Teil 3 – Korrespondenz mit der Kartei

Ernst Maier stand 1936 vor einem Dilemma: Die Unterlagen der Partei dokumentierten, dass er VOR der sog. „Machtergreifung“, schon 1932, nach nur 2 Jahren, die NSDAP wieder verlassen hatte. Das war aus mehrfacher Hinsicht ein Problem, stelle ich mir vor.

Zunächst einmal hatte er einen Großteil des zurück liegenden Jahres in regem Austausch mit dem Rasse- und Siedlungshauptamt der SS in Berlin verbracht. Sinn und Zweck dieses sich über Monate hinziehenden Austauschs war es, eine sog. Verlobungs- und Heiratsgenehmigung zu erhalten. Dies stellte sich als komplizierter und langwieriger heraus, als anfangs erwartet und zog sich inklusive der Rücksendung eingereichter Unterlagen von August 1935 bis Januar 1936 hin. In diesem Zusammenhang war die Tatsache, dass Ernst Maier Parteimitglied war, als selbstverständliche Voraussetzung angenommen worden.

Hinweis: Das Verlobungs- und Heiratsgesuch untersuche ich im Anschluss an die Korrespondenz zur Parteimitgliedschaft.

Und 1936 war wirklich ein unpassendes Jahr um NICHT Parteimitglied gut sein, ganz allgemein. Deutschland bereitete sich auf die Olympischen Spiele in Berlin vor, das Land befand sich endlich wieder in einem wirtschaftlichen Aufschwung, an allen Ecken und Enden wurde gebaut und investiert (Stichwort „Autobahn“), die Bestimmungen des Versailler Vertrags wurden Stück für Stück ausgehebelt, das Ansehen der nicht-mehr-so-neuen deutschen Regierung stieg international.

Die Nazis, so hatte es den Anschein, waren nicht so schlimm, wie man anfangs gedacht hatte. Klar, es gab jetzt eine neue Flagge und neue Bestimmungen, wer „Teil der Volksgemeinschaft“ war und wer nicht (seit dem sog. „Reichsparteitag der Freiheit“ in Nürnberg im September 1935), aber insgesamt befand man sich doch endlich wieder auf dem Weg nach oben, oder? Wie unpraktisch, ausgerechnet jetzt als einer dazustehen, der nicht durchgehalten hatte, der die Partei kurz vor ihrem großen Triumph im Stich gelassen hatte.

In den mir aktuell vorliegenden Akten ist nicht ersichtlich, welche initialen Schritte Ernst Maier unternahm. Es steht noch aus, dass ich in die Akten des Gaus Baden im Landesarchiv Baden-Württemberg sehe. Momentan kann ich daher nur nachvollziehen, was ab dem Zeitpunkt passierte, als der Fall vor dem Gaugericht in Karlsruhe lag. 

Der Bitte der Gauleitung Baden, die Streichung Ernst Maiers aus der Reichskartei zurück zu nehmen, kam man erst einmal nicht nach. Das nächste Schreiben in der vorliegenden Akte enthält leider keinen Briefkopf, dieser ist evtl. beim Kopieren verblasst. Mit den Aktenzeichen K 19 Ob/Th. 5.36 und Bl/Gr. schreibt ein unleserlicher Mitarbeiter des Reichsschatzmeisters i.A. an die Gauleitung Baden der NSDAP, z.H. des Gauschatzmeisters in Karlsruhe:

Für Aufmerksame: Der Schreiber verwendet „dass“ und nicht „daß“ (Link: Rechtschreibreform und Nationalsozialismus, Deutschlandfunk)

Trotz Beschluss des lokal zuständigen Gaugerichts, wird demnach eine Entscheidung, ob Ernst Maier (auch) wieder in der Reichskartei geführt werden kann, davon abhängig gemacht, dass er Nachweise darüber vorlegt, ob er seine Mitgliedsbeiträge im betreffenden Zeitraum pflichtgemäß gezahlt hat.

Zur Erinnerung: Nicht ausschließen möchte Falter, dass gerade in Zeiten wirtschaftlicher Not und hoher Arbeitslosigkeit auch der Mitgliedsbeitrag eine Rolle gespielt haben könnte. Die NSDAP verlangte von ihren Mitgliedern monatlich eine Reichsmark, später zwei. Zum Vergleich: Ein Landarbeiter in Pommern verdiente damals sechs Pfennig in der Stunde. (FAZ)

Ernst Maier war vor 1933 Landarbeiter in Baden. Wir wissen nicht, was er verdiente, ob es da Unterschiede zu Pommern gab, aber wir kennen seine Parteimitgliedsbeiträge. Denn die hat er – aufforderungsgemäß – offen gelegt.

Ein kurzer Exkurs zur Geschwindigkeit des Verfahrens:

Am 16. Mai ergeht der Beschluss des Gaugerichts Baden, der am 20. Mai durch die Gauleitung Baden an die Kartei-Abteilung nach München versandt wird. Der Eingang ist für den 26. Mai quittiert, die Antwort und Aufforderung zum Nachweis erfolgt am 30. Mai. Samstags wird gearbeitet.

Die nächsten Schritte sind in der Akte nicht dokumentiert, können aber rekonstruiert werden: Das Schreiben aus München tritt von Karlsruhe aus seinen Weg zu Ernst Maier an. Dieser wendet sich an seine ehemalige Ortsgruppe in Zell i.W., von wo aus man bereits vier Wochen nach Erstellung der Aufforderung, am 29.Juni, eine Auskunft zurück nach Karlsruhe schickt. Diese hat zwei Posteingangsstempel vom 10. und 11. Juli respektive und wurde bereits am 11. Juli umgehend nach München weiter geleitet, wo die Dokumente am 13. Juli beim „Einlaufamt RL“ eintreffen. Es folgt eine interne Weiterleitung am 14. Juli an das Mitgliedschaftsamt, wo sie am 21. Juli eingehen. Dort wird die Sache am 28. August 1936 abgeschlossen. 

Viel schneller, wenn überhaupt, würde ein solcher Vorgang wohl auch heute nicht ablaufen…

Zunächst zur Auskunft aus Zell: 

Der Ortsgruppenkassenleiter, der möglicherweise Mayer-mit-ay hieß (Sütterlin-Unterschriften…) bestätigt in seinem Schreiben, dass Ernst Maier-mit-ai, von Oktober 1932 bis Juni 1936 lückenlos seine Beiträge an die NSDAP geleistet hat. Puh. Grade noch mal gut gegangen.

Ab 1. Juli 1936 bezahlt Maier die Beiträge an die Ortsgruppe Grenzach.

Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits längere Zeit in Grenzach wohnhaft sein dürfte, zahlte Ernst Maier seine Mitgliedsbeiträge weiterhin in Zell – wo man von seiner Streichung aus den Karteien nichts wusste. Mithin kann der Zeitpunkt, an dem dies bekannt wurde nicht näher eingegrenzt werden, als „irgendwann im Frühjahr 1936“.

Die Auskunft aus Zell umfasst „Mitgliedsbeiträge und Hilfskassenbeiträge“, dividiert diese in der Übersicht allerdings nicht auseinander. Wenn wir den Info aus dem FAZ-Artikel folgen, betrug der Mitgliedsbeitrag 1 RM. Ernst Maier entrichtet im Oktober 1932 jedoch lediglich -.30 RM. (Was ist die kleinere Einheit von Reichsmark?)

Für die sog. Hilfskasse der NSDAP, „eine Unfall- und Haftpflichtversicherung für SA-, SS- und NSDAP-Mitglieder sowie Angehörige weiterer Gliederungen und angeschlossener Verbände, wie etwa dem NSKK“,  waren laut Wikipedia monatlich 0,30 RM fällig. (Wikipedia)

Im November und Dezember 1932 sind Beiträge von 1,30 RM und 1,15 RM vermerkt, danach über den gesamten Zeitraum 1933/34 lediglich 90 Reichspfennig (!) pro Monat. Die Vermutung, dass Ernst Maier knapp bei Kasse war, ist sicherlich nicht falsch, ich habe jedoch folgende Quelle gefunden, die darauf hindeutet, dass es sich auch um Schlamperei bzw. System handeln könnte:

ttps://tinyurl.com/ychw4lpc

Ab Januar 1935 bezahlte Ernst Maier dann 1,80 RM. Zu diesem Zeitpunkt war er evtl. schon in Grenzach, in jedem Fall hatte er einen ersten gesellschaftlichen Aufstieg geschafft: Er war seit dem 1.12.1934 Zollgrenzangestellter und verdiente nun vermutlich ausreichend, um seine Beiträge in vollem Umfang zu entrichten. (Zum beruflichen Aufstieg später mehr.)

Kommen wir zum Schluss. Diese Aufstellung aus Zell i.W., die unter der Kenn-No. 12652 Eingang in das Archiv der Reichskartei in München fand und uns über das BDC im Bundesarchiv überliefert wurde, war dort ursprünglich in Begleitung eines weitere Dokuments eingetroffen:

Auch die Ortsgruppe Grenzach hatte sich also an der Klärung der Angelegenheit beteiligt und ein Schreiben nebst „6 Beitragsmarken a RM. 1.50“ eingereicht.

Die Beitragsmarken erhielten die NSDAP-Mitglieder im Gegenzug für die entrichteten Parteibeiträge zum Einkleben in ihr Mitgliedsbuch:

https://tinyurl.com/yagfp6e5

Leider liegt das Schreiben der Ortsgruppe Grenzach nicht vor, es wurde mit den Beitragsmarken zusammen zurück geschickt. Alas, die durch Ernst Maier geleisteten Beiträge wurden lückenlos nachgewiesen, die Sache konnte beigelegt werden:

Im Hinblick auf die Sachlage und auf Befürwortung der Gauleitung ist dem Antrag stattgegeben worden. Die in der Reichskartei durchgeführte Streichung wird mit heutigem zurückgenommen und der Parteigenosse Ernst Maier bei der Ortsgruppe Grenzach als Mitglied weitergeführt. Nachdem der Genannte nunmehr Anspruch auf das Mitgliedsbuch hat, ist der Antrag nach Berücksichtigung der hierfür geltenden Bestimmungen unter Hinweis auf gegenwärtiges Schreiben mit Ihrer nächsten Sammelsendung einzureichen.

Stempel, „erledigt am 5.9.1936“.

Es bleiben Fragen:

  1. Wieso wird Ernst Maier im Schreiben der Kartei-Abteilung als „Arbeiter“ geführt?
  2. Wollte Ernst Maier ursprünglich lediglich ein (neues) Mitgliedsbuch beantragen und flog so die ganze Sache überhaupt erst auf?
  3. Wieso wollte er das zu diesem Zeitpunkt und wieso hatte er keins? (Wikipedia: Bis zu zwei Jahre konnten zwischen Aufnahmeantrag und der Aushändigung der Mitgliedskarte beziehungsweise des Mitgliedsbuches vergehen; erst dadurch wurde die Mitgliedschaft rechtskräftig.)
  4. Darüber hinaus meldet die Ortsgruppe Grenzach auch einen „Verstoss“ der Mitgliedskarte, es fehlte ihm also jeglicher Nachweis der (bestehenden) Mitgliedschaft.
  5. Handelte es sich wirklich um ein „Büroversehen irgend einer Parteidienststelle“?
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Parteibuch_der_NSDAP.jpg

Nachgereicht: Informationen zur NSDAP-Mitgliedschaft

Letzten Sonntag waren wir im NS-Dokumentationszentrum hier in München. Es war ziemlich voll und die Ausstellung ist wirklich SEHR umfangreich, so dass wir nur einen kleinen Teil wirklich aufnehmen konnten. Aufgrund dessen, dass ich mich grade mit Fragen der Parteizugehörigkeit befasse, haben mich vor allem die im obersten Stock ausgestellten Informationen zu den ersten Jahren der NSDAP als Splitterpartei in München interessiert. Hier lag seit der Gründung als „Deutsche Arbeiterpartei“ 1919 die Parteizentrale und hier befanden sich wichtige Einrichtungen der Partei wie die Reichsführung-SS und die Reichspropagandaleitung (vgl. München Wiki).

Für mich besonders interessant waren die folgenden Ausstellungsstücke:

  1. Die Mitgliedskarte Adolf Hitlers in der DAP. Er erhielt die Mitgliedsnummer 555, zu beachten ist allerdings, dass die Nummerierung bei 501 begann, er also Mitglied Nummer 54 war.

2. Ein Schnappschuss aus der Parteizentrale 1933

3. Ein Blick in die Mitgliederkartei-Büros 1937 (nach teilweiser Aussetzung des Aufnahmestopps)

4. Die Schematische Darstellung der Parteihierarchie

Teil 2 – Trat Ernst Maier aus der NSDAP aus?

