Himmlers Verlobungs- und Heiratsbefehl (1931)

Link: https://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/German14.pdf

  1. Die SS ist ein nach besonderen Gesichtspunkten ausgewählter Verband deutscher nordisch-bestimmter Männer.
  2. Entsprechend der nationalsozialistischen Weltanschauung und in der Erkenntnis, daß die Zukunft unseres Volkes in der Auslese und Erhaltung des rassisch und erbgesundheitlich guten Blutes beruht, führe ich mit Wirkung vom 1. Januar 1932 für alle unverheirateten Angehörigen der SS die „Heiratsgenehmigung“ ein.
  3. Das erstrebte Ziel ist die erbgesundheitlich wertvolle Sippe deutscher nordisch-bestimmter Art.
  4. Die Heiratsgenehmigung wird einzig und allein nach rassischen und erbgesundheitlichen Gesichtspunkten erteilt oder verweigert.
  5. Jeder SS-Mann, der zu heiraten beabsichtigt, hat hierzu die Heiratsgenehmigung des Reichsführers SS einzuholen.
  6. SS-Angehörige, die bei Verweigerung der Heiratsgenehmigung trotzdem heiraten, werden aus der SS gestrichen; der Austritt wird ihnen freigestellt.
  7. Die sachgemäße Bearbeitung der Heiratsgesuche ist Aufgabe des „Rasseamtes“ der SS.
  8. Das Rasseamt der SS führt das „Sippenbuch der SS“, in das die Familien der SS-Angehörigen nach Erteilung der Heiratsgenehmigung oder Bejahung des Eintragungsgesuches eingetragen werden.
  9. Der Reichsführer SS, der Leiter des Rasseamtes und die Referenten dieses Amtes sind ehrenwörtlich zur Verschwiegenheit verpflichtet.
  10. Die SS ist sich darüber klar, daß sie mit diesem Befehl einen Schritt von großer Bedeutung getan hat. Spott, Hohn und Mißverstehen berühren uns nicht; die Zukunft gehört uns!
    Der Reichsführer SS
    H. Himmler

Durch Unvorsichtigkeit verdorben

Am 25. September 1935 schreibt Ernst Maier wieder – handschriftlich – an den Reichsf. SS Rasse u Siedlungsamt  in Berlin. 

Zwei Tage später, am 27.9., wird der Eingang des Schreibens durch Stempel vermerkt. 

Ernst Maier weiß jetzt schon, dass er zur Identifizierung seine VB-Nummer angeben muss (links oben).

Was war los?

da die mir vom Rasse u Siedlungsamt zugesandte Ahnentafel, durch Unvorsichtigkeit verdorben wurde, bitte ich um Zusendung einer zweiten.

Oh man.

Das RuSHA hat ihm also die notwendigen Unterlagen („Ahnentafel“) geschickt und einen Monat später muss er leider zugeben, dass er die Dokumente unsachgemäß behandelt (oder falsch ausgefüllt?) hat. Das wirft ihn jetzt natürlich zurück.

1xV6 m.A. – der Bearbeiter scheint mit der Anfrage keine Probleme zu haben, Ernst Maier erhält die Dokumente (mit Anlage) eben ein weiteres Mal:

Allerdings lässt man sich jetzt etwas Zeit. Die Antwort des bearbeitenden SS-Hauptsturmführers i.V. des Chefs des Sippenamtes der SS ist vom 2.10.1935 (ein Mittwoch) datiert. 

Allerdings-2: Man spricht im RuSHA nicht von „Oktober“, sondern von „Gilbhard“.

Andere urdeutsche Namen sind Weinmonat – dieser Name soll bereits von Karl dem Großen im 8. Jahrhundert eingeführt worden sein und weist auf den Beginn der Weinlese und der weiteren Weinverarbeitung hin – oder der altdeutsche Name Gilbhart, der sich aus gilb für die Gelbfärbung des Laubes und hart für viel zusammensetzt. Allgemein wird er wegen des Beginns der Verfärbung der Laubblätter häufig als Goldener Oktober bezeichnet. In der Jägersprache wird der Oktober auch Dachsmond genannt. (Wikipedia)

Ich habe dazu folgenden Hinweis gefunden: 

In April 1934 Darré, the Reich agriculture chief, renamed his journal Deutsche Agrarpolitik (German Agricultural Politics), the „Monthly for German Rurality,“ as Odal, the „Monthly for Blood and Soil,“ adopting Odal, the Germanized name of the o-rune, not only as title of the journal, but also its emblem. Darré also had Odal adopt the old German names of the months … (Mees, Bernhard: The Science of the Swastika, Budapest 2008, S. 206)

Zuständig für Ernst Maier ist laut diesem Schreiben die Abteilung II des Sippenamtes.

Anliegend erhalten Sie die mit Schreiben vom 27.9.35 erbetene 1 Ahnentafel.

Zollmerkblatt

Der Charakter meiner Recherche macht es möglich, überall da, wo man Interessantes vermutet, vom Weg abzugehen und sich anzuschauen, was da so rumliegt.

Heute kam per Post eine kleine, 12-seitige Broschüre hier an:

Was wird in dieser Broschüre behandelt?

Zunächst einmal beziehen sich die Anweisungen nur auf Teilnehmer und Offizielle:

Die deutsche Reichsregierung hat anläßlich der XI. Olympischen Spiele Berlin 1936 große Erleichterungen für die Einreise der Teilnehmer und Offiziellen nach Deutschland (sic!) verfügt. Sämtliche deutschen Zollämter haben Anweisung erhalten, nicht nur diese Erleichterungen großzügig durchzuführen, sondern allen Gästen behilflich zu sein. Bei der Einreise nach Deutschland werden den Teilnehmern an den XI. Olympischen Spielen und Inhabern des mit Lichtbild und laufender Nummer versehenen Ausweises die folgenden Erleichterungen gewährt.

Welche Erleichterungen waren das?

