisenbahn brachte den Sarg über Hagen, Gießen, Frankfurt, Mannheim,
Karlsruhe, Freiburg und Basel nach Schönau. Auf den genannten deutschen Bahnhöfen und an der Strecke versammelten sich Menschen, um Schlageter die letzte Ehre zu erweisen […]. Am 10. Juni 1923, einem Sonntag, folgte die Beisetzung in einem Ehrengrab auf dem Schönauer Friedhof, Sonderzüge wurden eingesetzt, um dem Andrang Herr zu werden. Anwesend waren neben den ehemaligen Freikorpsführern Hubertus v. Aulock und Walter Eberhard Frhr. v. Medem auch Vertreter der badischen Regierung. Die Bedeutung, die man dem Geschehen beimaß, zeigt sich auch darin, dass Überführung und Beerdigung gefilmt wurden.
(Zwicker, Nationale Märtyrer)

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=gbj-002:2000:7::250#190

Spätestens als der Schlageter-Kult nach 1933 maßlos gesteigert wurde, war Ernst – in offizieller Funktion – ganz sicher bei den Gedenkveranstaltungen in Schönau dabei:

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=gbj-002:2000:7::250#190

An der Gedenkfeier [am 4. Juni 1933] nahmen 16—18 000 Menschen teil, darunter insgesamt über 7000 Mann aus SA, SS, Motorsturm, Reservesturm, Hitlerjugend, Stahlhelm, Jungdeutscher Orden, Arbeitsdienst und Kriegervereine. (Fuhrmeister)

Weitere Informationen zu Dr. Pitsch

In der Zwischenzeit habe ich weitere Informationen zu Dr. Pitsch aus dem Staatsarchiv Freiburg erhalten.

Im März 1947 musste Dr. Pitsch einen Fragebogen der französischen Besatzungsverwaltung ausfüllen. Es handelt sich dabei um einen sog. „Entnazifizierungsfragebogen“, in dem neben Angaben zur Affiliation au parti Nazi (Mitgliedschaft in der NSDAP) u.a. auch Informationen zu Auslandsreisen ab 1933 und zum jährlichen Einkommen abgefragt wurden.

Dr. Pitch ist zu diesem Zeitpunkt bereits Obermedizinalrat, also verbeamteter Arzt, und lebte in Freiburg. Diese Stelle hatte er laut den Unterlagen mindestens auch schon im Juli 1946 inne.

Bis Kriegsende war Dr. Pitsch definitiv in Grenzach, danach scheint er aber beinahe sofort seine Praxis aufgegeben zu haben, um die Stelle in Freiburg anzunehmen.

Aus den Unterlagen erfährt man, dass Dr. Pitsch seit 1928 und bis 1934 Schularzt der Gemeinde Grenzach war. 1934 kündigte das Gesundheitsamt diesen Vertrag. Weiterhin war Dr. Pitsch ab 1938 bis zum Ende des Krieges Betriebsarzt in zwei der großen Industrieunternehmen am Ort: Salubra und Geigy.

In diese Zeit fällt auch eine Auszeichnung, die Dr. Pitsch 1938 durch das Deutsche Rote Kreuz erhalten hat. Dort war er seit 1923 als Bezirks-Kolonnenführer und DRK-Feldführer tätig und machte sich bei zwei größeren lokalen Vorfällen verdient: beim Bergwerksunglück in Buggingen (1934) und bei der „Massenkohlenoxyd-Vergiftung“ in der Kirche in Tegernau (1935).

Weiterhin lernen wir aus dem Fragebogen, dass Dr. Pitsch eine Zeit lang (1939 – November 1942) als Unterarzt in der Sanitätsabteilung in Donaueschingen diente, krankheitsbedingt aber entlassen wurde. Aus seinen Ausführungen geht nicht hervor, ob er tatsächlich in Donaueschingen eingesetzt war, oder in einem der zugehörigen Lazarette, etwa in Lörrach.