Als mein Opa mir das Bild seines Vaters in der schwarzen Uniform zeigte, habe ich direkt nachgefragt. Ja, sein Vater sei in der SS gewesen, das sei ihm bekannt, sagte mein Opa. Aber er sei dann ausgetreten. Ich habe ungläubig den Kopf geschüttelt und ja, ich habe direkt gesagt, das glaube ich nicht. Konnte man aus der SS überhaupt austreten? Vermutlich ja. Wäre irgendjemand aus der SS ausgetreten? Eher sehr unwahrscheinlich. Wäre jemand aus der Partei ausgetreten? Das schon eher: Im krassen Widerspruch zum Sturm auf die Partei steht das Verhalten zahlreicher Parteigenossen der ersten Stunde, wie Jürgen Falter herausfand. Er schätzt, dass 760.000 Menschen aus der Partei wieder ausgetreten sind. […] Von denen, die sich nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler den Nationalsozialisten anschlossen, verließen […] vier Prozent wieder die Partei. Betrachtet man die Austritte genauer, so ergibt sich folgendes Bild: Ein Drittel trat vor der Machtübernahme aus, zwei Drittel danach. Mithin kehrte das Gros dem „Führer“ den Rücken, als eine Mitgliedschaft in der Staatspartei Ansehen und Pfründen versprach. Und noch zwei Überraschungen hält Falter bereit: Erstens verließen gerade die frühesten Parteigenossen reihenweise die Partei – von den 1925, 1926 und 1927 Eingetretenen mehr als zwei Drittel. Kaum anders verhielt es sich mit den Beitrittsjahren 1928 und 1929, die eine Austrittsquote von mehr als fünfzig Prozent aufweisen. (FAZ) Dem bereits zitierten FAZ-Artikel zufolge traten insbesondere frühe Parteimitglieder aus, als eine Parteimitgliedschaft mehr oder weniger beliebig geworden war, als jeder beitreten konnte. Aus ähnlichen Gründen – um die Mitläufer fern zu halten – hatte die Partei im April 1933 einen Aufnahmestopp verhängt, der zunächst bis 1937 bestand hatte und erst 1939 vollständig aufgehoben wurde. (Wikipedia) Neben den anderen im Artikel zitierten Hinweisen auf Austrittsgründe identifiziert Jürgen Falter, der Autor der dem Artikel zugrunde liegenden Studie insbesondere den Mitgliedsbeitrag: Nicht ausschließen möchte Falter, dass gerade in Zeiten wirtschaftlicher Not und hoher Arbeitslosigkeit auch der Mitgliedsbeitrag eine Rolle gespielt haben könnte. Die NSDAP verlangte von ihren Mitgliedern monatlich eine Reichsmark, später zwei. Zum Vergleich: Ein Landarbeiter in Pommern verdiente damals sechs Pfennig in der Stunde. Von 1929 bis 1933 schnellten die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Im Februar 1932 wurde die Marke von sechs Millionen Erwerbslosen überschritten. Jeder Dritte war ohne Arbeit. Wer nicht in Lohn und Brot stand und eine Familie zu ernähren hatte, musste jeden Pfennig umdrehen. Dieser Hinweis ist zur Beantwortung der Frage, ob Ernst Maier aus der NSDAP austrat entscheiden. Denn die mir vorliegende Akte aus dem Bundesarchiv (8 Blätter) befasst sich nicht nur mit ebendieser Frage, sondern damit, ob Ernst Maier seine Mitgliedsbeiträge bezahlt hat. Ein genauer Blick auf die Parteikarteikarte liefert folgende Informationen:
  1. Der Schreiber mit der Handschrift (2) macht unter dem Punkt „Ausgetreten am“ die Angabe „1.6.32 lt. [unleserlich] [unleserlich] Baden v. 1.10.34/III [unleserlich]“ sowie eine aktuell nicht zuordenbare Angabe „5/37/9“ in der rechten Spalte.
  2. Der Schreiber mit der Handschrift (3) fügt unter dem Punkt „wiedereingetr. am“ die Angabe „[unleserlich] RL/Bad. 28.8.36“ sowie weitere Angaben zu „Stand und Beruf“ (Zollang.), „Wohnort“ (Z. Gr.), „Ortsgruppe“ (Zell i.W. Grenzach) und unter „Bemerkungen“ den Hinweis „28-8-36 i. Gr“ hinzu.
  3. Der Schreiber mit der Handschrift (4) ergänzt schließlich den „Wohnort“ E. und die „Ortsgruppe“ Elchesheim – ohne weitere Datumsangabe.
Anm. 1: Die Handschrift (1) ist in diesem Fall der ursprüngliche Schreiber, der auch den Stempel mit dem Beitrittsdatum 1. Nov. 1930 machte. Anm. 2: Die Angabe „Elchesheim“ verfolge ich in einem anderen Beitrag. Im Jahr 1934 wurde also rückwirkend ein Parteiaustritt im Jahr 1932 festgestellt und festgehalten. Diesem Akt lag vermutlich ein Schreiben oder eine Anordnung („1.6.32 lt. [unleserlich] [unleserlich] Baden v. 1.10.34/III [unleserlich]“) zugrunde. Im Jahr 1936 wurde dann ein Wiedereintritt festgehalten – zu einem Zeitpunkt, als eigentlich ein Aufnahmestopp in die Partei galt. Auch diesem Eintrag liegt ein Schreiben bzw. eine Anordnung zugrunde („[unleserlich] RL/Bad. 28.8.36“ ). Ernst Maier war zu diesem Zeitpunkt umgezogen – von Zell im Wiesental nach Grenzach – und hatte seine Beschäftigung gewechselt – vom Landarbeiter (UPDATE: Oder doch eher Bauarbeiter?)  zum Zollangestellten. Beiden Umständen gehe ich ebenfalls noch separat nach.
Zu diesem Zeitpunkt, ich nehme, angesichts fehlender Informationen dazu, an, dass Ernst Maier nach seinem Umzug die Ortsgruppe wechseln wollte, wurde ihm offenbar bekannt, dass er nicht mehr länger als Parteimitglied geführt wurde. Was nun folgt, ist durch einen Briefwechsel, der im Bundesarchiv überliefert wurde, dokumentiert: 16. Mai 1936: Ein Dr. Hüssy („Der Vorsitzende“) schreibt unter dem Zeichen J.N. 707/36/Hy/Eg/T. an den „Herrn Gauschatzmeister des Gaues Baden, Karlsruhe“:
Kopie aus dem Bundesarchiv
Nach den mir vorliegenden Feststellungen des Kreisgerichts Schopfheim ist der Pg. Ernst Maier jetzt in Grenzach wohnhaft, Mitgliedsnummer 359 390 im Frühjahr 1932 ohne rechtlichen Grund in der Gau- und Reichskartei gestrichen, weil weder eine freiwillige schriftliche Austrittserklärung von ihm vorliegt, noch ein parteigerichtliches Verfahren gegen ihn durchgeführt ist.  Ein Drama sondergleichen liegt vor: Jemand („irgendeine Parteidienststelle“) streicht Ernst Maier grundlos („Büroversehen“) aus beiden (!) Karteien und der Betroffene erfährt davon erst 2 Jahre später durch Zufall. Er setzt sofort alle Hebel in Bewegung, um das Missverständnis aufzuklären („hat sofort seine Ortsgruppe um die Rückgängigmachung der Streichung gebeten“). Doch nicht seine aktuelle Ortsgruppe (Grenzach) ist zuständig, sondern seine ehemalige (Zell. i.W.). Diese muss nun an das Kreisgericht appellieren (?) und dort – erhält man nie Kenntnis von der Sache! Pg. Maier hat bis heute seine Mitgliedsbeiträge ohne Unterbrechung weiterbezahlt. Ich ersuche deshalb, die Gaukartei durch Wiedereintragung des Pg. Ernst Maier, Grenzach zu berichtigen und das gleiche bei der Reichskartei zu veranlassen. Einen Durchschlag für die Reichskartei füge ich bei. Was wir wissen: Es handelt sich bei diesem Schreiben um einen Beschluss des Gau-Gerichtes Baden, denn das nächste in der Akte überlieferte Schriftstück ist ein Begleitscheiben des oben adressierten Gauschatzmeisters an die Reichsleitung der NSDAP, Kartei-Abteilung, vom 20. Mai 1936 mit der Bitte um Rücknahme der Streichung aus der Reichskartei. Dr. Hüssy war Dr. Oskar Hüssy, gebürtig aus Säckingen, der Jura in München und Basel studierte und ab 1938 Oberbürgermeister von Karlsruhe war. Hüssy war uraltes Parteimitglied und Teilnehmer des Putsches von 1923.   UPDATE: Zu Dr. Oskar Hüssy habe ich folgende Information gefunden: “Die Ernennung Hüssys erfolgte auf direkte Anweisung Wagners, der den ‚alten Kämpfer‘ und Leiter des Gaugerichts dem (Fach-)Bürgermeister Fribolin vorzog.“ (Ernst Otto Bräunche: Im Schatten der Gauleitung – Die Gau- und Landeshauptstadt Karlsruhe 1933-1945, in: Neisen / Maulhardt / Krimm: Kommunen im Nationalsozialismus – Verwaltung, Partei und Eliten in Südwestdeutschland, Ostfildern 2019, S.59-84, hier S.72.)
Was wir vermuten: Der Gauschatzmeister des Gaus Baden hieß Carl Sievers.
Hat jemand Zugriff auf JSTOR und kann mir aushelfen?
Was wir nicht wissen: Wieso im BDC lediglich die Karteikarte aus der Gaukartei (mit Änderungen) vorliegt. Wieso das Kreisgericht Schopfheim in dieser Sache entscheiden sollte und was es mit diesem Gericht auf sich hat. (Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um ein NSDAP-Kreisgericht, in Schopfheim existierte und existiert lediglich ein Amtsgericht). Wie der Vorgang dann zum Gau-Gericht Baden kam. Was das „Einlaufamt R.L.“, das per Stempel den Eingang des Schreibens bestätigte, genau ist. Als nächstes werde ich mich dem weiteren Fortgang des Verfahrens widmen.