  1. Zollerleichterungen: Gepäck zum persönlichen Gebraucht, inklusive Lebensmitteln, Tabak, Arzneimittel und Massagestoffe (?) sowie Sportgeräte konnten zollfrei eingeführt werden. 
  2. Zollabfertigung: Großes Reisegepäck und Mannschaftsgepäck wurde erst im Olympischen Dorf bzw. in einem der „Olympia-Zollämter“ „im Beisein des Mannschaftsführers“ und nicht bereits an der Grenze kontrolliert. Pferde und Boote wurden direkt an den Sportstätten (in Spandau, Grünau bzw. Kiel) kontrolliert.

Weiterhin wurden Anweisungen in Bezug auf Devisen gemacht und diese waren vergleichsweise streng:

Deutsche Zahlungsmittel in Noten und Münzen dürfen bis zum Betrage von RM 30.- eingeführt werden. Dieser Betrag ist aber nur zum Verbrauch im Inlande bestimmt und darf daher nicht wieder ausgeführt werden.

Wertpapiere, ausländische Zahlungsmittel und deutsches Münzgeld dürfen nur im Rahmen der freien Grenze von RM 10.- im Monat aus Deutschland ausgeführt werden. Reichsbanknoten und deutsche Goldmünzen dürfen überhaupt nicht ausgeführt werden.

Soweit, so strikt.

Diese Bestimmungen scheinen jedoch nur für Deutsche gegolten zu haben (auch wenn diese wohl kaum als Gäste zur Olympiade anreisten?), denn für Ausländer wurden weitere Angaben gemacht:

Ausländer können jedoch die von ihnen mitgebrachten Zahlungsmittel (ausgenommen deutsche Reichsbanknoten) bei der Wiederausreise ungehindert wieder mitnehmen, wenn sie sich bei der Einreise an der Grenze über die mitgeführten Zahlungsmittel usw. eine Grenzbescheinigung ausstellen lassen.

An wen richtete sich diese auf deutsch verfasste Broschüre eigentlich? 

Ich dachte zuerst, es sei eine Art Dienstanweisung. Die Zollangestellten müsste man ja aber nicht daran erinnern, eine Grenzbescheinigung zu beantragen, oder?

Waffen durften unter Vorlage eines „Olympia-Ausweises (Identity-card)“ eingeführt werden.

Pferde mussten amtstierärztlich untersucht werden. Die Blutuntersuchung findet in den Stallungen in Ruhleben statt. […] Die Pferde müssen Deutschland innerhalb vier Wochen nach Schluß der Olympischen Spiele wieder verlassen.

Und zu guter Letzt: Autos

Zur Erleichterung der Einreise von Ausländern in Kraftfahrzeugen zu den Olympischen Spielen werden von allen Grenzzollstellen auf mündlichen Antrag besondere Olympia-Zollvermerkscheine ausgegeben. Ausländische Reisende, die ein ausländisches Personenkraftfahrzeug […] einbringen und keinen Zollpassierschein (Triptyk, Carnet de passage) besitzen, dagegen im Besitz eines gültigen Reisepasses sind, können auch wenn sie nicht im Besitz eines Olympia-Ausweises oder einer Olympia-Besucherkarte sind, diesen Zollvermerkschein beantragen. […] Der Olympia-Zollvermerkschein berechtigt zur einmaligen Ein- und Ausreise und kostet eine Gebühr von RM 1.-. 

Verwirrend.

Also jeder ausländische Besucher kann an der Grenze einen Zollvermerkschein bekommen. Wenn ich aber mit meinem eigenen Auto anreise, brauche ich dafür einen Zollpassierschein. Wenn ich einen gültigen Reisepass habe (wie sonst kann ich einreisen?), kann ich für mein Auto auch einen Zollvermerkschein bekommen. Ich muss dafür nicht nachweisen, dass ich wirklich zu Olympia nach Berlin fahre. 

Letzte Bestimmung:

Aha. Ausländische Autos durften als bis dahin mit lediglich 20 Litern im Tank einreisen. Da stellt sich mir natürlich gleich die Frage, was hatten Autos überhaupt für einen Verbrauch damals?

Ein schnell gegoogleter Artikel in der Welt informiert:

Äußerlich unterschied sich der Mercedes-Benz 260 D nicht vom Benziner-Modell 230, das seit 1936 gebaut wurde. Unter der imposanten Haube sah es freilich anders aus. Der Diesel hatte knapp 2600 Kubikzentimeter Hubraum und vier Zylinder. Das reichte für 45 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 97 Stundenkilometern.

Der Benziner hatte weniger Hubraum, zehn Pferdestärken mehr, und er brachte ein damals beachtliches Spitzentempo von 110 Stundenkilometern zustande. Dafür schnitt der Diesel in der Frage der Wirtschaftlichkeit eindeutig besser ab: Er kam mit 9,5 Litern des vergleichsweise preiswerten Dieselöls auf 100 Kilometern aus, während der Benziner 16 Liter Treibstoff schluckte.

Mit den 20 Litern wäre mal also bis zur nächsten Tankstelle nach der Grenze gekommen.

Wen will er eigentlich heiraten?

Ihr erinnert euch, dass der Eingangsstempel (oder vielleicht auch Bearbeitungsstempel oder sogar Ausgangsstempel) des RuSHA in Berlin (!) vom 28. August 1935 datiert.

Dann fehlt ein Schritt. Oder besser, es fehlt die Antwort. Das nächste datierte Blatt in der Akte stammt wiederum von Ernst Maier:

Auf die Gefahr hin, dass das ewige Akten-Sezieren langweilig wird, auch hier liegt wieder ein ausgesprochen aufschlussreiches Dokument vor, dass im Detail analysiert werden will.

Zunächst einmal handelt es sich um einen Vordruck, den Ernst Maier also auf irgendeinem Wege erhalten haben muss. Seiner Angabe nach füllt er den Fragebogen am 30. August 35 aus. Das sind verdammt kurze Postwege…

Auf dem Vordruck sind mehrere Stempel:

  1. Die V.B.-Nummer 28285 – diese diente der Kennzeichnung des Vorgangs, sie taucht auf fast allen Dokumenten in der Akte auf
  2. Ein Stempel am Kopf des Blattes, datiert 3.IX.1935 – nehmen wir einmal an, dass der 30.8. (ein Freitag) tatsächlich der Tag war, an dem Ernst Maier den Fragebogen ausfüllte, dann war dieser wiederum am folgenden Dienstag in Berlin.
  3. Ein Stempel am Fuß des Blattes:

Mit Ausnahme der offensichtlichen Angabe z.d.A., zu den Akten, nicht angekreuzt, ist für mich hier lediglich das Postausgangsdatum entschlüsselbar. Was sich hinter den weiteren Möglichkeiten verbirgt, keine Ahnung.

