Fragebogen (Katharina)

Natürlich muss auch die auserkorene zukünftige Ehefrau Angaben zu Herkunft und Leben machen. Katharina hält sich dabei verhältnismäßig kurz. Ihre selbstverfassten Angaben sind (teilweise) in Sütterlinschrift verfasst. Interessanterweise scheint sich darin der Altersunterschied von Ernst und Katharina bemerkbar zu machen, denn laut Wikipedia wurde Sütterlin ab 1915 in den Schulen gelehrt.

Name (leserlich schreiben): Winter Katharina

geb. am 1. März 1912 zu Grenzach Baden Kreis: Lörrach

Land: Baden jetzt Alter: 23 1/2 Jahre Glaubensbek.: kathol.

Jetziger Wohnsitz: Allschwil Wohnung: Herrenweg 15

Beruf und Berufsstellung: Verkäuferin, zur Zeit Hausangestellte

Welcher Konfession ist der Antragsteller? kathol die zukünftige Braut? kathol.

Lebenslauf

Mein Name: Katharina Winter, bin geboren am 1. März 1912 in Grenzach Baden, als Tochter des Steindruckers Andreas Winter und seiner Ehefrau Anna Reinhold. Habe von 1918 bis 1926 die Volksschule Grenzach besucht, war dann von 1927 bis 1930 als Lehrmädchen (Verkäuferin) im Allgemeinen Konsumverein Grenzach tätig. Da infolge Personalabbau ich als ausgelernte Verkäuferin nicht bleiben konnte, nahm ich Stellung als Dienstmädchen an.

Ich besuchte in den nächsten Jahren einen Haushaltungskurs sowie einen Nähkurs. Da ich eine kaufmännische Stellung in der Folgezeit nicht fand, bildete ich mich durch Stellenwechsel im Haushalt aus, und bin seither ununterbrochen im Haushaltungsdienst.

 Heil Hitler!

Katharina Winter

1. März 1912: Katharina ist 11 Jahre jünger als Ernst. Ich habe bereits meine Vermutung geäußert, dass Ernst erst jetzt, in vergleichsweise fortgeschrittenem Alter, an die Gründung einer Familie denken konnte, weil er erst jetzt eine sichere Stelle – und sogar eine Dienstwohnung in Aussicht – hatte.

Steindrucker: jemand, der Steindrucke (Lithografien) herstellt (Wiktionary)

Allschwil ist eine politische Gemeinde im Bezirk Arlesheim des Schweizer Kantons Basel-Landschaft (Wikipedia).

Heute benötigt man mit dem Auto etwa 25 Minuten von Grenzach nach Allschwil, mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine knappe Stunde. Das Haus im Herrenweg 15 steht noch, die Bauweise deutet darauf hin, dass es sich um dasselbe Haus handelt, in dem Katharina beschäftigt war.

1935 könnte Katharina von Grenzach aus den Zug nach Basel genommen und dort auf die Tram („s‘Drämmli“) gewechselt haben. Sehr viel länger als heute wird sie für dein Weg nicht gebraucht haben:

Nach der Korrektion des Dorfbaches und der Baslerstrasse wurde am 1. Juli 1905 die Tramlinie Barfüsserplatz – Allschwil offiziell eingeweiht. S’Drämmli ersetzte die bisher noch auf dieser Strecke verkehrende Postkutsche. Nach der Basler Stadtgrenze fuhr das Tram damals noch überwiegend durch eine unverbaute Landschaft bis an die Dorfgrenze von Allschwil. Ab Dezember 1919 verkehrte der Sechser auf der Strecke Allschwil – Riehen, ab 1926 fuhr er durchgehend bis nach Lörrach. Als am 1. September 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach, wurde die deutsche Strecke nicht mehr befahren. (allschwil.ch)

Trotz dieser guten Verkehrsanbindung, lebte Katharina jedoch im Haus ihrer Arbeitgeber, so wie es ihre Stellung vorsah. Eine schnelle Google-Recherche bringt eine Studie von Andrea Althaus hervor, die sich mit dem Phänomen deutscher und österreichischer Arbeitsmigrantinnen in die Schweiz zwischen den 1920er und 1960er Jahren befasst: Vom Glück in der Schweiz?. Weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich (1920-1965), Frankfurt 2017.

nahm ich Stellung als Dienstmädchen an: Das In-die-Schweiz-Gehen war ein Massenphänomen. Zwischen 1920 und 1965 arbeiteten jedes Jahr etwa 30 000 Deutsche und Österreicherinnen in schweizerischen Privathaushalten und Gastwirtschaften. Nur während des Krieges waren es weniger. (zeit.de)

Althaus stellt […] fest, dass lediglich ein Viertel ihres Samples ökonomische Gründe für die Migrationsentscheidung in den Vordergrund stellt. Sie widerlegt zudem die verbreitete Vorstellung, dass Dienstmädchen vorwiegend aus ländlichen Gebieten und aus prekären sozialen Verhältnissen kamen, und macht im Gegenteil einen relativ hohen Anteil von Migrantinnen aus, die gut ausgebildet waren und zwar aus einfachen, aber nicht aus bedürftigen Verhältnissen stammten. Wichtiger für die Migrationsentscheidungen waren laut Althaus andere Beweggründe: Migration als Befreiung, Migration als Abenteuer und Migration als Bildungsmöglichkeit. (hsozkult.de)

In ihrem Lebenslauf stellt Katharina zwar ökonomische Gründe in den Mittelpunkt (damals wie heute scheinen die Schweizer Löhne für die Bewohner Grenzachs ein gutes Argument gewesen zu sein), andererseits betont sie, dass sie ihre Anstellung dazu genutzt habe, sich weiter zu bilden.

Erstes Fazit

Mit Katharina habe ich mich bisher kaum auseinander gesetzt. Ich weiß über sie verhältnismäßig mehr und könnte Opa auch viel mehr fragen, weil sie ja noch lange gelebt hat. Trotzdem ist sie für mich bisher eher blaß geblieben.

Zum Zeitpunkt als sie diese Selbstauskunft verfasst, ist sie also 23 1/2 Jahre alt, hat eine normale Schulbildung und eine Ausbildung als Verkäuferin absolviert. Ihre Eltern leben beide noch, sie hat eine jüngere Schwester. Der Vater hat einen eher exotischen Beruf – Steindrucker bzw. Lithograf, die Familie hat einen handwerklichen/kleinbürgerlichen Hintergrund.

Zum aktuellen Zeitpunkt arbeitet Katharina bereits seit 5 Jahren als Hausangestellte (in der Schweiz), sie verdient ihr eigenes Geld und lebt außerhalb des Elternhauses. Irgendwann 1934/35 hat sie irgendwo – vermutlich in Grenzach, als sie zu Besuch war – Ernst kennen gelernt. Wir wissen auch, dass sie zum Zeitpunkt der Antragstellung bereits schwanger war. Das Kind, eine Tochter, wird nicht überleben, aber sie wird mit Ernst zwei weitere Söhne haben. Die Familie zieht von Grenzach in den Nachbarort Inzlingen, dann Rheinabwärts nach Elchesheim, schließlich nach 1940 nach Wildenstein im Elsaß. Als Ernst an der Ostfront verschwindet, ist Katharina noch nicht ganz 31 Jahre alt.

Katharina, geboren 1912, gehört einer anderen Generation an als Ernst. Während des Ersten Weltkriegs war sie ein Kind, kam erst nach dem Krieg in die Schule. Während Ernst also, vereinfacht gesagt, in den Krieg wollte, aber nicht konnte, ja sogar einen Bruder verlor, wuchs Katharina mit der Weimarer Republik – und deren Erzählung(en) vom Krieg auf.

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