Große Sympathien

Die Analyse der vorliegenden Parteikarteikartenkopie aus dem BDC ist nicht ganz einfach. Es sind mindestens drei unterschiedliche Handschriften, dazu Stempel und Streichungen vorhanden. Es gilt, wie bei einer archäologischen Ausgrabung, Schicht für Schicht vorzugehen. 

Teil 1 – Wann trat Ernst Maier der NSDAP bei?

Ernst Maier trat laut seiner im BDC vorhandenen Karteikarte aus der NSDAP-Gaukartei am 01. November 1930 der Ortsgruppe Zell i.W. des Gaus Baden der NSDAP bei. Er erhielt die Parteinummer 359390.  

In einem Artikel aus der FAZ vom 08.12.2016 findet sich eine Reihe hilfreicher Hinweise zur Kontextualisierung sowohl der Karteikarte selbst als auch des Parteieintritts:

  1. „Weil die Nazis doppelte Buchführung betrieben, [gab es] zwei Karteien: Die sogenannte Reichskartei war alphabetisch aufgebaut, wohingegen die ‚Gaukartei‘ territorial geordnet war.“
  2. „Das Jahr 1930 wurde zur entscheidenden Zäsur. Mit mehr als 6,4 Millionen Stimmen wurden die Braunhemden bei der Reichstagswahl im September zweitstärkste Kraft. Nun wuchsen die Mitgliederzahlen rasant.“

Mit einem Parteieintritt im November 1930 wäre Ernst Maier damit ein klassischer Mitläufer, mitgerissen von den Wahlerfolgen zwei Monate zuvor, bei der die NSDAP auch in Baden enorme Zugewinne verzeichnete. Von 2,9% bei der Wahl am 25.05.1928 steigerten sich die Stimmanteile auf 19,2%, insgesamt 226.795 Stimmen. (vgl. https://www.wahlen-in-deutschland.de/wrtwbaden.htm

Von Kondephy – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52558538

Schon 1935 machte ein Parteieintritt im Herbst 1930 auf niemanden Eindruck und hätte wohl kaum als Ausdruck besonderer Parteitreue gegolten. Was aber, wenn das Datum ein ganzes Jahr davor gelegen hätte?

Ernst Maier in seinen eigenen Worten:

Ich habe nie einer Partei angehört, aber als nach 1928 die Arbeitslosigkeit und Elend immer mehr zunahm hatte ich große Sympathien für die einzig deutschdenkende Partei, zur N.S.D.A.P und wurde dann im Herbst 1929 als sechster Mitbegründer der N.S.D.A.P. Ortsgruppe Zoll i/W.
Bei Gründung der Ortsgruppe trat ich zugleich in die S.A. ein, wovon ich am 6. Oktober 1932 zur SS überging.

Aus diesem kurzen Absatz aus seinem selbstverfassten Lebenslauf lässt sich bereits ein ziemlich gutes Bild sowohl der persönlichen wie gesellschaftlichen Situation, in der sich Ernst Maier zum Zeitpunkt seines Parteieintritts befand, entwerfen:  Ein 28-jähriger Landarbeiter, möglicherweise teilzeit-arbeitslos, vermutlich bei den Eltern lebend, ohne große Perspektive, unverheiratet, ohne Partei-Zugehörigkeit aber tendenziell eher national-konservativ eingestellt, aus bäuerlich-katholischem Milieu stammend sucht nach einem Sinn im Leben und findet ihn in Partei und SA. 