Vor-adressiert ist der Fragebogen an den Reichsführer SS (Heinrich Himmler), der demnach am Tirpitz-Ufer 78 in Berlin W. 35 saß. Das Tirpitz-Ufer heißt heute Reichpitschufer und in der Nummer 76-78 befindet sich das Bundesverteidigungsministerium.

Im Jahr 1935 war in diesem Gebäude u.a. die Heeresleitung untergebracht. Zur Geschichte des Gebäudes hat das BMVG eine kleine Dokumentation erstellt, die man hier downloaden kann.

Ich finde bisher keinen Hinweis, der Himmler mit der Adresse verbindet. Der offizielle Sitz der SS war auf dem Prinz-Albrecht-Gelände, im ehemaligen Hotel „Prinz Albrecht“ (Wikipedia), wo sich heute die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ befindet.

Der Unterzeichnete bittet um Uebersendung der Vordrucke zu einem Verlobungs-Heirats-Gesuch und teilt nachstehende 6 Postanschriften mit

Man hatte Ernst Maier vermutlich darauf hingewiesen, dass ein Antrag förmlich zu stellen sei, ein einfacher handgeschriebener Brief nicht ausreiche. 

Welche Angaben umfasste der Fragebogen?

In folgender Reihenfolge waren jeweils Namen und Anschriften folgender Personen zu nennen:

  1. Der Antragsteller. Für ihn mussten ergänzend Angaben zum Dienstgrad, die SS-Nummer, SS-Einheit und das Geburtsdatum gemacht werden.
  2. Der Vorgesetzte (Sturmführer).
  3. Jetzt erst die zukünftige Braut.
  4. Der Arzt, von dem sich die Braut (!) untersuchen lassen will.
  5. Zwei Bürgen für die Braut (!).

Es musste also lediglich für die Braut gebürgt werden und auch nur sie musste sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Ich werde mich in einem der nächsten Posts damit befassen, wieso eine Heirat für SS-Angehörige überhaupt genehmigungspflichtig war und welche Anforderungen gestellt wurden. An dieser Stelle vorweg die Information, dass man für den zukünftigen Ehemann, als SS-Angehöriger, davon ausging, dass die Anforderungen erfüllt wurden:

Für die Unterscheidung zwischen „SS-geeigneten“ und unbrauchbaren Bewerbern gab es bis 1931 nur wenige feste Kriterien. Julius Schreck hatte 1925 in den ersten „Richtlinien zur Aufstellung von ,Schutzstaffeln‘“ vorgegeben, dass SS-Männer zwischen 23 und 35 Jahre alt, gesund, kräftig und politisch wie persönlich zuverlässig zu sein hatten. Letzteres war durch zwei Bürgen zu bestätigen, von denen einer zu den „maßgeblichen Personen“ der NSDAP-Ortsgruppe gehören musste… (Hein, Bastian: Himmlers Orden – Das Auslese- und Beitrittsverfahren der Allgemeinen SS, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2011, Heft 2, S. 263-280, S. 270, Link)

Folgende Angaben machte Ernst Maier:

  1.  Ernst Maier, Grenzach (Baden), Hauptstraße No. 3, U-Scharführer, SS-   Nr. 58640, SS-Einheit Ref. 2/65 (!), Geburtsdatum 6.2.1901. 
  2.  m.d.F.b. Fürst (?) SS Ob. Sturmf., Weil a/R
  3.  Katharina Winter, Grenzach, Bäumleweg No. 2 (Baden)
  4.  Dr. Friedrich Pitsch (prakt. Arzt), Grenzach, Rheinstraße No. %
  5.  SS U-Scharführer Karl Dimzer, Grenzach (Hauptstraße No. % ?                 SS U-Scharführer Friedrich Huck, Grenzach (Rathaus II. Stock
  6.  Erfolgt kirchliche Trauung? – ja – 
  7.  Nach welcher Konfession? – kath –
  8.  Welcher Konfession ist der Antragsteller? – kath – die Braut? – kath –   Als Konfession wird auch außer den herkömmlichen jedes andere gottgläubige Bekenntnis angesehen)

Unterschrift, Dienstgrad etc. Auch hier gibt Ernst Maier wieder die Einheit Ref. 2/65 an. Und das ist irgendwie einleuchtender, als seine vorherige Angabe 2/62 – zumindest, wenn man den Angaben im „Forum der Wehrmacht“ folgt. Dort sind folgende Informationen zu finden:

65. SS-Standarte, Aufstellungsdatum: 15.07.1933, Sitz: Lahr/Baden

Im I.Sturmbann, stationiert in Freiburg, findet sich der Sturm  2/65, der bis 1941 von Kaiser, Karl geführt wurde.

Während ich so darüber nachdenke, fällt es mir plötzlich auf: Das heißt natürlich ReS, Reserve, Reserve-Sturm. 

Ein SS-Sturm umfasste bis Oktober 1934 drei Trupps unter der Führung eines SS-Sturmführers. Er umfasste zwischen 70 und 120 Mann und bestand aus einem aktiven Teil und einer Reserveeinheit. (Wikipedia)

Ich habe den alten f-s Fehler gemacht. Oh man.

Fassen wir zusammen: Ernst Maier war also Mitglied im Reserve-Sturmbann 2/65? Im „Forum der Wehrmacht“ hat die 65. SS-Standarte jedoch nur einen Reserve-Sturmbann. 

Ich brauche hierfür „richtige“ Literatur.

Zum Abschluss: Wir haben durch diesen Fragebogen 5 neue Personen kennen gelernt, die es als nächstes zu untersuchen gilt: Den Vorgesetzten, den Arzt, die Zeugen und natürlich die zukünftige Braut. 