Faktisch war er also 1938/39 Betriebsarzt, dann 1939-1942 bei der Wehrmacht und anschließend ab 1942 wieder in Grenzach, u.a. als Betriebsarzt.

Dem Fragebogen liegen Begleitschreiben sowie ein selbst verfasster Lebenslauf bei. Aus diesen Unterlagen können folgende Angaben in seiner Biografie ergänzt werden:

Dr. Pitsch ging in Basel zur Schule, nahm als Freiwilliger (20-jährig) ein Jahr lang (1914-1915) am 1. Weltkrieg teil, studierte anschließend bis 1919 Medizin. 1924 heiratete er Lily Roth, eine Schweizer Krankenschwester, mit der er zwei Kinder hatte. Seit 1924 war Dr. Pitch als Praktischer Arzt in Grenzach tätig.

Von der Machtübernahme an war ich wegen meiner pazifistischen Einstellung, meiner Zugehörigkeit zu einer Loge und meinen internationalen Beziehungen verschiedensten Verfolgungen und Demütigungen ausgesetzt, besonders, da ich 1932 auf einer internationalen Kundgebung in Basel für Abrüstung und gegen Rassen- und Klassenhass gesprochen hatte.

Ich stand der Paneuopa-Bewegung nahe.

Seit 1934 gehöre ich dem Kreise C.G. Jungs in Zürich an, wo ich mich in Psychotherapie ausbildete.

Ich bin ein Freund Albert Schweitzers.

Der Vorgang wird abgerundet durch eine Reihe von Empfehlungsschreiben / Bescheinigungen. Demzufolge war Dr. Pitsch vier Jahre lang (1941-1945?) als betreuender Arzt in einem Lager für slowenische Kriegsgefangene in Herten eingesetzt:

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Auch als Betriebsarzt in Grenzach kam Dr. Pitsch offenbar mit Zwangsarbeitern in Kontakt und auch hier scheint er einen positiven Eindruck hinterlassen zu haben. Dies bestätigt ihm sein Freund, der Grenzacher Bürgermeister (siehe vorangegangenen Beitrag zu deren Verhältnis):

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Dr. Pitsch fügt seinen Unterlagen darüber hinaus eine Stellungnahme zu einem innerhalb der Ortsgeschichte Grenzach durchaus kontroversen Fall und seiner Rolle darin bei. Der durch den Gauleiter Badens, Wagner, 1933 eingesetzte Bürgermeister, Dr. Ebbecke, war beschuldigt worden, mehrere Jungen sexuell belästigt zu haben. Trotz dieses Vorwurfs konnte er sich jedoch noch einige Zeit im Amt halten. Laut eigener, durch den aktuellen Bürgermeister und weitere Zeugen bestätigten Aussage, hatte Dr. Pitsch eine entsprechende Meldung bei der Staatsanwaltschaft gemacht und wurde anschließend aufgrund dieser Anzeige bedroht:

Quelle: Staatsarchiv Freiburg D180/7 Nr. 140, alle Rechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Grenzacher Ärzte 2: Friedrich Pitsch

Im Rahmen von Katharinas medizinischer Untersuchung sind wir auf Dr. Friedrich Pitsch gestoßen. Die Recherche nach ihm hat mich immer wieder beschäftigt und ist noch nicht abgeschlossen.

Dr. Friedrich Pitsch muss ein sehr interessanter Mensch gewesen sein. Den Angaben nach, die ich auf diversen Wegen finden konnte, verdiente er sich zwar als Arzt in Grenzach seinen Lebensunterhalt, war aber vermutlich vielmehr an anderen Dingen interessiert.

Zunächst einmal ist da der Eintrag im Grenzacher Ortssippenbuch:

Familie Pitsch, das sind demnach der aus Pommern stammende Gustav und seine Frau Hedwig und deren Kinder Katharina (* 1881, evtl. noch in Pommern) und der 13 Jahre jüngere Friedrich (* 1894), ein Nachzügler, bei dessen Geburt die Eltern bereits 45 und 39 Jahre alt sind.