Es fällt mir sehr schwer, diese Geschichte nicht sofort so zu glauben und nicht sofort noch mehr Details zu suchen, zu ergänzen, mir vorzustellen. Aber leider leider erfolgte laut offiziellem Parteidokument der Eintritt eben nicht 1929, sondern erst 1930. Das macht die Geschichte nicht kaputt, aber rückt die Motivation zum Engagement in dieser nun eben nicht mehr nur verheißungsvollen, sondern auch relativ erfolgreichen politischen Bewegung in ein anderes Licht.

Als Hinweis darauf, dass zumindest die offizielle Aufnahme tatsächlich erst 1930 erfolgte, lohnt ein Blick in die Mitgliederkartei. Auch hier – wie so oft – ist Wikipedia der schnelle Freund und Helfer:

Die Liste der NSDAP-Parteimitgliedsnummern bietet einen unvollständigen Überblick über bekannte Personen, die der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei angehörten.

Ernst Maier reiht sich damit irgendwo zwischen Otto Ullmann (*1899, 1943 bis 1945 Polizeipräsident in Breslau) und Erich Ernst (*1889) ein, die beide laut Wikipedia 1930 der NSDAP beitraten.

Interessant ist in diesem Kontext auch der ebenfalls in diesem Zeitraum liegende Parteieintritt Werner Bests (*1903), der vor 1940 als eine der Schlüsselfiguren im RSHA gelten kann (vgl. hierzu erneut Wildt, Generation des Unbedingten).

Antwort vom Bundesarchiv

Nur zwei (!) Tage nachdem sich die WASt gemeldet hatte, kam auch eine Antwort vom Bundesarchiv, BDC. Und wer glaubt, dass die Angaben zu Einsatzort und Rang Ernst Maiers schon eine Enthüllung waren…

Was mir das Bundesarchiv zugeschickt hat:

  1. Eine Fotokopie seiner NSDAP-Mitgliedskarte
  2. Die Information, dass eine Akte mit dem Titel „PK/NSDAP-Parteikorrespondenz“ gefunden wurde (Umfang: 8 Seiten)
  3. Eine Akte aus dem Bestand des Rasse- und Siedlungshauptamts (Umfang: 38 Blätter): „unter anderem Verlobungs- und Heiratsgesuch, eine SS-Ahnentafel, ein SS-Erbgesundheitsbogen und auch Passfotos“

Ebenfalls erhalten sind die Unterlagen und Fotos der damaligen Verlobten / Ehefrau. Um abgleichen zu können, ob es sich dabei um Ihre Urgroßmutter handelt, teilen Sie bitte deren Namen und Geburtsdaten mit; sollte sie bereits verstorben sein, geben Sie bitte auch das Todesdatum an.

JA JAJ AJ A

Aaaaaaalter

Drei Tage vorher wusste ich so gut wie nichts, einen Tag vorher hätte ich mich schon über die Kopie aus der Mitgliederkartei abgöttisch gefreut und jetzt sowas.

Katharina hieß sie. Schnell schnell. Was noch? Kostenübernahme, klar, kopiert drauf los. 

Wer schreibt ein Verlobungs- und Heiratsgesuch an das Rasse- und Siedlungshauptamt – der SS?

Spoiler alert:

https://etheses.lse.ac.uk/1410/1/U084457.pdf

Und wieder Wildt: „Grundlage für die rassische Auslese der SS war der Heiratsbefehl vom 31. Dezember 1931. In ihm stellte Himmler als Ziel die ‚erbgesundheitlich wertvolle Sippe deutscher Nordisch-bestimmter Art‘ voran. Um dieses Ziel zu erreichen, führte er ab sofort für alle unverheirateten Angehörigen der SS eine Heiratsgenehmigung ein, die der Reichsführer SS erteilte. Eine solche Heiratsgenehmigung wurde allein ’nach rassischen und erbgesundheitlichen Gesichtspunkten erteilt oder verweigert‘.  […] Zur Bearbeitung der Heiratsgesuche richtete Himmler mit dem Erlaß zugleich ein ‚Rassenamt‘ der SS unter der Leitung von Richard Walther Darré ein, das 1933, nun als ‚Rasse- und Siedlungsamt‘, von München nach Berlin wechselte, wo Darré seine neue Funktion als Reichbauernführer und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ausübte.“ (Wildt, Generation S.191)

Ossetkin

Zunächst also zu meiner Recherche. 

Nachdem ich einen Antrag bei der WASt gestellt hatte und dort eine Wartezeit von bis zu 12 Monaten prognostiziert wurde, habe ich direkt nach weiteren Anknüfungspunkten gesucht.

Das Bundesarchiv verwaltet seit 1994 die Bestände des sog. Berlin Document Center (BDC), das durch die US-Amerikanische Besatzungsverwaltung nach Kriegsende geschaffen worden war. Das BDC umfasst u.a. die Zentrale Mitgliederkartei der NSDAP mit 12,7 Millionen Karteikarten, dazu Parteikorrespondenz, die Personenakten des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS sowie Personalunterlagen von SS- und SA-Angehörigen. 

Der Zugriff auf diese personenbezogenen Akten und Karteien ist nur nach Namen möglich. Für eine Recherche werden vollständige Angaben zum Namen, Vornamen sowie zum Geburtsdatum des Betroffenen benötigt. Weiterführende Angaben zum Beruf oder zu Einsatzorten können hilfreich sein.

Ein Antrag auf Auskunft ist schnell gestellt, aber auch hier muss man sich auf eine längere Wartezeit einstellen: Bitte sehen Sie von Nachfragen zum Stand der Bearbeitung ab, Sie werden nach Abschluss der Recherche unmittelbar benachrichtigt. 

Zunächst erhielt ich, bereits nach einem (!) Monat, brieflich, eine Antwort der WASt:

… teile ich Ihnen mit, dass Ihr Urgroßvater Ernst MAIER geboren am 06. Februar 1901 in Adelsberg seit dem 05. März 1943 als Angehöriger der Einheit Bezirks Kommando Zollgrenzschutz Mitte bei Ossetkin / Russland vermisst wird. Über seinen weiteren Verbleib ist hier nichts bekannt. Ihr Urgroßvater war Zollsekretär. 

So viele neue Informationen auf einmal!

  1. Ernst Maier war tatsächlich „mit dem Zoll“ an der Ostfront
  2. Er war nicht im Baltikum, sondern in „Russland“ -> das ist wichtig, weil es sich um zwei unterschiedliche Heeresgruppen (Nord vs. Mitte) handelt
  3. Er war Zollsekretär

All diese Informationen galt es auszuwerten und sich daran entlang weiter zu hangeln. 