Die zur Heirat benötigten Papiere

Die mir vorliegende Akte aus dem Bundesarchiv, die den Briefwechsel zum Verlobungs- und Heiratsgesuch Ernst Maiers enthält, wurde mir leider nicht in der richtigen Reihenfolge der Dokumente übermittelt. Es ist also zusätzliche Detektivarbeit notwendig, um die Ereignisse in chronologisch Ordnung zu bringen.

Alles beginnt mit dem Schreiben, das ich im letzten Beitrag bereits zitiert habe: Ernst Maier, SS-Unterscharführer bitte per handschriftlichem Brief um die Zusendung der zur Heirat benötigten Papiere. Er richtet diese Bitte an das Rasse- und Siedlingshauptamt in Berlin, kein konkreter Ansprechpartner. 

Welche Angaben macht Ernst Maier?

Da ist zunächst seine SS-Identität:

Maier Ernst, SS U-Scharführer, Ref. Sturm 2/62, SS Mitglied 58640, Mitglied No. 359390

Die Einordnung der NSDAP-Mitgliedsnummer und die daraus ableitbaren Informationen habe ich bereits ausführlich beschrieben. Auch die SS-Nummer sowie die Angabe zur Einheit, die Ernst Maier macht, sind ausgesprochen aufschlussreich.

An dieser Stelle ein Hinweis: Im Zuge meiner Recherche sind mir schon einige Websites zweifelhafter Gesinnung unter gekommen, die jedoch sehr aufschlussreiche Informationen liefern. Ich werde diese, wenn sie mir seltsam vorkommen, daher nicht direkt als Link zitieren, sondern nur auf sie verweisen.

Der erste solche Hinweis kommt aus dem „Forum der Wehrmacht“, in dem ein Nutzer zur 62. SS-Standarte folgende Angaben macht:

  1. 62. SS-Standarte, Aufstellungsdatum: 09.11.1933, Sitz: Karlsruhe/Baden
  2. Im Sommer 1935 hatte die 62. SS-Standarte demnach eine Stärke von 1940 Mann

Aus Wikipedia: Der Standarte stand in der Regel ein SS-Standartenführer vor, sie umfasste 3–4 Sturmbanne und hatte eine Normalpersonalstärke von 1000 bis 3000 Mann. Der Standarte entsprach beim Heer das Regiment. Die Sturmbanne I–III wurde aus dem aktiven Mitgliederbestand gebildet, der Sturmbann IV galt als Reserveverband.

https://de.wikipedia.org/wiki/Organisationsstruktur_der_SS#/media/File:Organisationsstruktur_der_Schutzstaffel_und_der_Polizei_im_Deutschen_Reich_1941.svg

Die nächst kleinere Einheit nach dem Sturm ist also der sog. Sturmbann. Hierzu fehlt mir aktuell (noch) das Wissen, um aus Ernst Maiers Angabe Ref. Sturm darauf schließen zu können, welchem der 3 Sturmbanne sein Sturm angehörte.

Aus Wikipedia: Die Bezeichnung stammt aus der SA und wurde in den übrigen NS-Organisationen übernommen. Der Sturmbann war dem Bataillon im Heer vergleichbar, konnte aus drei bis fünf Stürmen bestehen und hatte eine Personalstärke von 250 bis 600 Mann.

Im „Forum der Wehrmacht“ ist sowohl für den I. wie für den II. Sturmbann ein Sturm 2/62 verzeichnet. Die zugehörigen Sturmführer sind:

  1. Franken, Hermann und Burkart, Willy
  2. Sader, Oskar

Der Name „Hermann Franken“ lässt sich leider SEHR schwer googlen, zu Oskar Sader liefert das „Axis History Forum“ die Angabe, dass er 1896 geboren sei. Ein interessantes Fundstück ist die hier verlinkte SS-Dienstalterliste, Stand vom Oktober 1934. Hier sind sowohl Franken (NSDAP-Mitglied Nr. 288250), als auch Sader (NSDAP-Mitglied Nr. 552588) zu finden. Down the rabbit hole…

Ich lasse das Thema erstmal ruhen und widme mich zunächst den anderen Angaben im Schreiben Ernst Maiers an das RuSHA:

Ernst Maier war U(nter)-Scharführer der SS.

Aus Wikipedia: Der SS-Unterscharführer (kurz: Uscha; Ansprache: Unterscharführer) war im Deutschen Reich von 1934 bis 1945 der niedrigste Rang der Dienstgradgruppe der Unteroffiziere ohne Portepee der Schutzstaffel (SS). […] In der Allgemeinen SS war der Unterscharführer typischerweise Führer einer Teileinheit von sieben bis fünfzehn SS-Männern.

Aktuell ist mir nichts dazu bekannt, wann und wieso Ernst Maier befördert wurde und wo seine Schar angesiedelt war. Es steht damit allerdings fest, dass er es seit seinem Wechsel von der SA zur SS 1932 immerhin einige Stufen nach oben geschafft hatte.

Angabe Nummer 2 – die Adresse. 

Ernst Maier lebte im August 1935 in der Hauptstraße 3 in Grenzach, Baden. Vorausgesetzt, die Straßenbezeichnung hat sich seither nicht geändert, lag seine Wohnung damit in einem Privathaus in unmittelbarer Nähe zum Rathaus Grenzach. Dass der Weg zum Zoll damit etwas länger war, habe ich schon beschrieben.

Angabe Nummer 3 – V.B. No. 28285

Das ist – auch hier dient als Quelle wieder das „Forum der Wehrmacht“ – die sog. „Versicherungsbestätigungsnummer“. Aus meiner vorangegangenen Recherche zur „Hilfskasse“ schließe ich darauf, dass es sich um seine dortige Mitgliedsnummer handelt.

Angebracht wurde die V.B.-Nummer per Stempel, vermutlich zeitgleich mit dem Eingangsstempel des RuSHA. Ernst Maiers Schreiben hatte es innerhalb von 6 Tagen (der 22.8. war ein Donnerstag, der 28.8 ein Mittwoch) von Grenzach nach Berlin geschafft. 

Ernst Maier will heiraten

Die zweite Akte, die mir durch das Bundesarchiv zugesandt wurde, umfasst fast 60 Seiten, ein unglaublicher Dokumenten-Schatz!