Weiterhin erfahren wir, dass Friedrich mit der gleichalterigst Lilly Roth verheiratet war, einen Sohn, Hansjörg, hatte und in Freiburg verstarb. Hansjörg wiederum, geboren 1930, ist mit Frau und Tochter, ebenso wie seine Mutter, Lilly, nach Amerika ausgewandert.

Ein Eintrag, der viele Fragen aufwirft.

Auf ancestry.com hat ein Hans Pitsch aus Ohio, höchstwahrscheinlich der im Ortssippenbuch genannte Sohn, oder evtl. dessen Sohn, also der Enkel von Friedrich, eine Reihe von Dokumenten hinterlegt. Ich habe Hans Pitsch kontaktiert, bisher aber leider (noch) keine Antwort erhalten.

Das interessanteste Dokument ist der Nachruf auf Friedrich Pitsch, laut Angabe aus den Basler Nachrichten :

Dr. Pitsch war, als er starb nicht mehr länger Hausarzt, sondern mittlerweile Leiter der Gesundheitsabteilung im badischen Innenministerium und Regierungsmedizinaldirektor!

Sein Vater, der aus Pommern stammende Oberregierungsrat, war Vorsteher des Badischen Bahnhofs in Basel.

Dr. Pitsch war Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Das stellt seine Diagnose bei Katharina (Cervixkatarrh) wieder in einem anderen Licht dar.

In Basel machte Pitsch nicht nur seinen Facharzt, sondern anschließend bei C.G. Jung auch ein zusätzliches psychologisches Studium. Und auch mit Albert Schweizer war er bekannt!

Nach 1945 baute Dr. Pitsch das badische Gesundheitswesen (neu) auf und nahm als Funktionär auch an der Zeremonie zur Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die WHO teil.

Hans Pitch hat auch die Todesanzeige hochgeladen:

Dr. Pitsch war demnach wieder verheiratet, nachdem seine erste Frau Lilly (s.o.), nach Amerika ausgewandert war.

Im Gemeindearchiv Grenzach habe ich weitere Unterlagen gefunden. In den Dokumenten des Bürgermeisters (1952 war das laut Wikipedia Jakob Ewelshäuser) ist ebenfalls die Todesanzeige überliefert:

Bürgermeister Ewelshäuser und Dr. Pitsch waren offenbar alte Freunde – nicht nur ist sein Kondolenzbrief im Gemeindearchiv überliefert, sondern auch Neujahrsgrüße zum Jahreswechsel 1950/51 (Dr. Pitsch sandte ein Gedicht auf Alemannisch).

Weiterhin gibt es im Landesarchiv Baden-Württemberg Unterlagen zu Friedrich Pitsch, die ich angefordert habe. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.

Grenzacher Ärzte 1: Arthur Friedrich Bergmann

Arthur Friedrich Bergmann ist der Zahnarzt, der Ernst ad hoc eine Bescheinigung über eine Behandlung ausstellt:

Arthur Friedrich Bergmann – Dentist, staatlich geprüft

Laut Wikipedia handelte es sich bei Dentisten um Zahntechniker, die nach erfolgreichem Besuch einer Dentistenschule Patienten behandeln durften.

1910 umfasste die Ausbildung zum Dentisten in Deutschland mindestens sechs Jahre. Davon waren drei Jahre bei einem Dentisten zu absolvieren, ein Jahr Ausbildung in Prothetik, vorwiegend bei einem Zahnarzt. Anschließend erfolgte eine viersemestrige Ausbildung an einem Lehrinstitut für Dentisten mit abschließender Prüfung. Ausbildungsbefugt an den Lehrinstituten für Dentisten waren approbierte Medizinalpersonen.

1920 wurde die dentistische Ausbildung staatlich anerkannt. Nach Abschluss der dentistischen Staatsprüfung waren die Absolventen „Staatlich geprüfte Dentisten“. Sie erhielten keine Approbation.