Ich habe also zunächst einmal „Ossetkin“ gegooglet:

Satz mit x.

Ich kürze ab. Es gibt mehrere Orte die in Frage kommen und sie liegen alle im heutigen Belarus.

  1. Асёткі (Asjotki) in der Wizebskaja Woblasz im Rajon Ljosna. Dieser Ort heißt bei Google Asotki.
https://www.google.com/maps/place/Asotki,+Belarus/@54.9659958,30.2130155,10z/data=!4m5!3m4!1s0x46cf89c59d68632d:0x22e3bfd5bb8e9d71!8m2!3d54.9650862!4d30.4942988

2. Асёткі (Asjotki), ebenfalls in der Wizebskaja Woblasz im Rajon Haradok. Dieser Ort heißt bei Google Asietki.

https://www.google.com/maps/place/Asietki,+Belarus/@55.7379565,28.8360256,8z/data=!4m5!3m4!1s0x46c44abfb0f2db73:0xf45ca81d6aa2d88e!8m2!3d55.7363022!4d29.9564177

3. Асёткі (Asjotki), ebenfalls in der Wizebskaja Woblasz im Rajon Wizebsk. Diesen Ort konnte ich auf Google Maps nicht finden, er wird lediglich in der russischen Wikipedia benannt.

https://www.google.com/maps/place/Vitsebsk+District,+Belarus/@55.2612145,29.2612306,8z/data=!4m5!3m4!1s0x46c59d99a87f4c9d:0x941831b9d40aa32a!8m2!3d55.1990028!4d30.223276

Weitere Infos aus Google Maps: Die Distanz zwischen Asietki und Asotki beträgt knapp 200 km mit dem Auto und man würde dafür heute etwa 2 Stunden Fahrtzeit benötigen. Alle zwei (drei) Orte liegen im äußersten Grenzgebiet des heutigen Belarus zu Russland – Asietki im Nordosten in grober Richtung Lettland, Asotki im Osten des Landes in Richtung Smolenks.

https://www.google.com/maps/dir/Asietki,+Belarus/Asotki,+Belarus/@55.3926814,29.3301746,8z/data=!4m14!4m13!1m5!1m1!1s0x46c44abfb0f2db73:0xf45ca81d6aa2d88e!2m2!1d29.9564178!2d55.7363022!1m5!1m1!1s0x46cf89c59d68632d:0x22e3bfd5bb8e9d71!2m2!1d30.4942988!2d54.9650862!3e0

Smolenks lag für die 1941 in die Sowjetunion einfallenden deutschen Truppen auf dem Weg nach Moskau, es galt als primäres Ziel (vgl. Wikipedia). Die Heeresgruppe Mitte nahm die Stadt bereits im Juli 1941 ein. Durch das anschließende Kriegsgeschehen, auf das hier nicht näher eingegangen werden soll, blieben die Truppen der Heeresgruppe Mitte bis 1944 in der gleichen Gegend. Es ist daher an dieser Stelle aufgrund weiterer fehlender Hinweise reine Spekulation, welches „Ossetkin“ in der Vermisstmeldung vom März 1943 gemeint war.

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Sowjetischer_Krieg#/media/File:Operation_Barbarossa_corrected_border.png

Sebastian Haffner, *1907

In seinem Grundlagenwerk Generation des Unbedingten charakterisiert Michael Wildt die in den Jahren des 1. Weltkriegs Aufgewachsenen, die sog. Kriegsjugendgeneration. Er schreibt den zwischen 1900 und 1910 Geborenen zu, sie hätten den Krieg, in den sie im Unterschied zu ihren älteren Brüdern nicht ziehen mussten / durften, so, wie […] Sebastian Haffner, Jahrgang 1907, als Junge in Berlin empfunden […]: der Krieg als ein „großes, aufregendbegeistertes Spiel der Nationen, das tiefere Unterhaltung und lustvollere Emotionen beschert, als irgendetwas, was der Frieden zu bieten hat“. (Wildt, Michael: Generation des Unbedingten  – Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002, S. 51.

Sebastian Haffners hellsichtige Analyse der eigenen Generation und Zeit zieht Wildt als Quelle für seine Studie zum Führungskorps des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) heran. Er betrachtet darin eine gesellschaftliche Gruppe, zu der Ernst Maier geographisch wie sozial eine maximal Distanz hatte – nichtsdestoweniger sind die Erfahrungen, die sie alle als Männer eben dieser Kriegsjugendgeneration teilen, wichtig. 

Sebastian Haffner, der 1938 nach Großbritannien emigrierte, stellte von dort bereits 1939 die These auf, dass die eigentliche Generation des Nazismus […] die in der Dekade 1900 und 1910 Geborenen, die den Krieg ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit als großes Spiel erlebt haben, [seien]. (Haffner, Sebastian: Erinnerungen eines Deutschen, München 2002, S.22.)

Volker Ulrich benannte in einer Rezension für die Zeit Haffners „Kernthema“ wie folgt: es bestand eine Anfälligkeit der zwischen 1900 und 1910 Geborenen für die Verführung, die Nationalsozialismus hieß. Den Prägungen dieser Generation in Krieg und Nachkriegszeit spürt er, vom eigenen Fall ausgehend, mit großer Einfühlungskraft nach.  

Nun ist Haffner wiederum einige Jahre jünger als Ernst Maier und gehört damit innerhalb der von ihm definierten Generation zu den Jüngeren – die den Krieg tatsächlich als Schuljungen und nicht als Jugendliche, die grade ein oder zwei entscheidende Jahre zu jung waren, erlebten. Für den Moment schließe ich mich zunächst seiner Interpretation an, dass der Erste Weltkrieg und die sich anschließende Revolution als These und Anti-These betrachtet werden müssen:

Die Revolution wirkte auf mich und meine Altersgenossen gerade umgekehrt wie der Krieg: Der Krieg hatte unser wirkliches, tägliches Leben bis zur Langeweile unverändert gelassen, dafür aber unserer Phantasie reichsten und unerschöpflichen Stoff gegeben. Die Revolution brachte viel Neues in die tägliche Wirklichkeit, und das Neue war bunt und aufregend genug […] aber sie ließ die Phantasie unbeschäftigt. Sie hatte nicht, wie der Krieg, sozusagen ein einfaches und einleuchtendes Dasein, in das man die Ereignisse einordnen konnte. Alle ihre Krisen, Streiks, Schießereien, Putsche, Demonstrationszüge blieben widerspruchsvoll und verwirrend. Nie wurde es recht klar, um was es eigentlich ging. Man konnte sich nicht begeistern. Man konnte nicht einmal verstehen. (Haffner, S. 33)