Es handelt sich um einen umfangreichen Vorgang zu einem sog. Verlobungs- und Heiratsgesuch beim Rasse- und Siedlungshauptamt der SS.

Ich werde die Akte natürlich in allen Einzelheiten auseinander nehmen und die Ereignisse so gut mir möglich schildern, einordnen und besprechen. Das wird eine Weile dauern. Nicht nur ist die Akte wirklich umfangreich, es gibt vor allem viele unterschiedliche Formulare, eine große Anzahl an Handschriften und handelnden Personen. 

Um den Spannungsrahmen also nicht unnötig hoch zu halten, vorneweg eine Zusammenfassung der Ereignisse, wie sie sich in der Korrespondenz abbilden. Interpretationen und ergänzende Hinweise folgen dann nach und nach.

Am 22. August 1935 schreibt Ernst Maier an das Rassen u Siedlungsamt (sic!) in Berlin:

SS U-Scharführer Maier bittet das Rassen und Siedlungsamt, für die zur Heirat benötigten Papiere, um Auskunft! Sowohl auch die dazu benötigten Formulare zur ärztlichen Untersuchung

Mit deutschem Gruß (Heil Hitler!)

Ernst Maier möchte heiraten und benötigt als SS-Angehöriger dazu eine Genehmigung durch die SS. Sowohl er als auch seine zukünftige Ehefrau müssen dazu u.a. ihre Abstammung nachweisen, Auskunft zu ihrem Gesundheitszustand geben und ausführliche Erklärungen zu ihrem Lebenslauf machen.

Das Verfahren zieht sich etwas hin (ehrlich gesagt nicht besonders lange, wenn man an Behördengänge 2018 denkt), zu lange für Ernst Maier, dem der zukünftige Schwiegervater im Nacken sitzt und dem als verheiratetem Zollangestellten eine Dienstwohnung in Aussicht gestellt wurde. Es müssen zusätzliche medizinische Untersuchungen nachgewiesen werden, die Drohung, keine Genehmigung zu erhalten steht im Raum.

Am 22.11.1935 erhält Ernst Maier dann die offizielle Genehmigung und heiratet am 30.11. umgehend. Und dann kämpfen er – und sein Schwiegervater – darum, ihre eingereichten Unterlagen zurück zu bekommen.

Womit ich mich befassen werde: Ahnentafeln. Privatsphäre vs. „Rassenhygiene“. Wie lange braucht die Post 1935 eigentlich? Und natürlich Timelines: Ernst Maier beginnt seinen Dienst in Grenzach im Dezember 1934 und schon 8 Monate später hat er eine schwangere Verlobte…

Kontext zum Zoll in Grenzach

Der Zoll war für uns Kinder irgendwie immer einfach da. Es gab gewisse Regeln, an die man sich eben halten musste (langsamer und hintereinander in einer Reihe fahren, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs war, die Zöllner nicht zu genau anschauen, sonst halten sie dich an und dann braucht man länger, den Kaffee ganz nach unten in den Rucksack stecken) aber alles in allem keine große Sache, so ein Grenzübertritt.

Ich wurde bewusst, nur zweimal kontrolliert – und das erst als ich bereits selbst Auto fahren durfte und so ein ganz bestimmter Typ, von mir liebevoll „der Kampfzwerg“ genannt, weil er im Gegensatz zu den anderen Zollangestellten in voller Einsatzmontur an der Grenze wachte, es irgendwie nicht in den Kopf bekam, dass ich alt genug war, dass das Auto meins war und dass ich wirklich nur zum Training fuhr. Zweimal – und ich erinnere mich daran. So besonders war das.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grenzverlauf_CH_D.png#/media/File:Grenzverlauf_CH_D.png

Und dann waren da die Geschichten, die man uns erzählt hat, von der Uroma, die den Zucker unter ihren Röcken im Weidling über den Rhein geschmuggelt hat. Oder von dem einen Typen und dem anderen auch, die schon wieder mit Gras erwischt wurden und beim dritten Mal kriegt man dann richtig Stress. 

Und es gab und gibt die Sprüche und Verhalten, die uns ganz selbstverständlich waren und sind, die Grenzsteine von denen man so schön runter springen kann, den Fahrradweg durch den Wald, den man eigentlich nur tagsüber nehmen darf und natürlich immer das Schweizer Geld im Geldbeutel und den Umrechnungskurs im Kopf.

Und dann geht man weg und dann kommen die komischen Fragen: „Seid ihr denn manchmal nach Basel gegangen, als du klein warst?“ „Verstehst du die Schweizer eigentlich?“ Und der Klassiker: „Wie heißt dein Ort? Ah, Grenzach, wegen Grenze, oder?“ 

Ja, wir waren ständig in Basel, denn Basel ist wirklich nur ein paar Minuten weg von zuhause. Natürlich verstehen wir die Schweizer, auch wenn sie manchmal denken, sie müssten mit uns „Hochdeutsch“ sprechen, weil sie halt doch hören, dass wir von der anderen Seite der Grenze kommen. Und nein, Grenzach heißt nicht so wegen der Grenze: Die römische Niederlassung hieß Carantiacum (Gut des Carantius). Aus diesem Namen ging der heutige Teilortname Grenzach hervor. (Wikipedia)

Also ja, sie ist allgegenwärtig, auch heute noch, klar, auch wenn wir sie so nicht wirklich wahrnehmen, die Grenze. Es gibt mittlerweile eine grenzüberschreitende Buslinie mitten durch den Ort, Grenzacher Supermärkte sind an den Bedürfnissen ihrer Schweizer Kunden ausgerichtet und gefühlt jeder Zweite arbeitet „in Basel“.

Das war mal anders.

Bereits im Ersten Weltkrieg war die strategische Bedeutung der engen Grenzverläufe und des über den Rhein hinaus reichenden Schweizer Territoriums von allen Seiten erkannt worden:

Um 2 Uhr am 1. August 1914 schließlich begann man auch in Basel den Krieg zu spüren. Die Grenzen wurden geschlossen. Schweizer Kinder durften nicht mehr mit französischen Kindern spielen. Ausländische Feriengäste reisten aus den Basler Hotels ab, und selbst wohlhabende Urlauber mussten zu Fuß zum nächsten Grenzbahnhof laufen. Ihr Geld wurde nicht mehr akzeptiert.