Im Bundesarchiv bin ich bei der Recherche nach dem Zoll in Grenzach erneut auf Herrn Bergmann gestoßen. Im Sommer 1943 schreibt Oberregierungsrat Karrasch vom Oberfinanzpräsidium in Karlsruhe an das Reichsfinanzministerium in Berlin:

(Schlechter Scan)

Arthur Friedrich (Bergmann) hatte seine Praxis also in der Baslerstraße 49 (vermutlich auch schon 1935):

Die Praxis liegt damit nur etwa 100m vom Elternhaus Katharinas im Bäumleweg entfernt. Ob Herr Bergmann ein persönlicher Bekannter oder Bekannter der Familie Winter war, oder ob es einfach am schnellsten war – jedenfalls liegt nahe, wieso Ernst zu ihm ging, um schnell eine Bescheinigung zu erhalten. Ich glaube irgendwie nicht, dass er tatsächlich schon länger dort in Behandlung war.

Im Juni 1943 jedenfalls, also einige Jahre später, möchte Herr Bergmann in die Schweiz übersiedeln und sein zwanzig Jahre altes Haus schnellstmöglich verkaufen. Er ist auch bereit, unter Wert zu verkaufen, wenn es nur schnell geht.

Die Situation des Bezirkszollkommissariats scheint besorgniserregend: „Die bisherige Unterbringung ist völlig unzureichend. Der BZKom hat eine Notwohnung inne, die Diensträume sind in dunklen Räumen eines Privathauses untergebracht.“ Das ist erstmal seltsam, denn 1935 existierte ein Zollhaus (s. Ernsts Bemühungen um eine Wohnung dort) und aus weiteren Akten weiß ich, dass weitere Zollhäuser geplant waren.

Der Erwerb des Hauses ist daher dringend zu empfehlen.“

Doch bereits einen Tag später muss Karlsruhe eine Korrektur nach Berlin schicken: Der Kaufpreis soll doch höher sein, ein Missverständis:

Herr Bergmann will zwar wirklich verkaufen – es taucht jetzt noch ein weiterer Interessent auf – doch zu einem anständigen Preis.

Auf welchem Wege gingen die Meldungen nach Berlin? Per Post? Jedenfalls kommt das zweite Schreiben kurz nach dem ersten dort an. Ob die Bestätigung per Telegram, datiert vom 25.06. jedoch VOR oder NACH der ergänzenden Information versandt wurde, kann nicht eindeutig festgestellt werden:

Vor Ort nahm man nun eine Schätzung des tatsächlichen Wertes vor und machte ein Gegenangebot: 35.000 RM.

Herr Bergmann (jetzt richtig benannt), will „in die Schweiz zurück kehren“. Er scheint Schweizer zu sein, oder anderweitig ein Aufenthaltsrecht dort zu besitzen. Außerdem will er „über den Kaufpreis verfügen könne[n], d.h., daß ihm der Transfer in die Schweiz gestattet werde.“

Dies war tatsächlich nicht unproblematisch, denn das Deutsche Reich erhob eine Sondersteuer für Auswanderer (vgl. hierzu den Bericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg Flüchtlingen, Link, hierzu ab S.185).

Bei Arthur Friedrich Bergmann handelte es sich offenbar um einen Schweizer, der als Rückwanderer von den strengen Gesetzen, insb. jüdische Flüchtlinge betreffend, ausgenommen war, trotzdem war es – wie auch im Schreiben bereits ersichtlich wird – nicht einfach, Vermögenswerte „mitzunehmen“:

[…] am 19. August 1937 vereinbarten die beiden Staaten, dass die emigrierenden Schweizer Staatsbürger Kapitalbeträge von maximal 50 000 Reichsmark (rund 87 000 Franken) in die Schweiz transferieren durften.
Die schweizerische Gesandtschaft in Berlin übernahm diese Gelder und
bestritt damit unter anderem Unterstützungszahlungen an in Deutschland lebende bedürftige Schweizerinnen und Schweizer. Die Rückwanderer erhielten in der Schweiz den Betrag in Franken wieder ausbezahlt; sie hatten dabei jedoch einen empfindlichen Verlust hinzunehmen, weil der angewandte Wechselkurs fast 50% unter dem offiziellen Clearingkurs lag. […] Da die Gesandtschaft für die übernommenen Kapitalien nicht genügend Verwendung fand, waren die Transfermöglichkeiten bereits 1938 «sehr beschränkt» und reichten «lange nicht aus, um allen Rückwandererwünschen entgegenzukommen». Auch erfolgten die Auszahlungen in der Schweiz erst nach langen Wartefristen und in Teilbeträgen.
Zwischen 1937 und 1943 konnten Rückwandererguthaben von 4 Millionen Franken in die Schweiz zurückgeschafft werden (hinzu kamen 3 Millionen im Kapital-Härtefall-Verfahren) , während vor dem Krieg allein die jüdischen Schweizer 16 Millionen Franken im Reich besassen.
(Bericht der Unabhängigen Expertenkommission S.190f)

Unabhängig von dieser Frage, mit der sich das Reichsfinanzministerium nicht weiter aufhält, wird die Zustimmung zum Kauf (erneut) gegeben:

In dieser Akte ist der Vorgang damit abgeschlossen. Jedoch findet sich an anderer Stelle noch eine Art Schlusswort:

Der Kaufvertrag ist nicht zustandekommen, da der von dem Verkäufer zur Bedingung gemachte Rückwanderer-Transfer nicht durchgeführt werden konnte. Das Grundstück ist inzwischen andererweit verkauft worden und steht vor der Auflassung.

An wen das Haus verkauft wurde und ob es ihm gelungen ist, sein Vermögen zu transferieren, dazu weiß ich aktuell noch nichts. Arthur Friedrich Bergmann ist nicht im Sippenbuch Grenzach (von 1974) zu finden, d.h. er lebte zumindest zum Zeitpunkt von dessen Zusammenstellung nicht mehr im Ort (und war auch zuvor „nur“ eingewandert). Auch online konnte ich bisher keine weiteren Informationen zu ihm finden. Der einzige irgendwie passende Treffer auf einer Ahnenforschungsseite führt nach Amerika – nicht unwahrscheinlich aber es liegen auch keine Indizien dafür vor, dass es sich dabei um die gleiche Person handelt:

Was bleibt, ist bei einem weiteren Archiv-Besuch in Grenzach heraus zu finden, ob dort noch Informationen liegen.

Damit ist die Akte abgeschlossen

Die letzten drei Dokument in der Akte:

  1. Ein „Anhang“ zu Ernsts Ahnentafel

Spalte 16-25 einschl. durch erzbischöfl. Schreiben bestätigt, daß alle Kirchenbücher i.J. 1818 durch Feuer zerstört wurden.

Da das Schreiben selbst nicht beiliegt, könnte es sich hierbei um eine Notiz des Sachbearbeiters handeln.

2. Der Laufzettel der Akte

Der Vordruck ist teilweise mit Maschine, hauptsächlich aber von Hand und durch unterschiedliche Personen ausgefüllt. Es finden sich eine Reihe von Stempeln.

Vermerkt werden die Urteile zu zwei „Gutachten“ (Erbgesundheit bzw. Abstammung). Zur Erbgesundheit sind „Rückfragen erforderlich“ (die Zähne!), zur Abstammung dagegen besteht „kein Einwand“. Die Unterlagen hierzu sind am 18.10. „vollstd.“.

Am 7. November notiert der RuSHA-Mitarbeiter: „Nochmals Rückfragen“ und am 18.11. stempelt er schließlich „Keine wesentlichen Bedenken.“. Und dann wird die „Verlobung und Heirat freigegeben am 22. Nov. 1935“.