Es ist für die gesamte weitere deutsche Geschichte von verhängnisvoller Bedeutung gewesen, daß der Kriegsausbruch, trotz allem fürchterlichen Unglück, das ihm folgte, für fast alle mit ein paar unvergeßlichen Tagen größter Erhebung und gesteigerten Lebens verbunden geblieben ist, während an die Revolution von 1918, die doch schließlich Frieden und Freiheit brachte, eigentlich fast alle Deutschen nur trübe Erinnerungen haben. (Haffner, S. 27)

Für Ernst Maier trifft diese Beschreibung einer allgemeinen Seelenlage sicherlich zu, wenn man seine Einschätzung des Ausbruchs der Revolution und seine Reaktion darauf (s. vorangegangenen Post) betrachtet. Trotzdem gilt es – neben den sozialen Unterschieden, die zwischen dem Gymnasiasten Haffner und dem Bauhilfsarbeiter und Maurer Maier – und den regionalen, hier Berlin, dort die 250-Einwohner-Gemeinde Adelsberg, auch den inter-generationellen Generationenunterschied (geb. 1901 – geb. 1907) zu beachten. Ich werde später auf all diese Punkte zurück kommen und mich u.a. mit der Frage beschäftigen, ob das Gefühl des zu-kurz-gekommen-Seins als Krieger, das bei Ernst Maier (und Rudolf Höß) artikuliert wird, Haffners These schwächt oder stützt.

Rudolf Höß, *1901

Auf ARTE lief die großartige Serie Krieg der Träume, die ich sehr empfehle. Eine der handelnden Personen ist Rudolf Höß, der spätere Kommandant von Auschwitz. 

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/arte-serie-krieg-der-traeume-was-zwischen-den-kriegen.1008.de.html?dram:article_id=427807

Die Figur basiert in der Serie ausschließlich auf autobiographischen Schriften, wie die 1946/47 in polnischer Gefangenschaft verfassten Erinnerungen Höß‘.

Rudolf Höß wurde am 25. November 1901 als Sohn katholischer Eltern in Baden-Baden geboren. […] Nach dem Tod des Vaters blieb Höß in der Schule sitzen und meldete sich angeblich im Alter von 15 Jahren während des Ersten Weltkrieges freiwillig zur Armee. […] Seine diesbezüglichen, sehr ausgeschmückten Darstellungen in seiner Autobiographie sind inzwischen widerlegt. Höß machte in Mannheim eine Lehre, war dort bis Ende 1917 gemeldet und verzog dann ins benachbarte Friedrichsfeld (heute Stadtteil von Mannheim). […]


1919 schloss Höß sich dem Freikorps Roßbach an und nahm an Kämpfen im Baltikum, im Ruhrgebiet und in Oberschlesien teil. Danach schlug er sich zeitweise als Tagelöhner durch. Die dabei erlittenen persönlichen Niederlagen ließen ihn den Suizid erwägen, bis er auf die NSDAP aufmerksam wurde und ihr im November 1922 beitrat (Mitgliedsnummer 3.240).  […]

Am 20. September 1933 trat Rudolf Höß in die Allgemeine SS (SS-Nr. 193.616) ein. 1934 forderte Himmler ihn nach seiner Angabe auf, der Totenkopf-SS beizutreten. Ab diesem Jahr wurde er als Blockführer und ab April 1936 als Rapportführer im KZ Dachau eingesetzt. Im August 1938 wurde er Adjutant des Lagerkommandanten im KZ Sachsenhausen und ab November 1939 dortiger Schutzhaftlagerführer im Rang eines SS-Hauptsturmführers. Im Mai 1940 erging seine Versetzung als Lagerkommandant ins KZ Auschwitz.
(Wikipedia)

Rudolf Höß‘ Lebenslauf gleicht dem von Ernst Maier an so vielen Stellen, dass ich nicht anders konnte, als mir seine Autobiographie vorzunehmen. Ich werde sicher im Laufe der Zeit immer wieder darauf eingehen und wieso ich das denke und was ich daraus schließe, an dieser Stelle vorneweg ein Zitat aus seinen Erinnerungen:

[…] voll Gram um meine verlorene Heimat ging ich noch am gleichen Tag zu meinem Onkel, der mein Vormund gewesen war, und erklärte ihm kurz und bündig, daß ich nicht Geistlicher werden würde. […] Ohne Verabschiedung verließ ich wutentbrannt das „verwandtschaftliche“ Haus und fuhr am anderen Tage nach Ostpreußen, um mich bei einem Freiwilligen-Korps nach dem Baltikum zu melden. (Broszat, Martin (Hg.): Kommandant in Auschwitz – Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, München 2017 (27. Auflage), S.48f.)

Hierzu ergänzt Martin Broszat, der Herausgeber der Erinnerungen folgende Information:

In einem kurzen, handschriftl. Lebenslauf, den Höß am 19.6.1936 aus Dachau dem SS-Personalamt einreichte (vgl. Personalakte), schrieb er über diese Jahre: „In der Heimat entlassen, meldete ich mich sofort zum Ostpr. Freiw. Korps zum Grenzschutz, kam dann zum Freikorps Roßbach und machte dabei all die Kämpfe im Baltikum, Mecklenburg, Ruhrgebiet und in O/S mit. […]“ (ebd. FN 1)

Zum Vergleich ein Auszug aus einem selbst verfassten Lebenslauf Ernst Maiers vom 22. August 1935: 

Bei Kriegsende 1918 in meinem Vaterlande die Revolution und vom Osten her vom Bolschewismus bedroht, meldete ich mich als 18jähriger am 6.3.1919 freiwillig zur 1. Garde Res. Division Grenzschutz (Ost)
Nach dem Rückzug aus dem Baltikum kam ich zur Hafenwache im Stettiner-Freihafen, wovon ich dann Ende Oktober 1919 zum Reichswehr Inf.Reg. 115 überwiesen wurde.

Über Nazis lesen und schreiben

Als ich noch an der Uni gearbeitet und den Traum von der Doktorarbeit geträumt habe, hat ein Kollege auf die Frage danach, wieso er sich eigentlich mit der Ustascha beschäftigt, geantwortet, er wollte nicht einer dieser Historiker sein, die nur ihre eigene Geschichte erzählen.