Ein bemerkenswerter Teil der damals 220 000 Schweizer Soldaten bezog innerhalb weniger Tage in Basel Posten, speziell am Badischen Bahnhof. Man befürchtete, die Deutschen könnten den Bahnhof besetzen und als Brückenkopf für einen Angriff nutzen. Damit wäre die Schweiz gezwungen gewesen, ihre Neutralität aufzugeben und sich am Krieg zu beteiligen. Mit der Präsenz signalisierte man den möglichen Feinden Frankreich und Deutschland Kampfbereitschaft.

Man versuchte die beiden Nationen gegeneinander auszuspielen und gab vor, im Falle eines Übergriffs auf der Seite der jeweiligen anderen Nation zu stehen. Inwieweit diese Taktik von Frankreich und Deutschland ernst genommen wurde, kann man schwer feststellen, schließlich hätten die Schweizer im Ernstfall lediglich für drei Tage Munition gehabt […].

Zu Anfang des Krieges passierte viel, danach bis zum Ende kaum noch etwas. Basel war die einzige Schweizer Stadt, die den Krieg aufgrund der 30 bis 40 Kilometer entfernten Front im Elsass auch als akustisches und visuelles Ereignis erlebte. (Weiler Zeitung)

Als Ernst Maier nach Grenzach kam, hatte die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz an Bedeutung noch zugenommen und es ist wenig verwunderlich, dass man dort Personal benötigte:

Ab dem 14.12.1934 durfte die Grenze nur noch auf „amtlich anerkannten Zollstrassen“ passiert werden. Ab dem 1.1.1935 traf es den kleinen Grenzverkehr. Die von der badischen Bevölkerung genutzen [sic!] Feld- und Waldwege wurden entweder gesperrt oder erhielten ein enges Zeitfenster, in dem sie genutzt werden konnten. Mit Kriegsbeginn 1939 war die Grenze nur mit einem Visum passierbar. Für den kleinen Grenzverkehr benötigte man die „blaue Grenzkarte“, die sehr schwer zu bekommen war. (Musée Sentimentale)

Seite aus dem Pass von Selma Grether (1936) mit Dauerbewilligung zum Grenzübertritt

Wenn die Grenzacher des Jahres 1934 es ähnlich genau mit diesen Sperrzeiten nahmen, wie die Grenzach-Wyhlener der 1990er und 2000er, dann änderte sich im Leben der lokalen Bevölkerung vermutlich erstmal nicht allzu viel.

Anders sah das für diejenigen aus, die an die Grenze kamen, um aus Deutschland heraus zu kommen. Hier ist insbesondere die strategische Relevanz des Badischen Bahnhofs in Basel, der zwar auf Schweizer Gebiet liegt, innerhalb dessen Gebäuden jedoch nominell Deutschland bzw. damals das Deutsch Reich liegt:

Hier werden Informationen ausgetauscht und Sabotageakte verabredet. Im Umfeld des Bahnhofes tummeln sich Agenten und Devisenschieber, Flüchtende und Fluchthelfer, Widerständler und Schmuggler. Es ist aber auch zu verlockend: Zum Beispiel stehen auf den Bahnsteigen Kästen der Schweizer Post. Von hier können Briefe ins Ausland verschickt werden, die kein deutscher Polizist je kontrolliert oder einkassiert. Und so werden bei einem kurzen Stopp regelmäßig Briefumschläge mit Geld, adressiert an Gewährsleute in der Schweiz, eingeworfen. Der deutschen Polizei sind die Hände gebunden, sie haben keine Befugnisse, Schweizer Briefkästen zu öffnen. Erst 1940 werden die Briefkästen abgebaut. Ebenso wenig können sie verhindern, dass deutsche Bahnreisende sich am Kiosk mit internationalen Zeitungen eindecken – unter den Augen der deutschen Polizei, die nicht einschreiten darf.

Auf den Bahnsteigen können sich deutsche Reisende, die auf einer Inlandsfahrt umsteigen, frei bewegen. Ebenso wie Menschen, die auf einen internationalen Zug warten. Ideale Bedingungen für konspirative Verabredungen. Regelmäßig legen Widerstandsgruppen nachts Flugschriften in die Waggons, die ins Reich fahren, Züge für Truppentransporte hängen auf Abstellgleisen fest, deren Weichen nicht mehr funktionieren. Auf den Bahnsteigen gilt deutsche Sommerzeit, in der Schalterhalle die mitteleuropäische Zeit. […]

Der jüdische Kommunist Kurt Seliger schildert in seinen Erinnerungen, wie ihm die Flucht in die Schweiz gelang. „Es war der 27. November 1938. Wir standen sehr zeitig auf, lösten für 0,20 Reichsmark je eine Fahrkarte, Personenzug 3. Klasse, Weil (Rhein) Basel DRB, Nr. 5992 – ich besitze sie noch heute. (…) Wir verliessen den Waggon und gingen, wie uns geraten worden war, in Fahrtrichtung weiter. Ich war der letzte. Nach einiger Zeit hörte ich hinter mir Rufe: Hallo, wohin gehen Sie! Bleiben Sie stehen! Wir blieben natürlich nicht stehen, sondern begannen zu laufen.“ Seliger schafft es bis zum Begrenzungszaun und springt hinüber – in die Schweiz. Freilich gelingen nicht alle Fluchtversuche, die hier unternommen werden. (Badische Zeitung)

Spätestens 1942 war es damit vorbei: Das Deutsche Reich schloss die Grenzen. In Grenzach und Umgebung wurde ein Stacheldraht errichtet, der die Flucht über die Felder unterbinden sollte. Dass eine Flucht trotzdem gelingen konnte, wenn man es über die „Grüne Grenze“ versuchte, schildert die anonyme Interviewpartnerin B.B. hier. Ihrer Erinnerung zufolge patrouillierten im November 1942 auf dem sog. Neufeld, an der nördlichen Grenze zur Schweiz, von Grenzach aus gesehen, Soldaten:

Auf dem Hügel stand ein deutscher Soldat und ich verwickelte ihn in ein Gespräch. Es war eine nette Unterhaltung. In diesem Moment war ich erstaunlich ruhig und fragte ihn, wo die Schweiz sei? Er meinte, dass ich mich in dieser Gegend überhaupt nicht aufhalten dürfte. Er zeigte mir trotzdem die Richtung in die Schweiz zum Zollhaus. Ich sagte ihm, dass ich noch Äpfel von den Bäumen unten am Hang pflücken wolle und machte mich auf den Weg dorthin. Weiter unten, stieß ich auf den nächsten Soldaten. Es war ein kleiner und bös wirkender Mann. Er erinnerte mich an einen Zwerg. Ich sagte ihm, dass ich schon von seinem Kollegen oberhalb des Hügels kontrolliert wurde und somit wollte er nicht einmal mehr meine Papiere ansehen und lies mich weitergehen.

https://www.badische-zeitung.de/loerrach/1942-kilometerweise-stacheldraht-im-dreilaendereck–111949045.html

Literaturhinweis: Fast täglich kamen Flüchtlinge

Intermezzo 1934

Er hatte auf das richtige Pferd gesetzt, als er sich 1929 (oder 1930?) dazu entschied, bei dieser nicht-mehr-ganz-so-neuen aber immer noch aufregend-neuen Bewegung mitzumachen. Und es sei der Hinweis erlaubt, dass da unten bei uns und erst recht da hinten im Wiesental, virale Ereignisse nicht ganz so schnell ankamen, wie das in den Großstädten und Universitätsstädten des Reichs der Fall gewesen sein mag.

Trat er aus Langeweile bei? War er wirklich überzeugt davon, dass es sich bei der NSDAP um die einzig deutschdenkende Partei handelte? Und was hat ihn zu diesem Schluss geführt? Hatte er sein Glück zuvor bei anderen Parteien versucht, oder war das eben so ein Gefühl, wie es so oder so ähnlich heute scheinbar auch wieder viele Unzufriedene haben? Dass da mal einer denen da oben Bescheid geben muss, weil es so ja nicht weiter gehen kann und so weiter und so fort. Hat ihn jemand überzeugt, komm doch mal mit? Oder brauchte irgend jemand lediglich noch eine weitere Unterschrift, so dass er halt  im Herbst 1929 als sechster Mitbegründer der N.S.D.A.P. Ortsgruppe Zoll i/W  aktiv wurde?

Welche Gründe es gewesen sein mögen, wird sich aus der Distanz vermutlich nicht mehr feststellen lassen – es sei denn, es tauchen noch weitere Quellen auf und selbst dann bleibt doch immer die Unsicherheit der nachträglichen Interpretation. Das alte Gebot, dass wir eben aufgrund dessen, dass wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, nicht darauf schließen dürfen, wie diejenigen, die das nicht wissen konnten, gehandelt haben, es wird sich nicht auflösen lassen.

Er hatte jedenfalls, so oder so, auf das richtige Pferd gesetzt.

Nicht nur für die NSDAP ging es in den Jahren nach 1930 bergauf, auch für Ernst Maier sollten bald schon bessere Zeiten anbrechen und es ist schwer von der Hand zu weisen, dass sich für denjenigen, der dies erlebte, ein Zusammenhang zwischen beidem natürlich herstellen musste. Nicht nur subjektiv, auch rein auf Grundlage der bekannten Fakten und durch einfaches Kombinieren stellt sich ein solcher schnell her. Mit dem Aufstieg der NSDAP begann auch der (gesellschaftliche) Aufstieg Ernst Maiers.

  • Oktober 1929 (1930): Ernst Maier tritt der NSDAP und gleichzeitig der SA bei
  • 06. Oktober 1932: Ernst Maier wechselt von der SA zur SS 
  • 30. Januar 1933: Adolf Hitler,  Parteivorsitzender der NSDAP, wird zum Reichskanzler ernannt, die SA feiert diesen Anlass mit einem Fackelumzug durch Berlin
  • 23. Februar 1933: Hermann Göring gründet in seiner Funktion als kommissarischer preußischer Innenminister die preußische Hilfspolizei, die sich hauptsächlich aus SA-Mitgliedern zusammen setzt, auch in anderen Teilen des Reiches bildet sich sog. „Hilfspolizei“
  • Ernst Maier: „Nach der Machtübernahme war ich einige Zeit als Hilfspolizist tätig.“
  • 05. März 1933: Bei den sog. „letzten freien Wahlen“ erzielt die NSDAP auch aufgrund der Verfolgung von KPD und SPD die notwendige Mehrheit, um am
  • 24. März 1933 das „Ermächtigungsgesetz“ zu erlassen, wodurch sie von nun an ohne legislative Zustimmung regieren konnte
  • Im Laufe des Jahres wächst die SA auf beinahe 4 Millionen Mitglieder an
  • 07. April 1933: Aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ist es von nun an möglich, Beamte und Angestellte aufgrund ihrer jüdischen Abstammung und nicht genehmen politischen Einstellung zu entlassen. Beamte müssen fortan einen sog. „Ariernachweis“, also einen Nachweis, dass kein Großelternteil jüdisch war, erbringen.
  • Gleichzeitig werden sog. „Alte Kämpfer„, d.h. diejenigen, die der Partei vor 1933 beigetreten sind (und eine Mitgliedsnummer unter 300.000 nachweisen können) sowie Mitglieder von SA und SS, die als solche schon vor dem 30.01.1933 aktiv waren, bevorzugt befördert
  • 14. Juli 1933: Das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien wird erlassen, das alle Parteien mit Ausnahme der NSDAP für verboten erklärte
  • 02. Juli 1933: Ernst Maier wird „SS Angestellter beim Zoll (Grenzdienst)“, Hauptzollamt Waldshut (genauer: Hilfsgrenzangestellter)
  • 01. Dezember 1933: Das Gesetz zur Einheit von Partei und Staat wird erlassen und die NSDAP damit zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts erklärt
  • 01. Dezember 1933: Ernst Maiers „Ehrenamtl. Tätigkeit“ im Grenzdienst endet
  • 30. Juni 1934: Als Folge des sog. „Röhm-Putsches“ verliert die SA an Ansehen, insb. gegenüber der SS, und wird quasi bedeutungslos
  • Ernst Maier: „Nach einjähriger Grenzdienstzeit wurde ich zur Angestelltenprüfung zugelassen, wonach ich nach bestandener Prüfung auf den …
  • 01. Dezember 1934: Ernst Maier wird zum Zollgrenzangestellten befördert und nach Grenzach versetzt
  • November 1935: SS-Unterscharführer Ernst Maier ist laut eigener Aussage „seit 2 Jahren Zollangestellter“

Der Fackelzug zu Ehren des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler bewegt sich durch die Wilhelmstraße in Berlin am Abend des 30. Januar 1933.