3. Das Deckblatt, kaum ausgefüllt

Und das war‘s. Die Akte ist abgeschlossen und ich kann mich all den Fragen zuwenden, die sie aufgeworfen hat.

Wann geheiratet

Die nächsten beiden Kopien in der Bundesarchiv-Akte sind Kopien eines Briefumschlags:

  1. Ernst ist ins Zollhaus umgezogen.
  2. Das Porto für einen Brief war 12 Pfennige.
  3. Das RuSHA bzw. die zuständige Abteilung sitzt nicht (mehr) am Tirpitz-Ufer, wie noch Anfang Oktober, sondern in der Hedemannstraße (das allerdings auch bereits beim Schreiben vom 19.10.). Zur Geschichte der Straße und des Hauses habe ich diese Chronik gefunden.

Ernsts Schreiben ist vom 23. Januar 1936 datiert, es sind also jetzt 2 Monate vergangen.

Betr: Genehmigungsurkunde u Urkunden der Ahnentafeln

Nach erteilter Heiratsgenehmigung vom 22. Nov. 35 bitte ich der Chef des Rasse u Siedlungs-Hauptamtes um Nachsendung der Genehmigungsurkunde, sowie auch um die Urkunden meiner und die meiner Frau Katharina Maier geb. Winter ihrer Ahnentafel da ich die Urkunden zur Ahnentafel zu meiner SS Einh. sowie auch für meine Nachkommen weiterhin gebrauche bitte ich nochmals um baldige Zusendung derselben

Da ist sie wieder, Ernst eigene Schreibweise. Ein langer Satz ohne Punkt und fast ohne Komma.

Also, er will seine Urkunden zurück UND die Genehmigungsurkunde zur Heirat. geheiratet hat er aber schon. Leider fehlen in der Akte sowohl das Antwortschreiben vom 22.11.1935, als auch die Urkunde selbst.

Ob der Vollständigkeit halber oder weil man eine Heirat ohne vorhandene Urkunde überraschend fand, der Sachbearbeiter (Eingang des Schreibens am 24.1.), notiert auf dem Dokument: „Beantworten u Wann geheiratet“.

Es dauert nochmals einen ganzen Monat, bis Ernst endlich seine und Katharinas Urkunden zurück erhält:

Anliegend werden Ihnen die übersandten Urkunden zurückgesandt.

Die Genehmigungsurkunde des Reichsführers-SS ist noch in Bearbeitung. Nach Fertigstellung wird Ihnen dieselbe unmittelbar zugesandt.

Aber wann sie geheiratet haben, dazu steht nichts in der Akte.

Andreas Winter schaltet sich ein

Ernst hat also endlich alle erforderlichen Unterlagen und Nachweise eingereicht und das RuSHA hat diese (Eingangsstempel 12.11.) erhalten. Und dann passiert erstmal nichts.

Also schreibt er wieder:

Bitte den Chef des Rasse u. Siedlungs-Hauptamts folgsamst unterbreiten zu dürfen.

Unterzeichneter SS Unterscharführer Ernst Maier SS No. 58648, seit 2 Jahren Zollangestellter habe am 16. Okt. d.J. Meine vom SS-Schulungsleiter geprüften vorschriftsmäßige ausgefüllte und belegte Ahnentafel nebst den vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchungsbogen sowie dasselbe von meiner Braut an das Rasse u. Siedlungsamt in Berlin eingesandt mit der Bitte um baldige Genehmigung zur Heirat. Vor 14 Tagen habe ich noch den vom Rasse u. Siedlungsamt angeforderten zahnärztlichen Befund eingesandt. Bis heute jedoch warte ich vergeblich auf die Genehmigung.

Ich besitze die zollamtliche Heiratsbewilligung und habe auch von dort eine Wohnung zugewiesen erhalten. Sollte meine Heirat noch weiter verzögert werden, dann würde mir diese Wohnung wieder verlustig gehen.

Da die beiden arischen Abstammungen zweifelsfrei in Ordnung sind, desgleichen unser beider Gesundheitszustand dürfte es nur an der Erledigung liegen.

Gehorsamst bitte ich um Ihre Unterstützung durch sofortige Zusendung der Bewilligung und meiner Urkunden für die Ahnentafel die ich noch weiterhin benötige übersenden zu wollen.

Nicht nur, dass Ernsts Ärger verständlich ist – er wird vom Amt hingehalten – es gibt eine Reihe von interessanten Details in diesem Schreiben:

  1. Der Brief ist vom 20.11. datiert, also 9 Tage nach dem Einsenden des zahnärztlichen Attests, nicht 14 Tage, wie Ernst behauptet.
  2. Handschriftliche Vermerke, vermutlich der Mitarbeiter im RuSHA lauten: 16/11 II // 18/11 Schuer (?) // 23.11.35 gen. – Wenn man davon ausgeht, dass der Brief tatsächlich erst am 20.11. abgesandt wurde, könnte sich dahinter ein Hinweis auf den Bearbeitungsstand verbergen. Also indem etwa am 16.11. bereits etwas entscheiden wurde, am 18.11. ein gewisser Schuer (?) auf die Sache gesehen hat und dann am 23. (nach Eingang des Schreibens, s. Stempel) dann die Genehmigung erteilt wurde.
  3. Ein weiterer handschriftlicher Vermerk lautet „Sofort“. Obwohl man das Schreiben auch durchaus als unverschämt einstufen könnte, nimmt man die Sache im RuSHA Ernst und handelt tatsächlich sehr schnell.
  4. Ernst schreibt ungewohnt förmlich („folgsamst“, „gehorsamst“) und stellenweise in altdeutscher Schrift, vgl.:

Auffällig ist die veränderte Schreibweise z.B. beim Wort „Unterscharführer“ , beim „Heil Hitler“ und sogar bei der eigenen Unterschrift.

Meine Vermutung ist, auch aufgrund der Wortwahl, die sehr viel förmlicher ist, als Ernst normalerweise schreibt, dass jemand Ernst beim Verfassen des Briefes unterstützt oder ihn dazu gedrängt hat bzw. ihm diktiert hat, was er schreiben soll. Dieser jemand könnte ein Vorgesetzter bei SS oder Zoll gewesen sein – oder sein zukünftiger Schwiegervater, Andreas Winter. Der nämlich schrieb eine Woche später dann selbst auch nach Berlin:

Dem verehrl. Rasse – & Siedlungsamt Hauptamt Berlin

Zwecks Heiratsgenehmigung für meinen z. Schwiegersohn Ernst Maier SS UScharführer mit meiner Tochter Katharina Winter, habe als Beleg für die Ausstellung meiner Ahnen-Tafel an Sie, meine mir dazu beschafften Orig. Urkunden eingesandt mit denen des genannten E. Maier. Da ich für Parteizwecke die Ahnen Tafel ebenfalls haben sollte, und Maier seine Orig. Urkunden ebenfalls benötigt, bitte ergebenst um Rücksendung unserer, Mitte Oktober eingesandten Urkunden. Dieselben wurden eingesandt unter der No. V.B. 28285. Mit verbindlichen Dank für frdl. Zusendung der Heiratsbewilligung sowie der mir noch zugehenden Original. Urkunden zeichne

Heil Hitler! Winter

Von der Wortwahl her kommt das dem Schreiben Ernst vom 20. November jedenfalls nahe.

Auch hier nochmals ein Schriftvergleich, es wird klar, dass Andreas Winter den Stammbaum (Ahnentafel) seiner Tochter ausgefüllt hat:

Dieser Andreas Winter, Steindrucker (= Lithograph), geboren in Amberg (Bayern), 1935 48 Jahre alt, war ca. 1910/11 (nach der Geburt der älteren Tochter, Margareta in Aschaffenburg) nach Grenzach gekommen. Katharina wurde 1912 bereits dort geboren.

Mit seiner ausdrucksstarken, professionellen Handschrift setzte Winter schwungvoll einen Brief an das RuSHA auf: Er hätte seine Originalurkunden gerne zurück. Da diese nun leider nicht der Akte beiliegen und auch nirgendwo erwähnt wird, was genau eingereicht wurde, kann ich nur annehmen, dass es sich bspw. um Geburts- und Heiratsurkunden gehandelt haben könnte.

Er benötigt diese für Parteizwecke? Was damit gemeint sein könnte, bleibt unklar. Auch ist nicht eindeutig, ob die Heiratsgenehmigung zwischenzeitlich erteilt wurde, oder ob er nochmals Druck machen will, die Formulierung „Mit verbindlichen Dank für frdl. Zusendung der Heiratsbewilligung“ könnte beides bedeuten.

Interessanterweise benötigt dieses Schreiben mehrere Tage, bis es abgestempelt wird (erst am 4.12.), weitere Vermerke sind nicht vorhanden.

Zum Kauen gut tauglich

Mittlerweile habe ich das Gefühl, dieses Verlobungsgesuch endet niemals. Wahrscheinlich ging es Ernst & Katharina genauso. Während ich also zwischenzeitlich schon ganz andere Spuren verfolge (u.a. im Bundesarchiv), soll es heute zunächst nochmals um Ernsts Zähne gehen.

Wir erinnern uns: In der generellen Untersuchung (durch einen nicht-Zahnarzt), wurde angegeben, dass das Gebiss nicht behandlungsbedürftig sei. Dies sah der Sachbearbeiter in Berlin im RuSHA anders und forderte ihn mit Schreiben vom 19.10. zunächst auf, sich in zahnärztliche Behandlung zu begeben. Daraufhin sendet Ernst zwar entsprechende Nachweise seiner Verlobten ein, zu sich selbst jedoch nicht.

Während Ernst am 10.11. erneut um eine beschleunigte Bearbeitung bittet (s. letzter Post), ist bereits ein weiteres Schreiben aus Berlin unterwegs zu ihm:

Das R.u.S.-Hauptamt SS ersucht sie letztmalig, entsprechend des diesseitigen Schreibens vom 19.10.35, sich sofort in zahnärztliche Behandlung zu begeben, da Ihr Gebiß behandlungsbedürftig ist. Erst nach mit Erfolg abgeschlossener Behandlung, ist ein Bericht des Zahnarztes einzureichen. Eine Erledigung Ihres Gesuches ist vorher nicht möglich.

Ernst, der ja gerade erst nochmals um schnelle Bearbeitung gebeten hatte, erhielt dieses Schreiben vermutlich am 11.11. (der andere Brief datiert vom 10.11.) und schreibt sofort wieder nach Berlin:

anbei: zahnärztliche Bescheinigung

Meine Zahnbehandlung, wurde nicht durch Herrn Dentist Hütterer wie ich in meinem letzten Zahnbefund angegeben habe, sondern mußte von unserer Krankenkasse aus, zu Zahn Dentist Bergmann, dessen Bescheinigung über erfolgte Behandlung ich hiermit beilege.

Ernsts Grammatik ist zwar auch sonst nicht einwandfrei, aber diesem Schreiben merkt man an, dass es mit heißer Nadel gestrickt wurde.

Das Attest:

Der Zahnarzt, Arthur Friedrich Bergmann, auch zu ihm habe ich inzwischen weitere Informationen gefunden, die noch aufgearbeitet werden müssen, bestätigt, dass Ernst bei ihm in Behandlung war. Wenn man es genau nehmen will, dann bestätigt er keine durchgeführte Behandlung – wie auch, innerhalb eines kurzen Besuchs.

Ernst hat das Schreiben aus Berlin erhalten, ist sofort zum Zahnarzt, hat einen Begleitbrief verfasst, diesen direkt abgeschickt und:

Am nächsten Tag waren Schreiben und Attest bereits vor Ort in Berlin!