Kurze Zeit später, als ich mich nach einem neuen Job umsah – der Dr. war ausgeträumt – hat mich eine Freundin gefragt, was ich denn gerne machen würde, wenn ich völlig frei wählen könnte und jemand würde mich dafür bezahlen. „Den ganzen Tag nur Bücher über Nazis lesen“ habe ich geantwortet. Mich haben eigentlich immer nur die Nazis interessiert. Die echten. Nicht die vom Balkan.

Es dürfte also niemanden wundern, dass mich dieser geheimnisvolle Uropa, über den man „nichts“ weiß, und die Frage, was er im Krieg eigentlich gemacht hat, fasziniert. Ich will eine dieser Historikerinnen sein, die nur ihre eigene Geschichte bzw. die ihrer Familie erzählt. 

Also habe ich mich irgendwann einfach mal dran gesetzt. Meine Recherche begann vor etwas mehr als zwei Jahren mit einer Anfrage an die sog. „Deutsche Dienststelle“:

Art der Auskuft: Auskunft über Angehörige
Verwandtschaftsverhältnis zum Antragsteller: Urgroßvater
Nachname: Maier
Vorname: Ernst
Name zur fraglichen Zeit: Ernst Maier
Geburtsdatum: 06.02.1901
Geburtsort: Nicht bekannt
Familienstand: verheiratet
Heimatanschrift: Nicht bekannt
Sterbedatum: Nicht bekannt
Waffengattung: Anderes
Bitte angeben: Zollgrenzschutz
Kriegsgefangenschaft (Gewahrsamsmacht): Nicht bekannt
Dienst-/Beschäftigungsverhältnis: Nicht bekannt

Ich wusste also nicht viel.

Inzwischen weiß ich viel mehr, habe aber zeitweise den Fokus / die Motivation / die Zeit verloren, mich mit den Details auseinander zu setzen. Klar war da immer diese Stimme, die die Ordner mit den Kopien rumliegen sah und die genervt hat, ich müsste mich doch wieder damit beschäftigen. Aber irgendwann sind aus 2 Wochen 2 Monate und irgendwann sogar 2 Jahre geworden und plötzlich trudeln die bestellten Dokumente, für die eine Wartezeit von 20 Monaten veranschlagt war, ein und jetzt endlich setze ich mich hin und schreibe auf, was ich erzählen will. 

Aber Großvater, warum hast du so lange Ohren?

Update 07.01.2019

Von der schwarzen Uniform meines Uropas.

Ich stelle mir vor, Ernst sah aus wie mein Onkel Gerd, sein Enkel, und ich stelle mir vor, er würde sich über diesen Vergleich freuen. Aus seiner Akte liegen mir drei Bilder vor, auf jedem hat er einen verkniffenen Blick. Dunkle Haare, breites Gesicht, erstaunlich markante Wangenknochen, eine etwas knollige Nase. Den Vergleich hat zuerst meine Mutter angestellt, aber es ist etwas dran. Groß war er auch nicht, nur 1,66m und 63,4kg schwer. Dem 34-jährigen steht die Uniform nicht schlecht. Die Stiefel reichen bis zum Knie, in der linken Hand hält er Handschuhe, er steht neben einem Tisch mit zierlichen Beinen im Atelier des Fotografen und stützt die rechte Hand leicht ab. Ist die Uniform wirklich schwarz, oder ist das nur meine Zuschreibung? Dunkelgrün wäre auch möglich, oder dunkelblau theoretisch. Am Kragen zwei Striche – sagt man das so? Keine weiteren Abzeichen oder Auszeichnungen.
Es gibt ein weiteres Foto, darauf ist Ernst mit seiner Frau, Katharina, und den beiden Söhnen, Adalbert und Arno abgebildet. Auf diesem Bild trägt er ganz sicher die schwarze Uniform der SS. Das Bild liegt mir nicht vor, aber ich hätte meinen Opa ja nicht danach gefragt, wenn mir der Umstand nicht sofort ins Auge gefallen wäre. Das Bild ist wie alle Bilder, die ich von Ernst kenne, schwarz-weiß – wieso war ich mir sofort so sicher? seine Dienstuniform des Zollgrenzschutzes Auf diesem zweiten Bild, das ich nur rekonstruieren kann, weil es irgendwo bei Opa in der Schublade liegt und darauf wartet, dass ich vorbei komme und ihn nochmals darauf anspreche, muss Opa etwa 4 Jahre alt sein und sein Bruder noch jünger. Ich müsste nachfragen, wann Arno geboren ist, aber erstmal ist das nicht so wichtig. Opa ist Jahrgang 1937, sein Vater, mein Uropa Ernst, seit dem 5. März 1943 an der Ostfront vermisst. Da war er 42 Jahre alt, hatte zwei kleine Kinder und war schon, soweit ich weiß, seit mehreren Jahren im Kriegseinsatz. Mein Opa, hat seinen Vater so gesehen also nie kennen gelernt. Er erfuhr von seiner Mutter nur so viel: Ernst war als “Zöllner” – so nennen wir Zollangestellte in Südbaden – in Russland eingesetzt. Seine Einheit befand sich irgendwo im Baltikum auf einer Patrouille, als sie von Partisanen überfallen wurde. Ernst, der von Berufs wegen einen Schäferhund führte, wurde von den Partisanen um dieses Hundes willen erschossen. Der einzige Überlebende der Einheit berichtete dies Jahre später an Katharina, die Ehefrau und diese wiederum an ihre Söhne. Ich habe die Geschichte irgendwann von meiner Mutter gehört, in welchem Zusammenhang weiß ich nicht mehr, unbewusst waren mir die groben Stichpunkte schon lange bekannt und ein bisschen gewundert habe ich mich auch schon. Denn an dieser Geschichte sind viele Dinge irritierend. Und dann sah ich das Bild von Ernst in seiner schwarzen Uniform. Opa, sag mal, war dein Vater in der SS? Ich habe seither versucht, diesen Mann, Ernst, der mein Uropa war, aus großer zeitlicher Distanz kennen zu lernen. Ich habe seine Geschichte jedem erzählt, der sie hören wollte. Immer mit einem gewissen Show-Effekt – nichts macht ein erstes Date spannender, als die Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie – und der Erwartung, dass mein Gegenüber ähnliche Geschichten zum Besten geben wird. Ich habe tief in die Trickkiste des Historikers gegriffen – man hat ja nicht umsonst 6 Jahre lang Geschichte studiert – und habe, wo sie mir über den Weg lief oder empfohlen wurde, Literatur aufgesogen von Anderen, die Ähnliches versucht haben. Ich will versuche, diesen Ernst, der mein Uropa war, vorzustellen, seine Zeit, die Gegend und soziale Schicht aus der er kam zu beschreiben, den Weg den er einschlug und wohin er ihn führte nachzuzeichnen.