Zur Chronologie der Machtübernahme durch die NSDAP empfehlenswert ist die Zusammenfassung von Michael Wildt auf der Seite der BPB.

Nach Grenzach

Zur Jahreswende 1934/35 wurde Ernst Maier als Zollgrenzangestellter nach Grenzach versetzt. 

In diesem Post befasse ich mich mit Grenzach ganz allgemein und 1934/35. Es sollen Einträge zum Zoll als Institution und seiner Bedeutung in der Region damals und heute und zu Ernst Maiers Karriere folgen.

Allgemein:

Grenzach-Wyhlen, wie der Ort heute seit dem Zusammenschluss zweier benachbarter Ortschaften im Zuge der Gemeindereform in Baden-Württemberg 1975 heißt, ist die am südlichsten gelegene Gemeinde Baden-Württembergs und mein Heimatort.

Dass Ernst Maier, der Vater meines Großvaters väterlicherseits, dort eine zeitlang gelebt und eine Grenzacherin geheiratet hat, ist insofern ein Familien-Zufall, da die Familie meines Großvaters mütterlicherseits seit vermutlich Jahrhunderten in Grenzach beheimatet ist. 

Das Wappen von Grenzach bis 1975

Grenzstein mit Hexagramm (Winzerstern), darüber Rebmesser, beidseitig umrankt von Weinreben.  (Wikipedia)

In Grenzach wurde und wird auch immer noch Wein angebaut. Wer es genauer wissen will, dem sei ein Artikel aus der Badischen Zeitung (BZ) vom 21.04.2016 (Autor: Erhard Richter) empfohlen. Darin erfährt man u.a., dass sich die Rebfläche von 1882 bis 1926 von 61,5 ha auf 30,5 ha [verminderte]. Von 1950 bis 1975 nahm die Zahl der Rebbesitzer von rund 150 auf gerade noch sieben ab, was vor allem mit einer regen Bautätigkeit im Rebgebiet zusammenhing.

Es gibt auch heute noch Weinberge, die das Ortsbild gestalten:

Bilder aus Grenzach 1934/35:

1934 erhielt Grenzach ein Rhein-Strandbad, das einen Hauch von Moderne ins Dorf brachte (alle folgenden Bilder habe ich auf der Seite ZeitzeugenGW gefunden).

Was man hier nur erahnen kann – die über dem Gebäude aufragende Hakenkreuzfahne – ist auf Bildern vom Maiumzug 1935 eindeutig zu erkennen:

Und auch die SA marschierte durch Grenzach (undatiert):

Zur Topographie:

Grenzach ist an drei Seiten von Schweiz umgeben, auf einer Seite sogar durch den Rhein. Als Kind fand ich das Wort „Zollgrenzbezirk“ immer lustig, aber das ist der Ort im wahrsten Sinne, die Grenze ist hier eigentlich überall. Ein guter Ort um Zöllner zu sein.

Einen Großteil des heutigen Ortes gab es 1934/35 noch nicht, im Prinzip bestand Grenzach aus dem Ortskern und ein paar Fischerhäusern am Rhein. Ernst Maier gibt 1935 als Adresse die Hauptstraße 3 an, von wo aus man heute zu Fuß etwa eine halbe Stunde bis zum Grenzposten am „Hörnli“ braucht.

Die anderen Grenzen rings um den Ort sind sog. „Grüne Grenze“, d.h. sie verlaufen mitten durch Wald und Felder. Auch diese wurde überwacht.

Aus der BZ vom 18.05.2016

Erst seit 1914 werden an Grenzen auch Menschen kontrolliert und damit auch grüne Grenzen für den Schmuggel interessant. Die Eiserne Hand, ein auf Schweizer Hoheitsgebiet liegendes Landstück, das fingerförmig nach Deutschland hineinragt, war stets dem Wandel unterworfen. Mit Stacheldraht machten die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg die Landesgrenze undurchlässig: von Weil am Rhein über den Tüllinger hinunter zu Wiese, wieder hinauf auf den Maienbühl und über Inzlingen bis nach Grenzach. Die einzige Lücke war auf dem Maienbühl, entlang des Maienbühlhofes. Deshalb spielte dieser für politische Flüchtlinge bald eine besondere Rolle. Doch die Schweizer kontrollierten diese Grenze schon bald ebenso wie jene am Badischen Bahnhof in Basel und schickten Flüchtlinge zurück.

https://www.zeitzeugengw.de/HTML_Historisches/EiserneHand.html

Beim nächsten Mal: Wie „funktionierte“ der Zoll ca. 1935?

Zum Zitieren von Wikipedia

Es sei mir verziehen.

Zum einen habe ich weder die Zeit, vor allem nicht die Zeit, leider nicht die Zeit, um mich in Bibliotheken zu verkriechen, wie ich es gerne möchte.

Außerdem fallen mir wichtige Hinweise, offene Fragen, relevante Querverweise und mögliche interessante Ergänzungen immer dann ein, wenn ich schreibe und dann brauche ich die entsprechenden Informationen schnell, bevor der Gedanken verflogen ist.

Und zu guter Letzt: Ich glaube, es fällt uns allen leichter, schnell einen Link zu klicken, als einer Literaturangabe zu folgen.

Es kommen auch wieder andere Zeiten und dann wimmelt es hier nur so vor Zitaten und Nachweisen. In dem Sinne: